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Schließlich gelang es ihm, sich in eine halb sitzende Position hochzustemmen. Er wischte sich Staub und Holzsplitter aus dem Gesicht, blinzelte ein paarmal und sah im ersten Augenblick nichts als durcheinanderstürzende Schatten und Flammenreflexe.

Salid feuerte immer noch. Brenner sah, wie ein weiterer Schatten aus den zuckenden Flammen vor der Tür auftauchte und wie von einem Faustschlag getroffen zurücktorkelte; dann änderte sich das Schußgeräusch: Der Hammer von Salids Waffe schlug mit einem hektischen Klickens ins Leere. Salid fluchte, schleuderte die MPi fort und versuchte hochzuspringen, aber es erging ihm wie Brenner und Johannes gerade auf der Treppe: Die morschen Bodendielen gaben unter seinem Gewicht nach. Er sank bis ans rechte Knie ein, stürzte hilflos nach vorne und versuchte sich abzufangen; mit dem Ergebnis, daß nun auch seine Hände bis über die Gelenke in den Boden einsanken. Ein Ausdruck fassungsloser Verblüffung breitete sich auf den Zügen des Palästinensers aus – und schlug urplötzlich in jähes Entsetzen um.

Zwei weitere Männer sprangen geduckt durch den Feuervorhang vor der Tür, und diesmal wäre Salids Reaktion wohl selbst dann zu spät gekommen, wenn er noch eine Waffe gehabt hätte. Einer der beiden ließ sich blitzschnell zur Seite fallen und eröffnete gleichzeitig das Feuer auf Salid; der zweite sank auf ein Knie herab und legte auf Brenner an.

Eine Sekunde darauf waren sie verschwunden.

Es ging so schnell, daß Brenner nicht einmal wirklich Zeit fand zu erschrecken: Der Angreifer, der auf ihn angelegt hatte, stieß einen gellenden Schrei aus und brach durch den Fußboden, der unter seinem Gewicht einsackte, um Meter tiefer auf dem Kellerboden aufzuschlagen; der andere beendete seine Seitwärtsrolle noch und wurde von der Wand verschlungen.

Sie gab nicht etwa nach oder brach unter seinem Anprall zusammen. Beides wäre erstaunlich gewesen, aber nach dem, was Brenner bisher gesehen hatte, noch irgendwie zu verstehen.

Was er nun sah, nicht.

Die Wand verschluckte ihn. Der scheinbar massive Stein teilte sich entlang einer schnurgeraden, meterlangen Linie unmittelbar über dem Kopf des Mannes, und etwas Schwarzes, Glitzernd-Körniges ergoß sich wie ein Strom aus brodelndem Morast über den Mann. Er fand nicht einmal Zeit, einen Schrei auszustoßen. Das schwarze Wogen packte ihn, riß ihn in die Höhe und zerrte ihn in die Wand hinein.

Das Gefühl des dejä-vu und das Begreifen dessen, was er jetzt sah, kamen gleichzeitig. Es war keine Einbildung gewesen. Der Mann, dessen Gesicht verschwunden war, war wirklich dagewesen. Und er bildete sich auch nicht nur ein, das Huschen und Tasten zahlloser winziger Spinnenbeine auf der Haut zu fühlen …

Und plötzlich sah er zum erstenmal, was wirklich rings um sie herum geschah.

Das gesamte Haus war zum Leben erwacht. Schwarzem, gepanzertem, vielbeinigem Leben, Leben mit glitzernden Facettenaugen und winzigen schnappenden Kiefern, mit haarigen Beinen und zuckenden Antennen, das die Treppe gefressen hatte, die Wände aushöhlte und den Boden, das kroch, krabbelte, fraß …

Brenner schrie. Es war kein menschlicher Laut mehr, sondern ein überschnappendes Kreischen, in dem alles Entsetzen lag, das er aufbringen konnte. Er sprang in die Höhe, taumelte gegen eine Wand, die weich wie Gummi war und warm und lebendig und schlug wie von Sinnen um sich. Er kreischte, schrie, brüllte. Seine Hände fuhrwerkten wie wild in der Luft herum, kratzten durch sein Gesicht und schlugen nach den winzigen krabbelnden Ungeheuern, fetzten Haut und zerbrechendes Chitin beiseite, zerrten an seinen Kleidern. Ein unbeschreibliches Ekelgefühl hatte von ihm Besitz ergriffen.

Er erwachte erst, als eine Hand in sein Gesicht klatschte und der Schmerz den Vorhang aus Wahnsinn durchbrach. Seine Nase begann zu bluten, und für einen Moment wurde ihm schwindelig. Salid hatte so fest zugeschlagen, daß er vielleicht das Bewußtsein verloren hätte, wären nicht alle seine Nerven bis zum Zerreißen angespannt gewesen. Das Gesicht des Palästinensers verzerrte sich vor ihm, schien asymmetrisch zu werden und nur mühsam in seine angestammte Form zurückzufinden, nachdem Salid mit der Hand darüberstrich. Etwas Dunkles, Kleines tropfte von seinen Fingern herab zu Boden. »Brenner – hören Sie mich?«

Es waren nicht seine Augen, mit denen etwas nicht stimmte. Salids Gesicht bewegte sich tatsächlich. Spinnen krochen darüber, Käfer, Heuschrecken und Kakerlaken, Millionen winziger Insekten mit dürren, krabbelnden Beinen, die –

Salid versetzte ihm eine zweite Ohrfeige, die nicht annähernd so heftig war wie die erste, ihn aber trotzdem nachhaltiger in die Wirklichkeit zurückriß.

»Alles in Ordnung?« fragte Salid. Sein Blick war sehr besorgt, aber Brenner suchte vergeblich nach Furcht darin. Begriff er denn nicht, was hier geschah? Sah er es denn nicht?!

»Was … was ist das?« stammelte Brenner. »Was ist das, Salid? Was – ?« Er spürte im letzten Moment selbst, daß er schon wieder hysterisch zu werden drohte, und riß sich mühsam zusammen. Sein Atem ging so schnell, daß ihm schon wieder schwindelte, aber diesmal wehrte er sich nicht gegen das Gefühl. Alles, was diesem Horrorszenario auch nur einen Deut Wirklichkeit nahm, war sein Verbündeter.

»Ich weiß es nicht«, sagte Salid. »Aber es spielt auch keine Rolle. Wir haben vielleicht noch eine Chance. Kommen Sie! « Er wartete gar nicht ab, ob Brenner darauf einging oder nicht, sondern packte ihn am Arm und zog ihn einfach hinter sich her zum Ausgang. Auf halbem Wege bückte er sich, zerrte Johannes in die Höhe und sprach ihn an, aber der junge Geistliche zeigte auch jetzt keine Reaktion. Sein Blick war noch immer so leer und erloschen wie vorhin, als Brenner neben ihm niedergekniet war. Vielleicht hatte sein Gott ein Einsehen mit ihm gehabt, dachte Brenner, und sein Bewußtsein ein für allemal ausgelöscht, so daß er nicht mehr sehen mußte, was hier geschah.

Sie näherten sich dem Ausgang. Kurz bevor sie ihn erreichten, ließ Salid Brenner und Johannes los und bedeutete ihnen mit Gesten, stehenzubleiben.

»Halten Sie noch durch?« fragte er.

Brenner nickte – aber er war nicht sicher, ob das die Wahrheit war. Er redete sich ein, das absolute Entsetzen von gerade überwunden zu haben, aber das stimmte nicht. Was er im Moment empfand, war keine Tapferkeit, sondern Lähmung, die jederzeit in die eine oder andere Richtung umschlagen konnte.

Salid mußte diese Wahrheit in seinem Gesicht lesen, denn er sah plötzlich noch ein wenig besorgter aus als zuvor. Aber er sagte nichts mehr, sondern ging geduckt weiter zur Tür. Das Feuer dort war fast erloschen, aber hier und da züngelten noch Flammen aus dem Holz. Brenner beobachtete, wie sie Salids Beine streiften, aber der Palästinenser zuckte nicht einmal zusammen. Geduckt huschte er weiter, umging das geborstene Loch, in das der Soldat hineingestürzt war, und erreichte die Tür. Brenner konnte nicht erkennen, was Salid dort draußen sah, aber die Reaktion des Palästinensers allein war erschrekkend genug.

Salid erstarrte für einen Moment mitten in der Bewegung. Er stand völlig offen und deckungslos da, ein perfektes Ziel für jeden, der draußen auf der Straße mit einem Gewehr stand, aber niemand feuerte auf ihn.

Und erst in diesem Moment fiel Brenner die Stille auf.

Das unheimliche Rascheln und Knistern, dessen Ursache er nun kannte, erfüllte das Haus noch immer, und dazu waren andere Laute gekommen, eindeutig bedrohliche Geräusche: ein tiefes Mahlen und Grollen, das manchmal von einem spürbaren Zittern des Bodens begleitet wurde und keine Deutung offenließ. Das Haus war instabil geworden. Es würde zusammenbrechen. Bald. Vielleicht jetzt.

Aber etwas anderes war verstummt: Niemand schoß mehr. Die Schreie, die gerufenen Befehle und das Sirenengeräusch draußen waren nicht mehr da. Vor dem Haus herrschte eine schon fast unheimliche Stille.