„Herzrhythmusstörungen“, sagte Hossantir. „Alle fünf, nein, alle vier Schläge ein normaler. Der Blutdruck sinkt. Den Anzeichen nach wird das Herz zu flattern anfangen und sehr schnell zum Stillstand kommen. Der Defbrillator ist bereit.“
Conway warf einen raschen Blick auf den Bildschirm, auf dem die unregelmäßige Herzfrequenz alle vier Schläge einmal in den normalen Rhythmus verfiel. Aus Erfahrung wußte er, wie schnell das in ein schnelles, unkontrollierbares Flattern ausarten und durch den sich daraus ergebenden Verlust der Pumpleistung zum Herzversagen führen konnte. Zwar würde der Defibrillator das Herz mit seinen Stromstößen ganz sicher wieder zum Arbeiten bringen, konnte aber nicht eingesetzt werden, solange noch die Operation am Spenderherz durchgeführt wurde. Conway setzte seine Arbeit in verzweifeltem Tempo, aber dennoch sorgfältig fort. Seine Konzentration war so groß, daß alle Gehirnpartner wieder miteinbezogen wurden, ihre Sachkenntnis beisteuerten und gleichzeitig ihre Verärgerung kundtaten, weil zwei terrestrische Hände die Arbeit vollbrachten und nicht die verschiedenartigen Greiforgane, Zangen und Finger der Alter egos. Als Conway schließlich aufsah, stellte er fest, daß Hossantir und er die Herstellung der Verbindungen zur gleichen Zeit abgeschlossen hatten. Doch ein paar Sekunden später fing das andere Herz zu flattern an und kam kurz darauf zum Stillstand. Nun wurde die Zeit wirklich knapp.
Sie lockerten die Klammern an der Hauptschlagader und den untergeordneten Blutgefäßen, beobachteten, wie sich das schlaffe Spenderherz langsam aufblähte, während es sich mit dem Blut von FROB dreiundvierzig füllte, und überprüften es mit den Scannern auf die Bildung einer möglichen Luftembolie. Da keine vorhanden waren, setzte Conway die vier kleinen Elektroden an die entsprechenden Stellen, um die Anregung des Spenderherzens vorzubereiten. Anders als die für das andere Herz benötigte Stromspannung des Defibrillators, die mehr als fünfundzwanzig Zentimeter zähe Hudlarerhaut und darunterliegendes Gewebe durchdringen mußte, würden die Elektroden direkt auf die Oberflächenmuskulatur des Spenderherzens wirken und deshalb nur mit relativ schwacher Spannung arbeiten.
Der Defibrillator erzielte keinen Erfolg. Für ein paar Augenblicke flatterten beide Herzen unregelmäßig und blieben dann stehen.
„Noch mal!“ rief Conway.
„Das Herz des Embryos ist zum Stillstand gekommen“, meldete Hossantir plötzlich.
„Das hatte ich erwartet“, entgegnete Conway, der zwar nicht allwissend klingen wollte, aber auch keine Zeit für Erklärungen hatte.
Jetzt wußte er, warum er die Verbindungen zum Spenderherzen nach dem Notfall mit der Pumpe so schnell hatte herstellen wollen. Es war keine Ahnung gewesen, sondern eine Erinnerung aus der Vergangenheit, als er Assistenzarzt gewesen war, und diese Erinnerung stammte von ihm selbst.
Es war während des ersten Vertrags über FROBs geschehen, den er besucht hatte und der vom leitenden Diagnostiker der Pathologie, Thornnastor, gehalten worden war. Conway hatte die Bemerkung gemacht, daß sich die hudlarische Spezies glücklich preisen könne, weil sie über ein Ersatzherz verfügte, falls eins versagen sollte. Das hatte er als Witz gemeint, aber Thornnastor war — figürlich gesprochen — mit allen sechs Beinen über ihn hergefallen, weil Conway eine derartige Bemerkung von sich gegeben hatte, ohne vorher die Physiologie der Hudlarer in allen Einzelheiten studiert zu haben. Danach hatte der Pathologe die Nachteile beschrieben, die zwei Herzen mit sich brachten, besonders, wenn es sich bei dem Betreffenden um eine schwangere, gerade dem weiblichen Geschlecht angehörende Hudlarerin handelte, und Conway über das Nervengeflecht ins Bild gesetzt, das die unwillkürliche Muskulatur steuerte und das empfindliche Gleichgewicht zwischen den Impulsen zu vier Herzen, den beiden der Mutter und den beiden des Embryos, aufrechterhielt. Gerade in einem solchen Stadium konnte das Versagen eines Herzens ganz schnell zum Stillstand der übrigen drei führen.
„Und noch mal!“ rief Conway beunruhigt. Damals war der Zwischenfall beim Vortrag nicht der Erinnerung wert gewesen, weil man eine allumfassende Chirurgie bei FROBs in jenen Tagen für unmöglich gehalten hatte. Er fragte sich bereits, ob die Hudlarerin jetzt keine Überlebenschancen mehr hatte, als plötzlich beide Herzen zuckten, noch einmal zögerten, und dann kräftig und gleichmäßig zu schlagen begannen.
„Die Herzen des Fötus arbeiten auch wieder!“ jubelte Hossantir und fügte wenige Sekunden später hinzu: „Pulsschlag optimal.“
Die auf dem Sensorendisplay angezeigten Gehirnströme waren für eine tief bewußtlose Hudlarerin normal und ließen erkennen, daß es durch das mehrminütige Aussetzen des Blutkreislaufs zu keinen Gehirnschäden gekommen war. Allmählich entspannte sich Conway. Seltsamerweise wurden jedoch jetzt, nachdem der Notfall vorbei war, seine übrigen Gehirnpartner unangenehm aufdringlich. Es war, als ob sie ebenfalls erleichtert wären und mit viel zuviel Begeisterung auf die Umstände reagierten. Verärgert schüttelte Conway den Kopf und hielt sich noch einmal vor Augen, daß es sich bloß um Gedächtnisaufzeichnungen handelte, um simple, gespeicherte Massen an Informationen und Erfahrungen, die seinem Gehirn zur Verfügung standen, um benutzt oder ignoriert zu werden, ganz so, wie er es für angebracht hielt. Doch dann kam ihm der unbehagliche Gedanke, daß auch sein eigener Verstand aus nichts weiter als einer Ansammlung von Kenntnissen, Eindrücken und Erfahrungen bestand, und was machte dieses im Gehirn gespeicherte Wissen soviel wichtiger und bedeutender als das der anderen?
Diesen plötzlich erschreckenden Gedanken versuchte er zu verdrängen, indem er sich daran erinnerte, daß er immer noch lebte und in der Lage war, neue Eindrücke zu empfangen und durch sie ständig seine gesamte Erfahrung zu verändern, während das Material auf dem Band bei der Aufnahme in seinem damaligen Zustand eingefroren worden war. Auf jeden Fall waren die Urheber schon lange tot oder weit vom Orbit Hospital entfernt. Trotzdem hatte Conway das beklemmende Gefühl, als zweifelte sein Verstand allmählich die eigene Autorität an, und auf einmal fürchtete er um seine geistige Gesundheit.
Wenn O'Mara gewußt hätte, daß Conway derartigen Gedanken nachhing, wäre er fuchsteufelswild geworden. Nach Ansicht des Chefpsychologen war ein Arzt sowohl physisch als auch psychisch für seine Arbeit und die Mittel verantwortlich, die ihm das Verrichten dieser Arbeit ermöglichten. Konnte der Arzt seine Aufgabe nicht zur vollen Zufriedenheit erfüllen, dann sollte sich der Betreffende eine Beschäftigung suchen, die weniger hohe Anforderungen stellte.
Beschäftigungen, die höhere Anforderungen als die eines Diagnostikers stellten, gab es kaum.
Conways Hände fühlten sich schon wieder irgendwie falsch an, und die fetten, rosa und seltsam unbeholfenen Finger zitterten. Er räumte die DBDG-Instrumente beiseite, wandte sich an Hossantirs melfanischen Assistenten, dessen Kennkarte immer noch blutverschmiert und nur zum Teil zu lesen war, und fragte: „Möchten Sie weitermachen, Doktor?“
„Sehr gerne sogar, Sir“, antwortete der ELNT. Offenbar hatte er wegen Conways Einschreiten die Befürchtung gehabt, der Diagnostiker auf Probe habe ihn für nicht imstande gehalten, seine Aufgabe zu erfüllen.
Dabei ist es im Moment eher genau umgekehrt, dachte Conway grimmig.
„Niemand erwartet von Ihnen, alles selbst zu machen, Conway“, stellte Hossantir in ernstem Ton fest.
Dem Tralthaner war ganz offensichtlich bewußt, daß mit Conway irgend etwas nicht stimmte — Hossantirs Augen entging nichts, selbst wenn alle vier in verschiedene Richtungen blickten. Ein paar Minuten sah Conway noch zu, bis das Team zusammengerückt war, dann verließ er FROB dreiundvierzig, um die Fortschritte bei den anderen beiden Patienten zu überprüfen.