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»Was ist?« fragte Johannes erschrocken.

»Nichts«, antwortete Brenner. Das Geräusch war immer noch da, hatte aber vermutlich nichts zu bedeuten. Es war ein altes Haus, in dem es wahrscheinlich unentwegt irgendwo knisterte und knackte.

»Ich glaube, sie kommen«, sagte Salid plötzlich.

Johannes sog erschrocken die Luft zwischen den Zähnen ein, und auch Brenner sah mit einem Ruck hoch.

»Wo?« fragte Johannes.

Salid zuckte mit den Schultern. »Ich bin nicht sicher«, murmelte er. Seine Hände schlossen sich fester um die Waffe, und Brenner sah, daß sein Zeigefinger nervös über den Sicherungshebel strich, ihn aber noch nicht umlegte. »Aber ich glaube, ich habe dort unten etwas gesehen.«

Er drehte sich mit einem plötzlichen Ruck vom Fenster weg, ging zur Tür und machte dabei eine Geste zu Johannes und Brenner, zurückzubleiben. Unendlich behutsam und ohne den mindesten Laut öffnete er sie einen Spalt breit, lauschte einen Moment hinaus und schob die Tür dann weiter auf. Er ging dabei leicht in die Hocke und richtete den Lauf der Maschinenpistole schräg nach oben, um auf alles zu schießen, was sich draußen vielleicht rührte. Wieder lauschte er Sekunden. Als draußen alles still blieb, öffnete er die Tür völlig und richtete sich wieder auf.

Brenner sah, wie er erschrocken zusammenfuhr und mitten in der Bewegung erstarrte. »Was ist?! « fragte er alarmiert. Salid machte eine hastige Bewegung mit der freien Hand, still zu sein, trat dann einen weiteren Schritt aus dem Zimmer hinaus und drehte sich blitzschnell nach rechts und dann nach links.

Brenner hielt das Warten nicht mehr aus. Ohne sich darum zu scheren, was Salid davon halten würde, stand er auf und folgte ihm auf den Korridor hinaus. »Was ist los?« fragte er.

Salid machte erneut eine hastige Bewegung, still zu sein, deutete aber in der gleichen Geste zurTreppe hin, und Brenner sah fast sofort, was er meinte. Der Flur war leer. Die drei reglos daliegenden Gestalten, die er das letzte Mal gesehen hatte, als er auf den Gang hinausblickte, waren nicht mehr da.

Salid legte warnend den Zeigefinger auf die Lippen, hob die Waffe in der rechten Armbeuge und bewegte sich geschmeidig wie eine Katze auf die Tür auf der gegenüber liegenden Gangseite zu. Er verschwand für einige Sekunden in dem dahinterliegenden Zimmer, tauchte aber fast sofort wieder auf und gestikulierte Brenner erneut, still zu sein und wieder ins Zimmer zurückzugehen. Ebenso schnell und geschickt wie gerade näherte er sich auch der zweiten und drittenTür auf dem Gang und untersuchte die dahinterliegenden Räume. Als er das Zimmer unmittelbar an derTreppe betrat, hielt Brenner instinktiv den Atem an. Doch Salid kam auch jetzt nach wenigen Augenblicken wieder heraus und mit raschen Schritten zu ihm zurück.

»Es ist niemand da«, sagte er in nachdenklichem, fast verblüfftemTon.

»Aber das ist doch unmöglich.« Johannes war ihnen gefolgt und starrte aus weit aufgerissenen Augen auf den Flur hinaus, und er sprach weitaus lauter als Brenner für angemessen hielt.

Salid zuckte mit den Schultern. »Sie müssen aufgewacht sein«, sagte er. »Ich verstehe nur nicht, warum sie nicht versucht haben, uns zu überwältigen.«

»Und … derTote?« fragte Brenner.

Salid hob abermals die Schultern. »Wahrscheinlich haben sie ihn mitgenommen. Vielleicht war er auch nicht tot. Ich habe auf ihn geschossen, aber möglicherweise habe ich ihn nur verwundet.«

»Das meine ich nicht«, sagte Brenner. Er deutete auf den Raum, den Salid als letzten durchsucht hatte. »Was ist mit dem Mann dort drinnen?«

Salid runzelte die Stirn. »Dort war niemand.«

Ein seltsames Gefühl begann sich in Brenner aus zubreiten. Nicht wirklich Angst, sondern etwas, das vielleicht schlimmer

war: ein Gefühl von Unwirklichkeit, das die ganze Zeit über tief in ihm bereits dagewesen war, ohne daß er sich seiner bewußt wurde. Er hatte gesehen, wie der Mann zurückgetaumelt und gestürzt war. Er schwieg.

Salid starrte einen Moment lang überlegend zu Boden, dann drehte er sich vollends zu ihm und Johannes um und zog die Pistole aus dem Gürtel. »Können Sie damit umgehen?« fragte er.

Brenner blickte die Waffe mit einem Ausdruck an, als hielte Salid ihm eine giftige Schlange entgegen. »Niemals.«

»Ich erwarte nicht, daß Sie sich den Weg freischießen«, antwortete Salid ernst. »Manchmal hilft es schon, einfach in die Luft zu schießen.«

Er machte eine auffordernde Bewegung mit der Waffe, aber Brenner wich im Gegenteil einen Schritt zurück und schüttelte entschlossen den Kopf. »Das kann ich nicht«, sagte er. Und dann noch einmal und noch entschlossener: »Niemals! «

Salid sah für einen Moment ziemlich wütend aus, aber er sagte nichts, sondern zog nur die Unterlippe zwischen die Zähne und schob die Pistole wieder unter seinen Gürtel zurück. Unschlüssig sah er sich um, und wieder hatte Brenner das Gefühl, daß Salid im Grunde ebensowenig wie Johannes oder er wußte, was er tun sollte. Brenner war jetzt fast sicher, daß Salids Stärke zum größtenTeil darin bestand, auf jede nur vorstellbare Situation zu reagieren und ganz instinktiv immer das Richtige zu tun. Vielleicht war der meistgesuchte Terrorist der Welt tatsächlich so einzufangen: indem man einfach nichts tat und ihm so keine Gelegenheit gab, auf irgend etwas zu reagieren.

Brenner bewegte sich unschlüssig an ihm vorbei zurTür. Er hatte fast Angst, wieder auf den Flur hinauszublicken, obwohl er ganz genau wußte, was er dort sehen würde; nämlich nichts. Aber möglicherweise war es gerade das, was ihn erschreckte. Er verstand von Salids Handwerk genau so viel, wie er aus Kriminalromanen und einschlägigen Hollywood-Filmen aufgeschnappt hatte – was im Klartext vermutlich kaum weniger als nichts bedeutete – , aber selbst ihm war klar, daß die beiden Männer dort draußen die Gelegenheit kaum ungenutzt hätten verstreichen lassen, sie zu überraschen. Wenn sie es nun trotzdem getan hatten, mußte es einen Grund dafür geben. Aber welchen?

Er trat neben Salid und legte die Handfläche gegen denTürrahmen.

Um ein Haar wäre er der Länge nach auf den Flur hinausgefallen. Das Holz gab unter seinen Fingern nach und zerfiel regelrecht zu Staub. Kleinere Splitter fielen zu Boden, dann löste sich ein fast armlangerTeil desTürrahmens und stürzte polternd auf den Korridor hinaus. Er zerbrach in winzige Bruchstücke, als er auf dem Boden aufprallte. Brenner kippte haltlos nach vorne, und Salid griff gedankenschnell zu und fing ihn auf, als er das Gleichgewicht zu verlieren drohte. Dabei streifte seine Schulter abermals denTürrahmen und brach dabei ein weiteres Stück heraus.

»He, he, immer langsam«, sagte Salid. »Wir kommen schon früh genug hier raus.«

Brenner bedankte sich mit einem flüchtigen Nicken für Salids Hilfe, fand mit einem ausladenden Schritt sein Gleichgewicht vollends wieder und maß den Türrahmen mit einem verwirrten Blick. Das Haus war alt und in einem vollkommen verwahrlosten Zustand, aber er hatte den Rahmen kaum berührt …

Zögernd streckte er die Finger aus und tastete über das zersplitterte Holz. Es fühlte sich sonderbar an; weich, feucht und auf eine unangenehme Weise klebrig, eine fast breiige Masse, die schon unter ihrem eigenen Gewicht fast zusammensank. Für einen Moment hatte er das Gefühl, daß sich unter seinen Fingern etwas bewegte, aber als er genauer hinsah, gewahrte er nichts.

»Was haben Sie?« fragte Johannes. Er war näher gekommen und betrachtete den geborstenen Türrahmen mit ebensolchem Erstaunen wie Brenner.

»Nichts«, antwortete Brenner rasch. Nach einer Sekunde fügte er mit einem nervösen Lächeln hinzu: »Wahrscheinlich nur ein bißchen zuviel Vertrauen zu diesem Bauwerk.«

Auch Salid streckte die Hand aus und befühlte das gesprungene Holz. Nachdenklich nahm er ein wenig der weißlichen Masse, die unter der abblätternden Lackschicht zum Vorschein kam, zwischen Daumen und Zeigefinger und zerrieb sie. Er roch daran, zuckt schließlich mit den Schultern und wischte sich die Finger an den Hosenbeinen ab. Brenner und Johannes sahen ihn fragend an, aber Salid zuckte nur noch einmal mit den Schultern.