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»Dazu muss man aber wissen«, sagte Midge und senkte dramatisch die Stimme, »dass Strathmore die verschlüsselte Nachricht schon

sechs Stunden vor dem geplanten Bombenattentat abgefangen hatte.«

Brinkerhoff war einen Moment sprachlos. »Aber... aber warum hat er dann so lange gewartet ...«

»Weil der TRANSLTR die Datei nicht angenommen hat! Strathmore hat alles versucht, aber die Gauntlet-Filter haben die Datei immer wieder zurückgewiesen. Sie war mit einem Public-Key-Algorithmus chiffriert, den die Filter noch nicht kannten. Jabba hat fast sechs Stunden gebraucht, bis er die Filter entsprechend

umprogrammiert hatte.«

Brinkerhoff war platt.

»Strathmore hat natürlich gekocht und von Jabba verlangt, dass er ihm einen Programmschalter zum Umgehen von Gauntlet installiert,

damit so was nicht wieder vorkommmt.«

»Mann, oh Mann.« Brinkerhoff pfiff durch die Zähne. »Das war mir völlig unbekannt.« Seine Augen verengten sich. »Und worauf

willst du hinaus?«

»Ich glaube, dass Strathmore heute wieder einmal auf diesen Programmschalter gedrückt hat, um eine Datei zu bearbeiten, die

Gauntlet zurückgewiesen hat.«

»Na und? Dazu ist dieser Schalter doch da, oder?«

»Nicht, wenn die Datei einen Virus hat.«

Brinkerhoff machte einen Satz. »Einen Virus? Wie kommst du auf

einen Virus?«

»Das ist die einzige logische Erklärung«, sagte Midge. »Jabba sagt, nur ein Virus könne den TRANSLTR so lange auf Trab halten,

also ...«

»Moment mal!« Brinkerhoff wedelte mit dem Zeigefinger. »Strathmore hat gesagt, dass alles in bester Ordnung sei!«

»Strathmore lügt.«

Brinkerhoff blickte nicht mehr durch. »Willst du etwa behaupten, Strathmore hätte absichtlich dem TRANSLTR einen Virus verpasst?«

»Ach was!«, winkte Midge ab. »Natürlich nicht. Ich glaube, er ist hereingelegt worden.«

Brinkerhoff wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Mit Midge Milken war offenbar die Fantasie durchgegangen.

»Das würde so manches erklären«, beharrte sie, »zum Beispiel, warum Strathmore schon die ganze Nacht zu Gange ist.«

»Um seinen eigenen Computer mit einem Virus zu verseuchen?«

»Nein«, sagte Midge ärgerlich, »um seinen Fehler zu vertuschen. Und weil der Virus sämtliche Prozessoren blockiert, kriegt er den TRANSLTR nicht mehr abgeschaltet, und folglich hat er auch nicht

genügend Strom für das Licht in der Kuppel.«

Brinkerhoff verdrehte die Augen. Midge hatte in der Vergangenheit schon öfter Ahnungen gehabt, aber hier war wohl die Fantasie mit ihr durchgegangen. Er versuchte, sie wieder auf den

Teppich zu bekommen. »Jabba scheint sich keine besonderen Sorgen zu machen.«

»Jabba ist ein Idiot!«, zischte Midge.

Brinkerhoff sah sie überrascht an. Einen Idioten hatte Jabba noch keiner genannt – ein Schwein vielleicht, aber nicht einen Idioten. »Hier steht wohl deine weibliche Intuition gegen Jabbas anerkannten

Sachverstand.«

Midge schoss einen missbiligenden Blick auf ihn ab.

Brinkerhoff hob begütigend die Hände. »Nichts für ungut. Ich nehme alles zurück.« Er musste zugeben, Midge hatte ein besonderes Talent, krumme Dinger zu wittern. »Midge«, sagte er begütigend,

»ich weiß ja, dass du Strathmore nicht leiden kannst, aber...«

»Strathmore ist für mich schon längst aus dem Spiel!« Midge war

bereits voll in Fahrt. »Wir müssen uns jetzt die Bestätigung verschaffen, dass Strathmore die Gauntlet-Filter umgangen hat, und dann wird der Chef angerufen.«

»Hervorragende Idee«, stöhnte Brinkerhoff. »Dann sollten wir Strathmore anrufen und ihn bitten, eine eidesstattliche Erklärung

abzugeben.«

»Nein«, sagte Midge, ohne den Sarkasmus zur Kenntnis zu nehmen. »Strathmore hat uns heute schon einmal für dumm verkaufen wollen.« Sie sah Brinkerhoff prüfend an. »Du hast doch einen

Schlüssel für Fontaines Büro.«

»Natürlich, schließlich bin ich sein persönlicher Referent!«

»Gib ihn mir.«

Brinkerhoff sah Midge erstaunt an. »Midge, und wenn du dich auf den Kopf stellst, ich werde dich niemals in Fontaines Büro lassen!«

»Du musst aber!« Midge wandte sich ab und tippte auf der Tastatur von Big Brother herum. »Ich brauche eine Warteschlangenliste vom TRANSLTR. Wenn Strathmore die Gauntlet-Filter umgangen hat, wird man es auf dem Ausdruck der

Liste sehen können.«

»Und wozu musst du dafür in Fontaines Büro?«

Midge wirbelte herum. »Wie du eigentlich wissen solltest, kann man sich die Warteschlangenliste nur auf Fontaines eigenem Drucker

ausdrucken lassen!«

»Jawohl, Midge, weil die Liste nämlich der Geheimhaltung unterliegt!«

»Wir haben eine Notsituation. Ich muss diese Liste einsehen.«

Brinkerhoff legte ihr die Hände auf die Schultern. »Midge, bitte beruhige dich. Du weißt genau, dass ich niemanden...«

Sie schnaubte vernehmlich und wandte sich wieder ihrem Keyboard zu. »Ich werde jetzt den Druckbefehl für die Warteschlangenliste eingeben. Dann gehe ich in das Büro, hole die Liste aus dem Drucker und gehe wieder raus, mehr nicht. Gib mir jetzt

den Schlüssel.« »Midge ...«

Sie beendete die Befehlseingabe und drehte sich um. »Chad, die Liste kommt in dreißig Sekunden aus dem Drucker. Ich mache dir ein Angebot. Du gibst mir den Schlüssel. Wenn Strathmore die Filter umgangen hat, rufen wir den Sicherheitsdienst. Wenn ich mich getäuscht habe, gehe ich nach Hause, und du kannst Carmen Huerta so viel Honig auf die Titten schmieren, wie du willst.« Sie lächelte ihn hinterhältig an und streckte die Hand aus. »Den Schlüssel bitte, ich

warte!«

Brinkerhoff stöhnte auf. Er bereute zum zweiten Mal, dass er Midge zurückgerufen hatte. Er betrachtete die Hand, die sie ihm entgegenstreckte. »Midge, hier geht es um Geheimmaterial, das sich im Verfügungsbereich des Direktors befindet. Machst du dir überhaupt eine Vorstellung davon, was passiert, wenn man uns

erwischt?«

»Der Direktor ist in Südamerika.«

»Tut mir Leid. Das kann ich nicht machen, und damit basta!« Brinkerhoff drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Raum.

Midge starrte ihm hinterher. In ihren grauen Augen funkelte es. »Und ob du das machen kannst«, flüsterte sie. Sie wandte sich Big

Brother zu und rief das Video-Archiv auf.

Midge wird sich schon wieder einkriegen, dachte Brinkerhoff, während er sich an den Schreibtisch setzte, um die restlichen Berichte durchzugehen. Schließlich konnte Midge nicht von ihm erwarten, dass er ihr jedes Mal, wenn sie Gespenster sah, den Schlüssel zum Büro

des Direktors aushändigte.

Er hatte sich soeben in den Bericht über die COMSEC-Ausfälle vertieft, als er störendes Stimmengewirr vernahm. Er unterbrach seine

Arbeit und ging zur Tür.

Der Flur war dunkel, bis auf einen schwachen gräulichen Lichtschimmer, der aus Midges halb geöffneter Bürotür fiel. Er

lauschte. Die Stimmen brachen nicht ab. Sie klangen erregt. »Midge?«

Keine Antwort.

Er näherte sich ihrem Büro. Die Stimmen kamen ihm irgendwie bekannt vor. Er machte die Tür ganz auf. Das Büro war leer. Brinkerhoffs Blick folgte den Stimmen, die von den Videomonitoren kamen. Auf jedem der zwölf Bildschirme spielte die gleiche Szene – eine Art pervers choreographiertes Ballett. Brinkerhoff stützte sich auf die Lehne von Midges Schreibtischsessel. Entsetzt betrachtete er die

Bilder. Es wurde ihm fast schlecht.

»Chad?«, sagte jemand hinter ihm draußen auf dem Gang.

Er fuhr herum und spähte ins Dunkel.