»Was ist mit ihm?« Brenner deutete auf Johannes, der in einer schon fast absurd verkrümmten Haltung am Fuße der Treppe hockte und aus leeren Augen vor sich hin starrte.
Salid zuckte mit den Schultern, aber er tat es auf eine Art, die Brenner erahnen ließ, daß er die Antwort auf diese Frage sehr wohl wußte. Brenner wußte sie auch – aber etwas in ihm wollte sich nicht daran erinnern. Er wollte auf Johannes zugehen, aber Salid hielt ihn mit einer Handbewegung zurück.
»Sind Sie wirklich okay?« fragte er. »Warum?«
»Das ist keine Antwort«, sagte Salid. Er streckte die Hand aus, um Brenner an der Schulter zu berühren, aber Brenner schlug seinen Arm beiseite; mit einer Entschlossenheit und Kraft, die ihn selbst mindestens ebensosehr verblüffte wie Salid.
»Kümmern Sie sich nicht um mich«, sagte er scharf. »Was ist hier überhaupt los? Wieso sind sie weg?«
Salid wirkte irritiert, zuckte aber dann nur mit den Schultern und machte eine wedelnde Handbewegung, die die Tür und den gesamten Bereich davor einschloß. »Sie kommen wieder, keine Sorge«, sagte er spöttisch. »Wahrscheinlich schneller, als Ihnen lieb ist. Wir müssen raus hier.«
Das wiederum war keine Antwort auf seine Frage, dachte Brenner. Aber er kannte Salid mittlerweile gut genug, um sie nicht zu wiederholen. Außerdem hatte er recht: Welchem neuerlichen Wunder sie ihre Rettung auch zu verdanken hatten, es würde nicht lange anhalten. Und irgendwann mußte ihr Kredit beim Glück einfach aufgebraucht sein. Realistisch betrachtet, hatten sie ihn bereits gehörig überzogen.
Er rappelte sich mühsam hoch und schlug linkisch in Salids Richtung. Der Palästinenser sah ihn nur verwirrt an, zuckte aber dann mit den Schultern und war mit einem Schritt neben Johannes. Er sagte etwas zu ihm, das Brenner nicht verstand, aber Johannes reagierte nicht; weder auf die Worte noch auf den Klang der Stimme.
»Was ist mit ihm?« fragte Brenner erneut.
Salid wollte antworten, legte aber dann plötzlich den Kopf auf die Seite und lauschte einen Moment mit angespanntem Gesichtsausdruck. »Sie kommen zurück«, sagte er.
Auch Brenner lauschte, aber er hörte nichts außer dem Prasseln der Flammen, dem dumpfen Schlagen seines eigenen Herzens – subjektiv bei weitem das lauteste Geräusch hier – und einem sonderbaren Rascheln und Knistern, das er sich nicht erklären konnte. Das Geräusch war nicht einmal neu. Er hatte es die ganze Zeit im Hintergrund gehört, ohne sich seiner wirklich bewußt zu sein. Und es war lauter geworden.
»Kümmern Sie sich um ihn«, sagte Salid. Er bückte sich, um etwas vom Boden aufzuheben, das Brenner als Waffe zu identifizieren glaubte, und eilte zur Tür. Vor dem Hintergrund der orangegelben Flammen wurde er zu einem flachen Umriß, einem Gespenst ohne Körper, das nur Schatten und Gefahr war. Brenner schüttelte den Gedanken mühsam ab. Er begann Salid zu glorifizieren – warum? Dieser Mann war sein größter Feind. Er hatte binnen eines einzigenTages seine Existenz vernichtet, und er würde mit ziemlicher Sicherheit innerhalb der nächsten Minuten sein Leben vernichten. Brenner verstand sich selbst nicht mehr.
Vorsichtig ließ er sich neben Johannes auf die Knie sinken und berührte den Geistlichen am Arm. Johannes reagierte auf seine Bemühungen ebensowenig wie auf die Salids gerade,
aber es gelang Brenner immerhin, einen Blick in sein Gesicht
zu erhaschen.
Was er darin sah, erschreckte ihn zutiefst.
Johannes' Gesicht war leer. Er war kein Schrecken in seinen Augen zu lesen. Keine Furcht. Nicht einmal körperlicher Schmerz, den er empfinden mußte, denn er blutete aus zahllosen winzigen Kratzern und Rissen im Gesicht und an den Händen. Aber Johannes' Augen waren so leer und tot wie zwei bemalte Glasmurmeln.
»Um Gottes willen, was haben Sie?« fragte Brenner. »Was ist los? Sind Sie verletzt?«
Er bekam keine Antwort. Johannes hörte seine Worte nicht. Etwas in ihm schien erloschen zu sein.
»Sie kommen«, sagte Salid. »Verdammt, das ist eine ganze Armee – weg hier! « Er fuhr herum, rannte auf Brenner zu und wedelte dabei mit beiden Armen. »Laufen Sie! Nach oben! « »Nach oben? Aber wir sind doch gerade erst – «
Etwas traf die Tür und riß das Wenige in Stücke, was davon noch übriggeblieben war. Flammen und Rauch erfüllten den Korridor, und der Lärm war so unbeschreiblich, daß Brenner vor Schmerz aufschrie und die Hände gegen die Ohren schlug. Ein Hagel winziger, heißerTrümmer regnete auf Johannes und ihn herab.
Die Druckwelle der Explosion schleuderte Salid nach vorne, aber er stürzte nicht, sondern stolperte ein paar Schritte weit ungelenk dahin, ehe er den Schwung der Bewegung ausnutzte und die Hand nach dem Treppengeländer ausstreckte, um sich daran festzuhalten.
Seine Finger glitten durch das morsche Holz wie durchaufgeweichtes Pappmache. Salid keuchte vor Überraschung, taumelte einen weiteren ungeschickten Schritt nach vorne und verlor nun endgültig die Balance. Aber noch während er stürzte, drehte er sich im Fallen herum und riß die erbeutete Waffe in die Höhe. Ein kurzer, abgehackter Feuerstoß raste über Brenner und Johannes hinweg und stanzte ein Loch in die Flammenwand, die den Eingang verschlungen hatte. Brenner war nicht sicher, aber er glaubte einen Schrei zu hören. Ein weiteres Menschenleben, das sinnlos ausgelöscht worden war. »Lauft! « brüllte Salid. Ach halte sie auf, solange ich kann! « Brenner reagierte ohne eigenes Zutun. Salids Magie funktionierte noch immer: Er gehorchte einfach, nicht nur ohne, sondern eindeutig gegen seinen Willen. Mit der Kraft der Verzweiflung riß er Johannes in die Höhe, warf sich herum und stolperte zwei, drei Stufen weit die Treppe hinauf, während Salid einen weiteren Feuerstoß auf die Tür abgab. Diesmal wurden die Schüsse erwidert. Rechts und links des Palästinensers explodierten winzige Vulkane aus Staub und zerfetztem Holz, aber er selbst schien wie durch ein Wunder auch diesmal nicht getroffen zu werden.
»Weiter!« brüllte er. »Aufs Dach! Vielleicht schießen sie vor Zeugen nicht auf euch! «
Johannes begann sich schwach zu wehren, aber das nahm Brenner gar nicht zur Kenntnis. Unter ihnen explodierte wieder etwas, und diesmal erbebte das gesamte Haus in seinen Grundfesten. Er konnte spüren, wie sich die Treppe wie das Deck eines Schiffes im Sturm zur Seite neigte
– und brach.
Das hieß, brechen war eigentlich nicht das richtige Wort. Er konnte fühlen, wie seine Füße durch das Holz sanken, als hätte es plötzlich seine gesamte Stabilität eingebüßt und die Konsistenz von Morast angenommen. Gleichzeitig begannen sich die Stufen vor ihm auf unmögliche Weise zu verbiegen und zu verzerren. Das Geländer kippte zur Seite, wurde zu einem zuckenden Gummischlauch und zerfiel in Millionen Splitter, und den Bruchteil einer Sekunde später verwandelte sich die gesamte Treppe in eine brodelnde Schräge, in die er haltlos hineinstürzte.
Brenner schrie, schaffte es irgendwie noch, das Gesicht zur Seite zu drehen und die Hände schützend in die Höhe zu reißen, und überschlug sich anderthalbmal in der Luft, ehe er mit denTrümmern derTreppe unten im Hausflur aufschlug. Instinktiv erwartete er einen Aufprall, der der Höhe seines Sturzes entsprach, aber er schien eher auf etwas Weiches und Federndes zu fallen, das unter ihm nachgab und dem Sturz so die schlimmste Wucht nahm. Für einen Moment war er blind. Millionen winzigerTrümmer regneten auf ihn herab, nahmen ihm die Sicht und ließen ihn keuchend nach Atem ringen.
Immerhin hörte er, wie Johannes neben ihm aufschrie und weitere Schüsse fielen; einige ganz in der Nähe, die meisten aber draußen vor dem Haus. Der Boden unter ihm zitterte immer noch, und auch das unheimliches Knistern und Rascheln war noch da, ungleich lauter jetzt sogar.
Mühsam stemmte sich Brenner in die Höhe – was gar nicht so einfach war, denn er war ein gutes Stück weit in den Boden hineingetrieben worden; das morsche Holz hatte unter dem Aufprall seines Körpers nachgegeben, und das war es wohl letztendlich auch gewesen, was ihm das Leben gerettet hatte. Aber seine blind hin und her tastenden Hände fanden auch keinen Halt. Es erging ihm wie Salid gerade: Was immer seine Finger ergriffen, löste sich darunter auf wie ein von der Sonne ausgedörrter Schwamm. Winzige Staubkörnchen rieselten inseine Ärmel, seinen Kragen und den Hosenbund. Es fühlte sich an, als huschten Millionen dürrer Spinnenbeine über seine nackte Haut.