Выбрать главу

Ein weißglühender Ball aus purem Feuer explodierte in Heidmanns Rücken, breitete sich rasend schnell in seinem ganzen Körper aus – und erlosch.

Mit ihm erloschen die Schmerzen, und zugleich kehrte das Gefühl in die untere Hälfte seines Körpers zurück. So abrupt, daß sich seine Beine ruckartig fast einen halben Meter von der Liege hoben und dann zurückfielen. Heidmann keuchte vorÜberraschung und Schrecken, setzte sich auf und betrachtete aus ungläubig aufgerissenen Augen seine Beine. Sie zitterten. Er konnte fühlen, wie sie zitterten. Er war nicht länger gelähmt. Er hatte gespürt, wie die Gewehrkugeln sein Rückgrat zertrümmert und die empfindlichen Nerven ein für alle Male durchtrennt hatten, aber er konnte die Beine bewegen! Und mehr noch: Als er die rechte Hand hob und seine Finger betrachtete, sah er, daß die Wunde nicht nur aufgehört hatte zu bluten, sondern praktisch vollkommen verheilt war. Das Wunder hatte seine Grenzen – das abgerissene Fingerglied war nicht nachgewachsen, aber der Stumpf war mit glatter, rosafarbener Haut überzogen und tat nicht einmal weh.

Heidmann hob mit einem Ruck den Kopf und sah sich um. Er war allein. Der unheimliche Fremde war so lautlos verschwunden, wie er gekommen war.

Einen kurzen Moment lang erwog er sehr ernsthaft die Möglichkeit, daß er ins Koma gefallen war und einer bizarren Fieberphantasie erlag, schob diesen Gedanken aber sofort wieder von sich. Selbst wenn es so war, hätte er keine Möglichkeit, sich Klarheit zu verschaffen, und trotz allem war das Geschehen so real, wie es nur sein konnte; mehr noch – ihm war, als spüre er zum erstenmal im Leben überhaupt, was Realität bedeutete und als sei ganz im Gegenteil alles, was er bisher erlebt hatte, nur ein Ausschnitt eines viel größeren, komplizierteren Ganzen gewesen, das er auch jetzt noch nicht erfassen konnte, aber nun zum erstenmal überhaupt erahnte. So mußte sich jemand fühlen, der von den Toten zurückgekommen war. Er hatte gehört, daß Menschen, die nach einem klinischen Tod wieder aufgewacht waren, ein völlig anderes Verhältnis zum Leben entwickelten, aber er hatte nicht geglaubt, daß es so war.

Ohne sich der Bewegung selbst bewußt zu sein, setzte er sich endgültig auf und schwang die Beine von der lederbezogenen Liege. Erst als seine Füße den Metallboden des Wagens berührten, wurde ihm klar, welches Wunder diese eigentlich so selbstverständliche Bewegung darstellte. Nicht einmal, weil sie noch vor einer Minute für ihn vollkommen unmöglich gewesen wäre. Plötzlich überkam ihn eine große, fast allgewaltige Ehrfurcht vor dem Leben selbst. Zum allererstenmal, seit er denken konnte, wurde ihm klar, wie gewaltig dieses Wunder war, das er bisher als so ganz selbstverständlich hingenommen hatte, und welche unvorstellbare Macht nötig gewesen sein mußte, um es aus dem Nichts zu erschaffen.

Zum allererstenmal in seinem Leben spürte Heidmann, daß es einen Gott gab.

Er stand auf, ging gebückt die zwei Schritte bis zur Tür und trat aus dem Wagen. Kälte, Dunkelheit und der eisige Wind schlugen über ihm zusammen, aber obwohl er sofort am ganzen Leib zu zittern begann und sein eigener Atem eine graue Wolke vor seinem Gesicht bildete, breitete sich ein Lächeln auf seinen Zügen aus. Er litt nicht unter der Kälte oder dem schneidenden Wind, sondern genoß jedes einzelne dieser Gefühle mit einer niemals gekanntenTiefe, denn auch sie warenTeil des gewaltigen Wunders, dessen er sich nun bewußt war.

Jemand schrie etwas. Heidmann drehte sich herum und sah eine Gestalt in einer leuchtendroten Jacke auf sich zueilen, wobei sie heftig mit den Armen gestikulierte. Es war der Arzt. Er schien ihn nicht zu erkennen oder hielt ihn womöglich für Kenneally oder einen seiner Männer, denn auf seinem Gesicht hatte sich ein Ausdruck fast heiligen Zorns breitgemacht. Er stürmte mit wütend vorgereckten Schultern heran – und blieb so abrupt stehen, als wäre er gegen ein unsichtbares Hindernis geprallt. Ein Ausdruck so komischer Fassungslosigkeit breitete sich auf seinem Gesicht aus, daß Heidmann unwillkürlich lächeln mußte. »Was …?« stammelte er. Seine Augen weiteten sich. »Aber … aber das ist doch … «

»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte Heidmann lächelnd. »Es ist alles in Ordnung.« Und damit drehte er sich herum und verschwand mit langsamen Schritten in der Nacht. Niemand versuchte ihn aufzuhalten.

Seit ihrem unfreiwilligen Umzug in das andere Zimmer waren allerhöchstens fünf Minuten vergangen, aber Brenner hatte das Gefühl, es wären Stunden. Sie hatten nicht mehr viel geredet. Wenn Salid die Wahrheit gesagt hatte, was den geheimen Kampfstoff betraf, dann hatten die Männer, die dort draußen auf sie warteten, einen triftigen Grund mehr, dafür zu sorgen, daß sie mit niemandem mehr reden konnten.

Trotzdem kam ihm ihre Situation beinahe absurd vor. Er wußte nicht einmal genau, in welcher Stadt sie sich befanden, aber es war eine Stadt. Eine Stadt mit Tausenden, vielleicht Zehntausenden von Menschen. Sie konnten hier nicht einfach einen Krieg anfangen, nur um einen einzigen Mann zur Strecke zu bringen. Und zugleich war diese ungeheuerliche Vorstellung Brenners einzige Hoffnung. Ganz gleich, welche Macht diese Männer dort draußen hatten, wie viele Waffen sie besaßen und wie entschlossen sie waren, sie konnten diese Belagerung nicht ewig durchhalten. Mit jeder Sekunde, die verstrich, ohne daß sie zum endgültigen Sturm auf das Haus ansetzten – oder es kurzerhand in die Luft sprengten, nicht einmal mehr das schloß Brenner mittlerweile aus – , stiegen ihre Chancen, daß jemand kam und dem ganzen Spuk ein Ende bereitete.

Salid stand auf und trat ans Fenster, um einen Blick hinauszuwerfen. Das hatte er in den letzten fünf Minuten mindestens ebenso oft getan wie Brenner. Ebenso wie er hatte er vermutlich dort unten nichts anderes gesehen als die schwarzen Schatten des an allen Seiten von Mauern umschlossenen Innenhofes, auf den das Fenster hinausführte.

»Ich verstehe nicht, wo sie bleiben«, sagte Johannes. »Sie hätten längst hier sein können. «

»Sie werden schon früh genug kommen«, antwortete Salid, ohne sich vom Fenster herumzudrehen. »Keine Sorge.« Er lachte leise und nicht sehr humorvoll. »Wenn es losgeht, bleibt immer dicht bei mir. Ganz egal, was passiert und was ich tue.« »Und was wollen Sie tun?« fragte Johannes.

Es war nicht das erste Mal, daß er diese Frage stellte, aber er bekam auch jetzt keine Antwort. Salid drehte sich nur vom Fenster weg, sah zuerst Brenner einen Moment und dann Johannes einen längeren Augenblick an und verzog dann die Lippen zu etwas, von dem er vielleicht glaubte, daß es ein zuversichtliches Lächeln war. Johannes wiederholte seine Frage nicht, aber zumindest Brenner war sicher, daß Salid keinen Plan hatte. Sie saßen in der Falle. Vielleicht vertraute Salid einfach auf sein Glück; vielleicht war es auch immer seine Art gewesen, niemals einen Plan zu haben, sondern immer aus der Situation heraus zu agieren. Wäre er mit dem Palästinenser allein gewesen, hätte er eine entsprechende Frage gestellt, aber Johannes' Anwesenheit hielt ihn davon ab. Auf eine gewisse Weise war ihm Johannes' Verhalten noch rätselhafter als das Salids. Vorhin, als sie tatsächlich und unmittelbar in Gefahr gewesen waren, hatte Johannes so präzise und gut reagiert, als wäre er der Kampferfahrene von ihnen; jetzt benahm er sich so, als wolle er das Klischee vom weltfremden, sanftmütigen – und ein bißchen feigen – Geistlichen mit aller Gewalt unter Beweis stellen.

Ein leises Rascheln ließ ihn aufsehen. Das Geräusch war nicht sehr deutlich, und es fiel ihm schwer, die Richtung festzustellen, aus der es kam, aber es hielt an. Und er war nicht der einzige, der es hörte. Auch Salid legte den Kopf schräg und lauschte, zuckte aber nach einigen Augenblicken mit den Achseln und drehte sich wieder zum Fenster herum.