Der Fötus schien in gutem Zustand zu sein, auch wenn die Metallstange wenige Zentimeter an seiner Wirbelsäule vorbeigegangen war. Während das Herz selbst keine Schäden aufwies, hatte das stumpfe Ende der Stange die Blutzufuhr zur Herzmuskulatur auf der entsprechenden Seite so stark abgeklemmt, daß bleibende Schäden aufgetreten waren. Zwar wurde die Herztätigkeit durch das Lebenserhaltungssystem aufrechterhalten, doch selbst mit dieser Unterstützung drohte ein Herzstillstand, so daß eine Transplantation dringend angezeigt war. Conway seufzte, da er nach der Operation eine weitere emotional schmerzhafte Erfahrung auf sich zukommen sah.
„Zur Transplantation steht das Herz von FROB achtzehn zur Verfügung“, sagte er Hossantir, dem tralthanischen Chefarzt, der die Operation von FROB dreiundvierzig leitete. „Wir entnehmen ihm bereits die Absorptionsorgane und sämtliche unverletzten Gliedmaßen, also dürfte es ihm nichts ausmachen, uns auch sein Herz zu spenden.“
Hossantir richtete eins seiner vier Augen auf Conway und entgegnete: „Da FROB achtzehn und dreiundvierzig Lebensgefährten waren, haben Sie höchstwahrscheinlich recht.“
„Das wußte ich gar nicht“, erwiderte Conway unangenehm berührt, da er eine indirekte Kritik des Tralthaners an seinem respektlosen Gerede vermutete; denn die FGLIs hielten — im Gegensatz zu den Hudlarern — ihre jüngst Verstorbenen in hohen Ehren. „Wie werden Sie vorgehen?“ fragte er den Tralthaner.
Hossantir hatte vor, das immer noch in der Wunde steckende Stück Metallstange dort zu lassen. Von den Mitgliedern des Rettungsteams war es direkt an der Haut abgeschnitten worden, um die Verunglückte leichter transportieren zu können, doch sie hatten klugerweise nicht die gesamte Stange entfernt, weil sie die Verletzungen sonst womöglich noch verschlimmert hätten. Da das untere Ende der Stange durch die Stillung der tieferen inneren Blutungen einen guten Zweck erfüllte, würde das vordringliche Vernähen des Risses in der Gebärmutter bedeuten, daß die für die später erfolgende Herztransplantation erforderlichen Instrumente an der Gebärmutter vorbeikommen mußten, ohne dabei den Fötus zu gefährden.
Die Wundöffnung befand sich zwar nicht an der Stelle, die Hossantir für eine Herztransplantation gewählt hätte, lag aber für das nach der operativen Vergrößerung angestrebte Ziel nahe genug — ein Verfahren, durch das man vermied, die Patientin dem zusätzlichen seelischen Schock eines weiteren tiefen Einschnitts auszusetzen.
Als der Tralthaner seine Erläuterungen beendet hatte, sah sich Conway das Operationsgestell und die Operationsmannschaft an, die schwerelos in der Nähe schwebte. Sie bestand aus einem Melfaner, zwei Orligianern und einem weiteren Tralthaner, die allesamt Assistenzärzte waren, sowie aus fünf kelgianischen und zwei ianischen Schwestern, die ihn samt und sonders schweigend musterten. Conway wußte nur zu gut, daß Chefärzte auf scheinbare Eingriffe in ihre Autorität äußerst empfindlich reagieren konnten, insbesondere, wenn sie aufgrund eines einfachen Versäumnisses ihrerseits die Anweisung erhielten, etwas Bestimmtes zu tun. Sein kelgianisches Alter ego wollte ihn direkt zur Sache kommen lassen, während der tralthanische Bestandteil seines Gehirns zu einem diplomatischeren Ansatz riet.
„Selbst nach einer operativen Vergrößerung der Wunde wird der Zugriff auf das Operationsfeld eingeschränkt sein“, sagte er vorsichtig.
„Natürlich“, erwiderte Hossantir.
Jetzt versuchte Conway es auf direkterem Weg. „Es werden nicht mehr als zwei Chirurgen gleichzeitig operieren können. Folglich ist ein beträchtlicher Teil Ihres Teams überflüssig.“
„Selbstverständlich“, bestätigte Hossantir.
„Chefarzt Edanelt braucht Hilfe“, gab Conway nun unmißverständlich zu verstehen.
Zwei von Hossantirs Augen schwenkten herum und verfolgten die an Edanelts Gestell stattfindenden Vorbereitungen. Dann teilte der Tralthaner schnell seine beiden orligianischen und den tralthanischen Arzt zur Unterstützung des anderen Chefarzts ein und gab ihnen die Anweisung, um die Hilfe von Schwestern zu bitten, sowie oder falls dies erforderlich sein sollte.
„Das war unverzeihlich selbstsüchtig und gedankenlos von mir“, entschuldigte sich Hossantir bei Conway. „Ich danke Ihnen für die taktvolle Art, in der Sie mich vor meinen Untergebenen an meine Unachtsamkeit erinnert haben. Aber seien Sie bitte in Zukunft etwas direkter. Ich habe ständig ein kelgianisches Schulungsband im Kopf gespeichert und werde an einem scheinbaren Eingriff in meine Autorität keinen Anstoß nehmen. Offen gestanden beruhigt mich Ihre Anwesenheit außerordentlich, Conway, da meine Erfahrungen mit tiefen operativen Eingriffen bei Hudlarern nicht sonderlich umfangreich sind.“
Wenn ich meine eigenen Erfahrungen auf dem Gebiet hudlarischer Chirurgie einzeln aufzählen müßte, dachte Conway sarkastisch, wärst du möglicherweise von meiner Anwesenheit überhaupt nicht mehr beruhigt.
Dann lächelte er plötzlich, als er sich erinnerte, wie O'Mara die Funktion eines Diagnostikers im Operationssaal sardonisch als größtenteils psychologisch bezeichnet hatte — der Diagnostiker war vor allem anwesend, um sich Sorgen zu machen und die Verantwortung zu übernehmen, die seine Untergebenen möglicherweise nicht tragen konnten.
Während er zwischen den drei Patienten umherging, rief er sich seine ersten Jahre nach der Beförderung zum Chefarzt in Erinnerung und wie er die Verantwortung übernommen und manchmal geradezu eifersüchtig gehütet hatte. Bei der Arbeit unter Aufsicht hatte er stets zu beweisen versucht, daß der anwesende Diagnostiker eigentlich überflüssig war. Mit der Zeit war ihm das immer erfolgreicher gelungen, denn die Aufsicht hatte sich auf ein Mindestmaß beschränkt und hin und wieder sogar völlig gefehlt. Einige Male war es allerdings auch vorgekommen, daß Thornnastor oder einer der anderen Diagnostiker, die Conway bei den Operationen im Nacken gesessen und ihn ärgerlicherweise abgelenkt hatten, hereinkam und auf diese Weise sowohl das Leben eines Patienten als auch die beruffiche Laufbahn eines frischgebackenen Chefarzts rettete, dessen Begeisterung zeitweilig an Verantwortungslosigkeit grenzte.
Wie es diese Diagnostiker geschafft hatten zuzusehen, ohne einzuschreiten, Alternativmaßnahmen vorzuschlagen oder ihn in jeder Phase schrittweise anzuleiten, wußte Conway nicht, weil er es selbst fast unmöglich fand, so zu verfahren.
Während die Stunden verstrichen, gelang es ihm, mit dem fast Unmöglichen fortzufahren und seine Aufmerksamkeit zwischen den Operationsplätzen von Yarrence, Edanelt und Hossantir und den Tätigkeiten rings um den verstorbenen FROB achtzehn aufzuteilen, bei dem die zur Entnahme der Spenderorgane und der Glieder notwendigen Eingriffe mit der gleichen Sorgfalt und Präzision vorgenommen wurden wie bei den Empfängern. Bei diesen Arbeiten gab es mehrere Aspekte, zu denen er sich hätte äußern können, allerdings nicht in allzu kritischen Worten, deshalb schwieg er und erteilte nur Ratschläge, wenn er darum gebeten wurde. Doch obwohl die drei Chefärzte hervorragende Arbeit leisteten und er sorgfältig darauf achtete, seine Zeit gleichmäßig unter ihnen aufzuteilen, beobachtete er Hossantir am genauesten. Wenn einer der Patienten Schwierigkeiten bereiten würde, dann FROB dreiundvierzig.
Es geschah in der fünften Stunde der verschiedenen chirurgischen Eingriffe. Die Operation des eingedrückten Schädelbruchs und der Arterien bei FROB drei war gut verlaufen, und die weniger kritische Verpflanzung der Gliedmaßen ging in zufriedenstellender Weise voran. Bei FROB zehn waren die Transplantation der Absorptionsorgane abgeschlossen und die Dekompressionsschäden behoben worden, so daß sich auch dieser Patient nur noch den langwierigen mikrochirurgischen Arbeiten an den Gliedmaßen unterziehen mußte. Darum war es nur natürlich, daß sich Conway am Gestell von FROB dreiundvierzig festhakte, um Hossantir bei den äußerst heiklen ersten Schritten zuzusehen, das Spenderherz in den neuen Körper einzusetzen.