Einen sich ständig ausruhenden FROB konnte man sich nur schwer vorstellen. Wenn so etwas überhaupt möglich war, dann würde es sich dabei auf jeden Fall um einen höchst unglücklichen Hudlarer handeln.
„Ein Eingriff, bei dem allerlei ausgetauscht werden muß“, berichtete Chefarzt Edanelt gerade, wobei er auf den sich nähernden Conway ein Auge richtete und ihn nun damit ansah. „Wenn wir ein wichtiges inneres Organ ersetzen müssen, hat es keinen Zweck, statt echter Gliedmaßen Prothesen anzupassen. Aber das macht mir Sorgen, Conway. Mein hudlarisches Alter ego empfiehlt mir, uns mit diesem FROB nicht allzuviel Mühe zu geben, während sich mein eigener, rein selbstsüchtiger melfanischer Verstand in erster Linie dafür interessiert, mehr chirurgische Erfahrungen mit anderen Spezies zu sammeln.“
„Sie gehen mit sich selbst zu streng ins Gericht“, entgegnete Conway und fügte dann nachdenklich hinzu: „Andererseits bin ich sehr froh, daß das Hospital Verwandte vom Besuch der Patienten abhält. Das postoperative Gespräch mit dem Patienten ist schon schlimm genug, insbesondere in einem Fall wie diesem.“
„Falls Ihnen die Aussicht darauf schwere psychische Qualen bereitet, übernehme ich es gern, Sie davon zu befreien“, schlug Edanelt schnell vor.
„Danke, nein“, antwortete Conway, obwohl er sich versucht fühlte. „Das ist jetzt ja meine Aufgabe.“ Schließlich war er bei diesen Fällen der leitende Diagnostiker.
„Natürlich“, sagte Edanelt. „Gehe ich recht in der Annahme, daß die Ersatzorgane und — glieder sofort zur Verfügung stehen?“
„Patient achtzehn ist vor ein paar Minuten gestorben“, antwortete Conway. „Die Absorptions- und Verdauungsorgane sind unversehrt, und es sind drei verwendbare Gliedmaßen vorhanden. Von Thornnastor werden Sie weitere erhalten, sobald oder falls Sie welche brauchen. Der Unfall war so schlimm, daß er uns keinen Mangel an Ersatzorganen beschert hat.“
Als er den Satz beendet hatte, befestigte sich Conway neben Edanelt an dem Operationsgestell und besprach mit ihm die besonderen Schwierigkeiten, die sich bei diesem Fall ergeben würden, insbesondere die Notwendigkeit, drei größere Eingriffe gleichzeitig vorzunehmen.
Wegen der Art der Verletzungen von FROB zehn war das Absorptionssystem zu weniger als fünfzig Prozent funktionsfähig, und sogar dieser Zustand konnte nur noch unter großen Schwierigkeiten aufrechterhalten werden. Zudem war es keineswegs sicher, daß sich die Verfassung nicht im Verlauf der nächsten Stunden weiter verschlechterte. Da der Absorptionsmechanismus entweder das Betäubungsmittel oder das Nahrungspräparat aufnehmen konnte, aber nicht beides gleichzeitig, war es unbedingt erforderlich, die Narkose des Patienten so kurz wie möglich zu halten. Und während es sich bei der Verpflanzung der Gliedmaßen um relativ simple mikrochirurgische Eingriffe handelte, würde die Entnahme des zerstörten Organs bei FROB zehn und die des gesunden bei dem verstorbenen FROB achtzehn kompliziert und nur geringfügig weniger schwierig werden, als das Spenderorgan in den Empfänger zu verpflanzen.
Unter den der galaktischen Föderation bekannten warmblütigen, sauerstoffatmenden Lebensformen waren die Absorptionsorgane der FROBs etwas Einzigartiges — obwohl die Hudlarer genaugenommen gar nicht atmeten. Unter der Haut auf jeder Körperseite gelegen, stellten die Organe große halbkreisförmige und überaus komplexe Gebilde dar, die mehr als ein Sechstel des Körpervolumens einnahmen und an ihren oberen Rändern vom Rückgrat geteilt wurden. Sie bildeten mit der Haut ein Ganzes, die an den entsprechenden Stellen von Tausenden von kleinen Schlitzen durchlöchert war. Die Öffnungs- und Schließbewegungen dieser Schlitze wurden von einem Geflecht willkürlicher Muskeln gesteuert, und sie erstreckten sich bis zu einer Tiefe in den Körper, die ungefähr zwischen fünfundzwanzig und vierzig Zentimetern schwankte.
Da die beiden großen Organe sowohl als Magen als auch als Lunge fungierten, nahmen sie die Mischung aus Nahrungspräparat und Luft auf, aus der die dichte, suppenartige Atmosphäre des Planeten Hudlar bestand, verarbeiteten in beachtlich kurzer Zeit die verwertbaren Inhaltsstoffe des gasförmigen Gemischs aus flüssigen und festen Bestandteilen und leiteten die Rückstände in ein einzelnes, kleineres und biologisch weniger komplexes Organ an der Unterseite des Körpers, wo die Abfallstoffe als eine milchige Flüssigkeit ausgeschieden wurden.
Da die beiden Herzen — die, geschützt von der den Körper in der Mitte durchziehenden Wirbelsäule, hintereinander zwischen den Absorptionsorganen lagen — das Blut mit einer solchen Geschwindigkeit und einem derartigen Druck zirkulieren ließen, waren die frühen Versuche der Hudlarerchirurgie für die Patienten ausgesprochen riskant gewesen. Seit dem Eintritt des Planeten in die Föderation hatte man jedoch eine Menge chirurgischer Fachkenntnisse über FROBs gesammelt, und, was noch wichtiger war, ein Hudlarer war nur sehr schwer zu töten.
Sofern er nicht, wie in diesem Fall, schon mehr als halbtot war.
Ein großer Vorteil bestand für das Team darin, daß es sich bei sämtlichen Eingriffen, den verschiedenen Verpflanzungen der Gliedmaßen und der Absorptionsorgane, um offene Operationen handelte. Das angestrengte Suchen und Schneiden und Nähen in winzigen, begrenzten Organzwischenräumen würde es also gar nicht erst geben. Falls erforderlich, konnten mehrere Chirurgen am Operationsfeld gleichzeitig arbeiten, und Conway wußte mit Sicherheit, daß das Operationsgestell von FROB zehn schon bald der belebteste Ort im ganzen Krankenhaus sein würde.
Als Edanelt den Schwestern die letzten Anweisungen erteilte, in welche Lage der Patient zu bringen sei, wandte sich Conway ab, um nach FROB dreiundvierzig zu sehen. Allmählich bekam er das Gefühl, wieder im Weg zu sein, einen Eindruck, an den er sich in zunehmendem Maße gewöhnt hatte, seit es sein ständiger Aufstieg in den vergangenen Jahren immer häufiger erforderlich gemacht hatte, Vollmachten und Verantwortlichkeiten auch an andere zu übertragen. Wie er zudem wußte, war Edanelt als einer der führenden Chefärzte des Hospitals ein viel zu verantwortungsbewußter Arzt, als daß er auch nur eine Sekunde lang zögern würde, um Conway um Hilfe zu bitten, falls er tatsächlich in Schwierigkeiten geraten sollte.
Schon eine oberflächliche Untersuchung von FROB dreiundvierzig hatte ergeben, daß es nicht schlecht um die Patientin stand. Alle sechs Glieder waren noch vorhanden und befanden sich in eindeutig unverletztem Zustand, die poröse Haut über den Absorptionsorganen war unversehrt, und der Schädel und das Rückgrat hatten, wie deutlich zu sehen war, keine Schäden davongetragen — obwohl sich diese Hudlarerin in einem Abschnitt der zerstörten Wohneinheit befunden hatte, in dem die schwersten Opfer zu beklagen waren. In den Aufzeichnungen zu diesem Fall fand sich die kurze Erwähnung, daß sie durch den Körper eines anderen FROB, der nur geringe Überlebenschancen besaß, geschützt worden war.
Doch das Opfer des Gefährten von FROB dreiundvierzig — aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Lebensgefährte — war vielleicht vergebens gewesen. Direkt unterhalb der Mittelgliedmaße an der rechten Unterseite des Körpers von FROB dreiundvierzig befand sich nämlich eine tiefe, von einem provisorischen Druckverband bedeckte Stichwunde, die von einem Stück Metallstange verursacht worden war, das die Haut wie ein stumpfer Speer durchbohrt hatte. Dabei war die Gebärmutter an der Seite aufgerissen worden — die Patientin hatte zur Zeit des Unfalls dem weiblichen Geschlecht angehört —, und obwohl die Stange die Hauptblutgefäße in diesem Bereich verfehlt hatte, war sie nur wenige Millimeter vor dem hinteren Herzen steckengeblieben.