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Heidmann beantwortete die Frage mit einem Blinzeln. Er war in seinem Leben noch niemals ernstlich krank gewesen, geschweige denn verletzt worden, aber er hatte Situationen wie diese zur Genüge miterlebt, um zu wissen, daß es besser war, wenn er wirklich genau tat, was der Arzt von ihm verlangte. Aber es ging nicht nur um ihn. Er mußte ihm sagen, was sich dort drüben im Haus abspielte. Unbedingt. Doch allein der Versuch, seine Stimmbänder zu bewegen, bereitete ihm neue, unerträgliche Qualen.

Der Arzt stieß ihm eine Nadel in die linke Armvene und drückte den Kolben der Spritze herunter. Heidmann spürte beides hundertmal intensiver, als ihm lieb gewesen wäre, aber es dauerte auch nur einen kurzen Moment, bis sich eine kribbelnde Woge wohltuender Betäubung in seinem Arm auszubreiten begann und rasch weiter nach oben stieg. Der Schmerz verging nicht ganz, sank aber doch auf ein beinahe erträgliches Maß herab.

»Das ist das Stärkste, was ich Ihnen geben kann«, sagte der Arzt mit einemTon echten Bedauerns in der Stimme. »Machen Sie sich keine Sorgen, Sie kommen durch.«

Als ob es darum ginge! Heidmann dachte in diesem Moment nicht an sich. Er war kein Held. Das war er nie gewesen. Er hätte niemals von sich selbst geglaubt, daß er imstande wäre, sein eigenes Leben zu riskieren, um das eines anderen zu retten, aber nun war es ihm egal, was mit ihm geschah. Er mußte die Männer dort draußen warnen. Niemand durfte in dieses Haus gehen. Was dort drüben wartete, war schlimmer als derTod. Er versuchte es, aber seine Stimmbänder versagten ihm auch jetzt den Dienst. Die kribbelnde Linie, hinter der der Schmerz seine absolute Herrschaft über seinen Körper verloren hatte, hatte seine Schulter erreicht und begann sich nun langsam in seinem Brustkorb auszubreiten. Vielleicht konnte er reden, wenn das Medikament seine volle Wirkung entfaltet hatte.

Der Arzt verabreichte ihm eine zweite Injektion, warf ihm einen langen, besorgten Blick zu und richtete sich dann ein wenig auf.

»Was ist da vorne los?« rief er, lauter und mit sehr scharfer Stimme. »Wieso fahren wir nicht? Der Mann muß ins Krankenhaus! «

Er bekam keine Antwort, aber nur einen Augenblick später wurde die Hecktür des Krankenwagens unsanft aufgerissen. Heidmann hörte aufgeregte Stimmen, die offenbar miteinander stritten, dann konnte er hören, wie jemand in den Krankenwagen stieg und näher kam.

»Was soll das?« fragte der Arzt aufgebracht. »Was fällt Ihnen ein? Sehen Sie nicht, daß der Mann schwer verletzt ist? Sie haben hier nichts zu suchen! «

»Es tut mir leid, Herr Doktor«, sagte der Eindringling. »Aber ich muß mit dem Patienten reden. «

»Das kommt überhaupt nicht in Frage!« erwiderte der Arzt zornig. »Der Mann wird mit niemandem reden. Er muß ins Krankenhaus. Sofort. «

»Bitte, Herr Doktor – machen Sie es nicht unnötig schwer. Es dauert wirklich nur einen Moment, aber es ist sehr wichtig. « Heidmann erkannte die Stimme jetzt, aber es gelang ihm im ersten Moment nicht, ihr einen Namen oder ein Gesicht zuzuordnen. Dann wußte er, wer es war: Kenneally. Die Erkenntnis erfüllte ihn mit einer Mischung aus Erleichterung und Staunen. Er hatte ganz automatisch angenommen, daß der CIA-Agent Smith' Schicksal geteilt hatte und ebenfalls tot war.

Der Arzt wollte erneut auffahren, aber Kenneally schnitt ihm mit einer herrischen Geste das Wort ab. Er tat noch mehr: Mit einer scheinbar mühelosen Bewegung ergriff er den Arzt am Handgelenk, zog ihn in die Höhe und bugsierte ihn zur Tür hin, wo bereits zwei weitere Männer warteten. Ohne auf die lautstarken Proteste und die heftige Gegenwehr des Arztes zu reagieren, ergriffen sie ihn an beiden Armen und zerrten ihn davon.

Kenneally nahm auf dem Hocker Platz, auf dem der Arzt gesessen hatte, und sah Heidmann nachdenklich ins Gesicht. Er tat das sehr lange – drei, vier, fünf Sekunden – , und die Art, auf die er ihn musterte, ließ Heidmann innerlich erschauern. Womit immer er gerechnet hatte, nichts davon war in Kenneallys Blick. Seine Augen waren kaum weniger kalt als die der Insekten, denen er im Haus begegnet war. »Können Sie mich verstehen?« fragte er.

Heidmann antwortete auf die gleiche Art, auf die er sich mit dem Arzt verständigt hatte, und Kenneally runzelte flüchtig die Stirn.

»Was ist da drüben passiert?« fragte er. »Wo sind Smith und die anderen?«

»Tot«, antwortete Heidmann. Das Medikament hatte seine Wirkung jetzt voll entfaltet. Er hatte immer noch Schmerzen, fühlte sich aber zugleich auch auf eine wohlige Art benommen. Das Reden bereitete ihm weniger Mühe, als er erwartet hatte.

»Salid hat sie umgebracht«, vermutete Kenneally, aber Heidmann schüttelte mühsam den Kopf.

»Sie dürfen da … nicht wieder hineingehen«, sagte er stockend. »Schicken Sie … niemanden mehr … dorthin.« Kenneally runzelte die Stirn. »Was soll das heißen?«

»Es war nicht … Salid«, sagte Heidmann mühsam. Das Gefühl wohliger Benommenheit wich einer immer heftigeren Müdigkeit. Aber so sehr er sich die Ohnmacht gerade zurückgewünscht hatte, so heftig kämpfte er jetzt dagegen an. Er durfte nicht das Bewußtsein verlieren, noch nicht. »Die … Käfer«, murmelte er. »Sie werden … alle töten.«

»Käfer?« Zum erstenmal sah er so etwas wie eine menschliche Regung auf Kenneallys Gesicht: einen Ausdruck ungläubiger Verblüffung. »Wovon reden Sie?«

»Insekten«, flüsterte Heidmann. Seine Stimme war so leise, daß er nicht einmal sicher war, ob er das Wort überhaupt aussprach. Trotzdem fuhr er fort: »Käfer … überall. Sie … haben Smith gefressen und … die Frau. «

»Was zumTeufel hat Ihnen dieser Idiot von Arzt gespritzt?« fragte Kenneally.

»Nein!« stöhnte Heidmann. »Es ist … wahr. Gehen Sie nicht… zurück.«

Kenneally starrte ihn noch einen Moment lang zornig an, dann stand er mit einem so heftigen Ruck auf, daß sein Schemel zurückflog und umfiel. Ohne Heidmann auch nur noch eines einzigen weiteren Blickes zu würdigen, wandte er sich um und ging.

»Nein«, keuchte Heidmann. »Bleiben Sie … hier! Es ist wahr. Sie dürfen nicht … nicht wieder zurück.«

Aber Kenneally hörte ihn nicht mehr. Er hatte den Wagen längst verlassen. Heidmann konnte hören, wie er sich draußen auf englisch mit jemandem unterhielt. Eine dumpfe Verzweiflung begann sich in ihm breitzumachen. Sie durften nicht zurück. Die Insekten hatten ihn gehen lassen, aber nur, um die anderen zu warnen. Sie würden keinen weiteren Eindringling in ihrem Reich dulden.

Der Gedanke, was den Männern widerfahren würde, die sich vermutlich gerade in diesem Moment auf Kenneallys Befehl hin bereitmachten, das Haus zu stürmen, erfüllte ihn mit einem solchen Entsetzen, daß er all seine Kraft zusammennahm und sich mühsam ein kleines Stück weit in die Höhe stemmte. Sein Körper quittierte diese Anstrengung mit einer neuen Welle wütender Schmerzen, aber Heidmann biß die Zähne zusammen und kämpfte sich weiter hoch. Erneut begannen rote Schleier vor seinen Augen zu tanzen und ihm wurde übel, doch er kämpfte auch dieses Gefühl nieder und stemmte sich in einer verzweifelten Anstrengung auf der unverletzten linken Hand in die Höhe, so weit es ging. Stöhnend hob er den Kopf und zwang sich, die Augen wieder zu öffnen. Er war nicht mehr allein. jemand hatte den Krankenwagen betreten und stand gebückt vor ihm.

Im allerersten Moment dachte er, es wäre Kenneally, der noch einmal zurückgekommen war, oder vielleicht der Arzt. Dann klärte sich sein Blick, und er erkannte, daß es keiner von beiden war.

Heidmann erstarrte. Etwas in ihm erlosch. Er spürte keinen Schmerz mehr, keine Angst. Alles, was er gerade noch gedacht und gefühlt hatte, war fort, und alles, wozu er fähig war, war, das Gesicht des Fremden anzustarren, der den Krankenwagen betreten hatte und auf ihn herabblickte. Dieses Gesicht – großer Gott, dieses Gesicht!

»Nein! « flüsterte er. Und dann noch einmaclass="underline" »Nein! «

Die Gestalt hob den Arm und streckte die Hand nach ihm aus. Heidmann keuchte vor Entsetzen, stieß sich sowohl mit der unverletzten rechten als auch mit der verstümmelten linken Hand ab und kroch, die gelähmte untere Hälfte seines Körpers wie ein lebloses Anhängsel mit sich zerrend, von dem Fremden fort. Sein Blick hing dabei wie gebannt an dessen Augen. Augen, die groß und dunkel und uralt waren, von einem Wissen erfüllt, dessen bloße Ahnung etwas in ihm zu verbrennen schien. Er hatte das Gefühl, sterben zu müssen, wenn er ihrem Blick auch nur noch eine weitere Sekunde ausgesetzt war, aber es war ihm auch unmöglich, ihm auszuweichen. Wimmernd vor Furcht kroch er zurück, so weit er konnte. Die Hand des Fremden folgte ihm, näherte sich seinem Gesicht und berührte ihn flüchtig an der Stirn.