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»Wie Sie wünschen«, sagte er.

Die Verbindung wurde ohne ein Wort des Abschieds unterbrochen, und Kenneally klappte das Gerät wieder zu. Mehrere Sekunden lang starrte er den kleinen Apparat mit steinernem Gesicht an, dann klappte er ihn wieder auf und wählte eine andere, sehr viel kürzere Nummer. Diesmal meldete sich der Agent, mit dem er selbst vor ein paar Augenblicken erst gesprochen hatte.

»Kenneally hier«, sagte er. »Was haben Sie erreicht?«

Die Stimme des Agenten klang nervös und verriet sehr viel mehr über seinen wahren Zustand, als es seine Worte taten: »Ich konnte sie beruhigen, Sir. Aber ich fürchte, nicht für lange. Der Polizeipräsident dieser Stadt ist auf dem Weg hierher. Er war sehr deutlich. Wenn noch ein Schuß fällt, droht er damit, unsere Absperrung mit Gewalt durchbrechen zu lassen und uns alle zu verhaften. Wir haben noch fünf Minuten. Allerhöchstens. «

»Das reicht«, antwortete Kenneally. »Schicken Sie die Einsatzgruppe los. Wir stürmen das Haus.«

»Aber Sie, Sie – «

»Sie haben mich verstanden!« unterbrach ihn Kenneally; nicht einmal lauter, aber in scharfem, fast schneidendemTon. »Stürmen Sie das Haus. Sofort. Ich übernehme die volle Verantwortung. «

Zwei, drei Sekunden lang herrschte Schweigen, und Kenneally rechnete schon damit, daß der Mann sich weigern würde, diesen Befehl auszuführen. Genaugenommen mußte er sich weigern. Kenneally hätte an seiner Stelle nicht anders reagiert – ohne die Informationen, die er besaß. Er betete, daß seine Autorität ausreichte, um die Bedenken des Mannes zu überwinden.

»Ganz wie Sie meinen, Sir«, sagte der Agent schließlich. »Aber ich darf Sie bitten, Ihren Befehl noch einmal und vor Zeugen zu wiederholen.«

Kenneally sah in Richtung des Wagens, in dem der CIAAgent saß und mit ihm telefonierte. Er war keine fünfzig Meter entfernt, und die Situation war im Grunde schon fast absurd: Er hätte nur hingehen und seinen Befehl wiederholen müssen. Aber er rührte sich nicht von der Stelle, sondern sagte nur noch einmaclass="underline"

»Ich gebe Ihnen den Befehl, das Haus zu stürmen. Ich übernehme die volle und alleinige Verantwortung für diese Aktion. Und ich will keine Überlebenden.«

»Sir?! «

»Sie haben richtig verstanden«, sagte Kenneally. Seine Stimme klang belegt, und der Speichel in seinem Mund schmeckte plötzlich bitter. Er hatte Mühe, überhaupt noch zu sprechen. »Töten Sie Salid und seine Begleiter, selbst wenn sie sich ergeben sollten. Das ist ein Befehl.«

Brenner war nicht der einzige, der die unheimlichen Laute hörte. Auch Johannes war stehengeblieben und sah sich mit kleinen, nervösen Blicken um, und obwohl er Salids Gesicht nicht erkennen konnte, spürte er die plötzlich gestiegene Anspannung des Palästinensers.

»Unheimlich«, murmelte Johannes.

Salid machte eine ärgerliche Geste, still zu sein, und Johannes fuhr sichtbar zusammen. Die winzige Bewegung allein reichte aus, um die Treppe spürbar erzittern zu lassen. Einen Moment später hörten sie ein sonderbar dumpfes, ächzendes Geräusch, dann lief ein spürbares Zittern durch das gesamte Haus.

Brenner streckte ganz automatisch die Hand nach demTreppengeländer aus, um sich daran festzuhalten, besann sich im letzten Moment darauf, was mit dem Türrahmen oben geschehen war und griff nur sehr behutsam zu. Trotzdem zerfiel das Geländer unter seinen Fingern zu einer klebrigfeuchten Masse, und diesmal war es keine Einbildung – er konnte sehen, wie etwas daraus hervorkroch und mit raschen, abgehackt wirkenden Bewegungen davonhuschte. Es verschmolz schon nach einer Sekunde mit den Schatten, aber Brenner hatte einen deutlichen Eindruck von etwas Winzigem, Dunklem mit zu vielen Beinen und glitzernden Augen. Und einem Stachel.

Angeekelt trat er einen Schritt zurück und wischte sich die Finger an der Wand auf der anderen Seite ab.

Er konnte spüren, wie sie vibrierte. Etwas bewegte sich.

Kroch.

Unter derTapete.

Und nicht nur dort. Ganz plötzlich wurde ihm klar, daß die Bewegung tatsächlich überall spürbar war; im Boden, in den Wänden, hinter den gesprungenen Holzvertäfelungen und in den Treppenstufen, selbst in der Dunkelheit, die das untere Ende derTreppe verschlungen hatte.

»Irgend etwas … stimmt hier nicht«, sagte er. »Da … ist etwas.«

Er hatte lauter gesprochen, als er eigentlich selbst beabsichtigte, aber zu seiner Überraschung gebot ihm Salid nicht sofort und herrisch, zu schweigen, sondern sah ihn nur einen Moment lang nachdenklich – und ein bißchen erschrocken? – an, ehe er sich wieder umdrehte, um seinen Weg fortzusetzen.

Im gleichen Moment explodierte dieTür.

Der Blitz war so grell, daß Brenner vor Schmerz aufschrie und das Gleichgewicht verlor. Hilflos taumelte er gegen die Wand, sank daran zu Boden und riß die Arme vors Gesicht. Er war blind. Vor seinen Augen rotierten weiße Feuerräder, und für Sekunden war er auch so gut wie taub; das Dröhnen der Explosion war so gewaltig gewesen, daß er kaum etwas hörte. Und es hielt an. Dem ersten, splitternden Krachen folgte ein zweiter, noch gewaltigerer Donnerschlag, und praktisch im gleichen Sekundenbruchteil ein noch grellerer Blitz, der selbst durch seine geschlossenen Lider drang. Schüsse fielen, zuerst eine kurze, rasende Salve, dann ein einzelner Pistolenschuß und dann wieder ein abgehackter Feuerstoß. Die Geschosse fuhren mit dumpfem Klatschen in die Wände und den Boden oder rissen Stücke aus dem Treppengeländer und den Stufen. Er hörte, wie Salid etwas schrie und zurückschoß und krümmte sich weiter, als mindestens eines der Geschosse unmittelbar in seiner Nähe einschlug. Ganz instinktiv wartete er darauf, daß jemand kam und ihn in Sicherheit brachte.

Aber es kam niemand.

Salid hatte sich am Fuße derTreppe zusammengekauert und feuerte auf die Tür, obwohl dort nicht mehr als Schatten zu erkennen waren, die hinter einem Vorhang aus Rauch und züngelnden Flammen tanzten.

Trotzdem mußte er getroffen haben, denn durch den Lärm drang ein gellender Schrei an Brenners Ohr, und für einen Moment hörte das Schießen auf. Vielleicht nur für eine Sekunde, aber lange genug für Salid, in die Höhe zu springen und zwei, drei Stufen weit dieTreppe hinaufzuhetzen. Augenblicke später stach eine neue, orangeweiße Mündungsflamme aus dem Vorhang aus Rauch und Feuer vor der Tür. Die Salve verfehlte Salid, der sich blitzschnell duckte, und riß gut einen Meter des Treppengeländers in Stücke. Salid fluchte, kroch auf Händen und Knien weiter die Treppe hinauf und gab einen ungezielten Feuerstoß über die Schulter zurück ab. Die letzten drei-oder viermal schlug der Hammer der Waffe klickend ins Leere. Salid warf die nutzlose MN fort, hastete weiter und kam schweratmend neben Brenner an.

»Nach oben! « schrie er. »Worauf warten Sie?! «

Brenner war noch immer wie gelähmt. Er hörte Salids Worte und wußte, daß der Palästinenser recht hatte. Er würde sterben, wenn er auch nur noch einen Augenblick länger hier blieb. Aber er konnte sich einfach nicht rühren.

Salid fluchte, ergriff ihn roh an der Schulter und zerrte ihn mit einem Ruck in die Höhe, und im gleichen Moment erschien unter ihm ein hochgewachsener, dunkler Schatten. Trotz seiner Lähmung schrie Brenner ihm eine Warnung zu, aber Salid reagierte bereits, noch bevor er den erstenTon hervorbrachte; vermutlich hatte er den Schrecken auf seinem Gesicht erkannt und richtig gedeutet. Er ließ Brenners Schulter los und fuhr in einer blitzschnellen Kreiselbewegung herum, wobei er sich auf ein Knie herabsinken ließ und zugleich die Pistole aus dem Gürtel zog.

Aber so schnell er auch war, er war nicht schnell genug. Ein Schuß fiel. Salid wurde mitten in der Bewegung herum-und zur Seite geworfen, ließ seine Waffe fallen und prallte gegen das beschädigte Geländer, das unter der Belastung endgültig in Stücke zerbrach. Mit einem gellenden Schrei stürzte er in die Tiefe und schlug schwer auf dem gefliesten Boden des Hausflurs auf.