»Ich schätze, Sie verstehen eine ganze Menge nicht«, sagte er in bewußt verletzendemTon. »Vielleicht Ihren Beruf?«
Die Verwirrung in den Augen des Notarztes machteÜberraschung und eine halbe Sekunde später dem Feuer gerechter Empörung Platz, aber Kenneally gab ihm keine Gelegenheit, zu protestieren, sondern drehte sich abrupt um und ließ ihn einfach stehen. Seine Zeit war zu kostbar, um sie mit einem sinnlosen Streit zu vertun. Außerdem tat es javielleicht gut, seinem Ärger ein bißchen Luft zu machen, indem er auf diesem armen Kerl herumtrampelte – der überdies nichts dafür konnte, denn von den wahren Zusammenhängen hatte er nicht einmal eine Ahnung – , es brachte aber nichts ein; ein billigerTriumph, der mehr schadete als nutzte.
Er steuerte mit energischen Schritten den Wagen an, der auf der anderen Straßenseite stand, aber schon auf halbem Wege kam ihm einer seiner Männer entgegen. Er wirkte sehr aufgeregt; und sehr besorgt. Kenneally hätte seine Worte gar nicht hören müssen, um den Grund für beides zu wissen.
»DasTelefon glüht«, begann der Agent übergangslos. »Wir brauchen jetzt eine Entscheidung, Sir. Die deutschen Behörden werden nicht mehr lange stillhalten.«
Die deutschen Behörden können mich mal, dachte Kenneally. Laut sagte er: »Beruhigen Sie sie, irgendwie. Verdammt, Sie sind doch für eine solche Situation ausgebildet worden, oder?«
Überhaupt nicht, antwortete der Blick des Mannes, und das entsprach durchaus der Wahrheit. Die Männer waren auf denkbare Situationen vorbereitet, aber nicht darauf, in einer
belebten Stadt inmitten eines befreundeten Landes einen fast kriegsmäßigen Einsatz durchzuführen. Der Agent war klug genug, diesen Einwand zumindest nicht laut vorzubringen, aber er schüttelte trotzdem den Kopf und fuhr fort:
»Ich weiß nicht, wie lange ich sie noch hinhalten kann. Der Polizeipräsident droht, unsere Straßensperre mit Gewalt zu durchbrechen, wenn wir seine Leute nicht durchlassen.«
Der Helikopter, dachte Kenneally. Das war dieser dreimal vermaledeite Helikopter! Smith hätte ihn niemals anfordern dürfen.
Er konnte sich lebhaft vorstellen, was jetzt in den Büros der örtlichen Polizei vor sich ging. Sie hatten natürlich die Schüsse gehört – verdammt noch mal, sie hatten Maschinengewehrsalven gehört! – , und wenn das noch nicht gereicht haben sollte, sie aufzuschrecken, dann hätte es der Hubschrauberlärm getan. Smith mußte völlig den Verstand verloren haben, einen Kampfhubschrauber mitten in der Stadt das Feuer auf ein Wohnhaus eröffnen zu lassen! Aber Smith war tot, und wie es aussah, blieb die ganze Scheiße wieder mal an ihm hängen. Die ganze Geschichte drohte ihm aus den Händen zu gleiten. Wenn die Sache weiter eskalierte, würde er sich am nächsten Morgen vielleicht fragen lassen müssen, wie es kam, daß an diesem Abend CIA-Agenten auf deutsche Polizeibeamten geschossen hatten und umgekehrt, statt gemeinsam gegen Salid und seine Begleiter vorzugehen …
Das durfte nicht geschehen.
»Also gut«, sagte er. »Ich rede mit ihnen. Halten Sie sie fünf Minuten hin. Sagen Sie, daß ich mich melde und bis dahin hier nichts weiter geschieht. Irgendwas. Ich brauche fünf Minuten.«
Der Agent wirkte immer noch nicht überzeugt, aber er protestierte jetzt nicht mehr, sondern drehte sich mit einem angedeuteten Achselzucken um und verschwand mit schnellen Schritten in die Richtung, aus der er gekommen war.
Kenneally blickte ihm nach, aber er tat es, ohne ihn wirklich zu sehen; so wenig, wie er in diesem Moment die anderen Männer dort drüben gesehen hätte oder die Wagen oder die Baumreihe, die ein stummes Spalier zwischen der Straße und der zu Ende gehenden Nacht bildete. Sein Blick war auf einen imaginären Punkt im Nichts gerichtet, und hätte ihm jemand in diesem Moment ins Gesicht gesehen, wäre er zweifellos erschrocken; denn was immer Kenneally in diesen Sekunden auch sah, es war nichts Gutes. Schließlich schloß er für einen Moment die Lider, seufzte sehr tief und sehr leise und ließ die rechte Hand in die Jackentasche gleiten. Als er sie wieder hervorzog, hielt sie ein kleines, scheinbar vollkommen normales Funktelefon.
Der Agent entfernte sich wieder ein paar Schritte von seiner Position und blieb schließlich ein wenig abseits der geparkten Wagen stehen. Seine Finger klappten das Gerät auf und tippten eine sehr lange Nummer ein. Wie immer, wenn er diese Nummer wählte – was in den letzten Tagen ebenso beunruhigend oft der Fall gewesen war, wie es in den Jahren zuvor selten vorgekommen war, begann er sich auf eine schwer greifbare Weise unwohler zu fühlen; je mehr Zahlen er eingab und je weiter er sich der letzten Ziffer näherte, desto langsamer wurden seine Bewegungen. Vor der letzten Ziffer zögerte er eine geschlagene Sekunde.
Der Teilnehmer am anderen Ende der Verbindung meldete sich, kaum daß Kenneally den Daumen von der Tastatur gehoben hatte, und auch das war etwas, was eher zu seiner Beunruhigung beitrug, statt sie zu mildern. Früher war es anders gewesen. Es hatte manchmal lange gedauert, ehe sich jemand meldete, und manchmal war auch gar keine Reaktion erfolgt. Jetzt kam die Verbindung so schnell zustande, daß es dafür nur eine Erklärung gab: Der Teilnehmer auf der anderen Seite hatte mit der Hand auf dem Telefonhörer darauf gewartet, daß der Apparat klingelte.
»ja?«
»Smith ist tot«, sagte Kenneally übergangslos. Eine Sekunde Schweigen, dann: »Wie?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Kenneally. Einen winzigen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, seinem Gesprächspartner zu erzählen, wie er an diese Information gekommen war, entschied sich aber dann dagegen. Es zu sagen hätte auch bedeutet, von Heidmann zu berichten und dem, was der Arzt über ihn erzählt hatte. Kenneally wußte zwar, daß dieser Vorfall für seinen Gesprächspartner zweifellos von höchstem Interesse war, hielt es aber trotzdem für klüger, ihn zu verschweigen. Er hatte schon genug Probleme hier. Und wahrscheinlich hatten die Schwierigkeiten noch nicht einmal richtig begonnen. So sagte er nur: »Ich war nicht dabei. Aber er ist tot. Und die Männer, die bei ihm waren, auch.«
Ganz unwillkürlich hatte er die Stimme gesenkt, während er sprach – obwohl es eigentlich nicht nötig war. Die Verbindung war abhörsicher, und selbst wenn sie es nicht gewesen wäre, hätte niemand das Gespräch zurückverfolgen können. Unter der Nummer, die Kenneally gerade eingetippt hatte, hätte sich von jedem anderen Apparat der Welt aus ein Weingut in der Toscana gemeldet, dessen Besitzer nicht einmal wußte, daß es jemanden wie Kenneally gab; geschweige denn den Mann, mit dem der CIA-Agent sprach.
»Und die anderen?«
»Salid ist noch im Haus«, antwortete Kenneally. »Wir haben alles abgeriegelt. Er kann nicht entkommen. «
Drei, vier, fünf, schließlich zehn endlose Sekunden lang herrschte vollkommenes Schweigen, dann sagte die Stimme auf die gleiche, fast emotionslose Weise wie bisher: »Töten Sie ihn. Und seine beiden Begleiter auch.«
Kenneally war erschrocken, aber nicht überrascht. Er hatte geahnt, daß er diese Anweisung bekommen würde. Nein: Er hatte es befürchtet. »Das … ist nicht so einfach«, sagte er zögernd. »Ich fürchte, ich kann das nicht.«
»Sie müssen es. Glauben Sie mir-es ist wichtig.« »Natürlich«, beeilte sich Kenneally zu versichern. »Aber die Situation ist leider sehr kompliziert. Wir sind nicht allein. Die örtlichen Behörden laufen bereits Amok. Smith hat – « »Sie müssen es tun«, unterbrach ihn die Stimme im Hörer. »Es ist unvorstellbar wichtig. Töten Sie die drei, unbedingt.
Selbst wenn … wenn es das Leben weiterer Unschuldiger kosten würde. Der Preis spielt keine Rolle. Es steht mehr auf dem Spiel, als Sie sich auch nur vorstellen können.«
Kenneally war schockiert; nicht nur wegen dem, was sein Gesprächspartner gesagt hatte, sondern vielmehr über die Art, wie er es tat. Seit jenernTag vor nunmehr fünfzehn Jahren, an dem Kenneally die gesichtslose Stimme am Telefon das erste Mal gehörte hatte, hatte sie stets gleich geklungen: ruhig, freundlich und sehr bestimmt, aber im Grunde auch so ausdruckslos, daß sie ebensogut einer Maschine hätte gehören können. Was er jetzt darin hörte, war eindeutig eine Emotion gewesen. Und nicht irgendeine. Es war Angst.