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»Wenn wir hier in Amerika oder Australien wären, würde ich auf Termiten tippen«, sagte er. »Aber so etwas gibt es hier wohl nicht. Wahrscheinlich ist diese Bruchbude einfach nur alt.« Er lachte leise. »Wer weiß – vielleicht bricht sie gleich zusammen, und wir können in dem ganzen Durcheinander bequem entkommen. «

Auch Brenner lächelte – flüchtig und genauso unecht, wie Salids Lachen geklungen hatte – , betrachtete den Türrahmen aber noch einmal und genauer. Der Lack war an zahllosen Stellen gerissen, und der seltsame Zersetzungsprozeß schien sich darunter fortzusetzen. Möglicherweise war Salids Scherz weniger komisch, als er hatte sein sollen. Wenn sich das ganze Haus in einem ebensolchen Zustand befand wie diese Tür, würde es vielleicht wirklich zusammenbrechen, wenn hier drinnen mehr abgefeuert wurde als ein Pistolenschuß. Aber das war absurd! »Also los«, sagte Salid. »Gehen wir nach unten.«

Er entsicherte seine Waffe und trat zum zweitenmal geduckt auf den Flur hinaus; obwohl er ihn gerade erst abgesucht hatte, auf die gleiche, fast übervorsichtige Weise. Geduckt huschte er durTeppe, ließ sich auf ein Knie herabsinken und starrte einen Moment lang konzentriert in die Dunkelheit hinunter, ehe er Brenner und Johannes zu sich heranwinkte.

Brenner folgte ihm mit klopfendem Herzen. Obwohl er sich Mühe gab, sich so leise wie möglich zu bewegen – was vermutlich höchst überflüssig war – , erreichte er nicht annähernd Salids Schnelligkeit und Eleganz. Im Vergleich zu dem Palästinenser bewegte er sich ungeschlacht wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, was ihm auch prompt einen kritischen Blick Salids eintrug. Er wollte ein Wort der Entschuldigung vorbringen, aber Salid schnitt ihm mit einer hastigen Handbewegung das Wort ab und deutete zugleich in die Dunkelheit am Fuße derTreppe hinunter. Brenner mußte nur einen Moment lauschen, um zu begreifen, was Salid meinte. Sie waren nicht allein im Haus. Jemand bewegte sich dort unten.

Das hieß, Brenner war nicht ganz sicher, ob es tatsächlich jemand war und nicht vielmehr etwas. Er hörte Geräusche, aber es waren nicht die, die er erwartet hatte. Etwas raschelte. Ein Knistern und Kollern, leise und unauffällig, aber trotzdem ungemein präsent, als käme es aus keiner bestimmten Quelle, sondern aus allen Richtungen zugleich. Ein Geräusch, das ihn an Erbsen erinnerte, die eine Treppe hinunterkullerten, oder an eine Kunststoffschüssel voller Popcorn, in der ungelenke Kinderhände gruben. Etwas schien sich am Fuße derTreppe zu bewegen, aber wenn es überhaupt da war und nicht nur seiner Phantasie entsprang, so konnte er nicht sagen, was.

»Was ist das?« fragte Johannes. Er war nahezu lautlos hinter Brenner aufgetaucht und hatte sich wie Salid auf ein Knie herabgelassen, und wie er wirkte er sehr angespannt, zugleich aber auch erstaunlich ruhig. Ohne daß es Brenner aufgefallen war – und vermutlich auch, ohne daß er selbst es überhaupt wußte – , hatte sich wieder die gleiche, fast unheimliche Veränderung an ihm vollzogen wie schon einmal. Brenner war plötzlich sicher, daß es auch diesmal wieder Johannes sein würde, der richtig reagierte, sollten sie in eine gefährliche Situation geraten, und nicht er. Für eine Sekunde verspürte er ein zwar vollkommen widersinniges, aber nichtsdestotrotz sehr heftiges Neidgefühl.

Salid deutete ein Achselzucken an. »Keine Ahnung«, sagte er, sehr leise und ohne den Blick von der auf so unheimliche Weise lebendig gewordenen Dunkelheit am Fuße derTreppe zu nehmen. Seine Augen waren schmal, und Brenner fragte sich, ob der Palästinenser vielleicht tatsächlich dort unten mehr sah als er selbst. Vermutlich. Vielleicht sah Salid nicht einmal viel mehr, aber ganz bestimmt konnte er mit dem Gesehenen mehr anfangen.

»Die Amerikaner?« fragte Johannes.

Salid zuckte mit den Schultern, überlegte einen Moment und schüttelte dann den Kopf. »Nein … etwas anderes.«

Die Formulierung ließ Brenner schaudern. Etwas.

Er hatte etwas gesagt. Nicht jemand.

Salid machte eine entsprechende Geste, still zu sein, stand langsam wieder auf und begann geduckt die Treppe hinunterzugehen, sehr langsam und unendlich behutsam, wie es Brenner vorkam. Trotzdem legte er nicht mehr die gleiche Lautlosigkeit an denTag wie zuvor. Die ausgetretenen Stufen ächzten hörbar unter seinem Gewicht, und mindestens einmal glaubte Brenner ganz deutlich das Geräusch von reißendem Holz zu hören. Auch Salid zögerte einen spürbaren Moment, ehe er die Bewegung zu Ende führte, und er vermied es, die Stufe mit seinem ganzen Körpergewicht zu belasten, sondern ließ den nächsten Schritt viel schneller auf den letzten folgen als die zuvor. Erst als er dieTreppe gut zur Hälfte hinter sich gebracht hatte, gab er Brenner und Johannes einen Wink, nachzukommen.

Brenner bedeutete Johannes, noch einen Moment zu warten, und folgte Salid als erster. Sein Verhalten hatte nichts mit Mut zu tun; eher im Gegenteil. Er hätte es nicht ertragen, hinter sich nicht Johannes, sondern nichts als flüsternde Dunkelheit zu wissen.

Erst als er diesen Gedanken so formulierte, wurde ihm klar, wie sehr er der Wahrheit entsprach. Das Haus war längst nicht mehr still. Nach den Schüssen, dem Höllenlärm des Hubschraubers und ihren eigenen Gesprächen war es ihm vielleicht still erschienen, aber vermutlich war es das nie gewesen. Er hörte plötzlich, wie laut die Dunkelheit war, die ihn umgab. Das Rascheln und Knistern war noch immer da, und es schien nun tatsächlich nicht mehr nur vom unteren Ende derTreppe her zu kommen, sondern von überallher zugleich, und zu diesen mittlerweile bekannten Lauten hatten sich andere, unbekannte und unheimliche gesellt: ein Raunen, Flüstern und Wispern wie von fernen Kinderstimmen im Wind, das Huschen winziger Füßchen auf hartem Boden, ein Zirpen, Knistern, Krachen und Mahlen, Freß-und Zersetzungsgeräusche, ein unheimliches Reißen und Zerren und noch andere, undefinierbare, aber auch unheimliche Laute. Es war, als wäre das ganze Haus rings um ihn herum zum Leben erwacht.

»Was soll das heißen – er ist weg?« Kenneally gab sich Mühe, nicht zu schreien, aber es gelang ihm eigentlich nur, weil es ihm trotz seiner scheinbar perfekten Aussprache noch immer Mühe bereitete, sich überhaupt in dieser fremden Sprache auszudrücken. Sie war so furchtbar unpräzise, und sie gehorchte Regeln, die ihm manchmal regelrecht barock vorkamen und viel komplizierter, als vonnöten gewesen wäre.

Im Moment war er allerdings nicht in der Stimmung, über die grammatikalischen Fußangeln der deutschen Sprache nachzudenken. Er mußte sich viel zu sehr zusammenreißen, um diesen Dummkopf vor sich nicht am Kragen zu packen und so lange zu schütteln, bis ihm die randlose Brille von der Nase rutschte.

»Aber es ist so!« verteidigte sich sein Gegenüber. »Ich verstehe es ja selbst nicht, aber er … als ich gerade zum Wagen zurückgehen wollte, kam er mir entgegen! Er ist einfach aufgestanden und weggegangen! «

»Einfach so?« vergewisserte sich Kenneally. »Und Sie haben nicht versucht, ihn aufzuhalten?«

»Aufhalten?« Der Arzt blinzelte verständnislos. »Aber warum denn?«

»Wa-?« Kenneally japste hörbar, und sein Entsetzen war nicht einmal gespielt. Diesmal brauchte er tatsächlich mehrere Sekunden, bis er sich wenigstens wieder so weit in der Gewalt hatte, daß er weiterreden konnte. »Hören Sie, Mister: Noch vor fünf Minuten haben Sie mir erzählt, daß der Mann eine lebensgefährliche Schußwunde in der Brust hätte. Sie haben behauptet, er wäre gelähmt. Und jetzt erzählen Sie mir, er wäre aufgestanden und so mir nichts, dir nichts davonspaziert?! «

»Ich weiß, wie es sich anhören muß«, antwortete der Arzt.

»Aber ganz genau so war es! Ich … ich verstehe es ja selbst nicht.«

Seine Stimme klang fast gequält, und wäre Kenneally nur ein kleines bißchen weniger wütend gewesen, hätte er vielleicht sogar Mitleid mit ihm empfunden. Der Mann sah bei genauem Hinsehen nicht nur verstört, sondern Schlichtweg fassungslos aus. Aber Kenneally war nicht in der Stimmung, genauer hinzusehen. Er war in der Stimmung, etwas ganz anderes zu tun.