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Sie drehte den Kopf langsam in Richtung des Stadtausgangs, dorthin, wo die chaotischen Gürtelgegenden anfingen.

«Das Muster ist vorhanden. Unsere Feinde nennen es einen Fetisch, das mögliche Herzstück einer neuen Religion, die vielleicht so schädlich sei wie die Bekenntnisse der Menschen.«

Man wußte, wovon Elektrizitas Pulsipher redete: Die polyarchische Partei war erst im letzten Winter mehrfach beim Löwen mit Eingaben vorstellig geworden, die verlangten, man solle doch ermitteln lassen, wie viel vom gesellschaftlichen Mehrprodukt bereits jetzt bei den Isottaleuten blieb und ob es vielleicht mit jedem Jahr mehr würde. Der Sinn dieser Anfragen war leicht zu erraten.

«Wir sind nicht gerade dankbar für diesen Haß. Die Bosheit solcher Feinde macht allerdings auch wach. Sie hilft, die Dinge zu klären. Schädlicher aber sind jene, die sich für unsere Freunde halten und doch herunterspielen, was wir tun. Sie sagen: Laßt sie machen, und begründen das damit, daß man ja doch nicht wisse, ob die vielen Jahrtausende, in denen Menschen Religionen hatten, nicht belegen, daß so etwas einfach… gebraucht werde. Es gab da gewisse Untersuchungen, wie wir alle wissen, über die Hirnfunktionen und deren Rolle bei der Erfahrung des Göttlichen; auch im Torus wurde das noch vor wenigen Jahren erörtert, vom Zander und seinen Leuten. Erkenntnisse und Vermutungen über positives Feedback, über Schleifen, Exzitationen spielten dabei eine Rolle. Jetzt jedoch, da wir uns darauf vorbereiten, Dinge auszusprechen, die wir nicht nur für sozial notwendig, für neurobiologisch sinnstiftend oder kulturell wertvoll, sondern für wahr halten, zeigen diese Freunde immer offener Scheelsucht. Jetzt verargt man uns, daß wir, Jahrhunderte nach der Befreiung, tatsächlich an etwas glauben.«

So deutlich hatten sich die» Blutvergießer«, wie Elektrizitas und ihre Mädchen bei ihren Gegnern hießen, nie zuvor erklärt. Sie sah mit ruhigem Blick übern Platz hin, nickte kaum merklich, fuhr fort:»Was glauben wir? Viele haben es gehört; wenige verstehen es.«

Man ahnte, was nun kommen würde.

Es kam tatsächlich.

«Wir glauben, daß es den Gente bestimmt ist, etwas Flüchtiges, das wir nur erst dem Umriß nach erkennen, zu suchen, zu bergen und zu beschützen. Wir nennen es das Wetzelchen.«

Auf dem Dach der Bank gegenüber der breiten Treppe, auf der Elektrizitas stand, saßen Kolkraben. Sie fingen an zu lachen, als hätte ihnen wer dazu ein Zeichen gegeben. Elektrizitas wartete, bis sich das Keckern erschöpft hatte. Dann nahm sie ihren Faden wieder auf:»Woher ich das denn weiß, wird der wachere Teil des Publikums fragen. Ich will's verraten: Aus einem Traum. «Ihre Vogelaugen funkelten; ihr Schnabel, aus Silber, reich ornamentiert, blitzte in frühen Sonnenflammen.

Hinter ihr standen, einer Leibgarde gleich, Körper aus Stein, die niemand je anbeten würde.

«Den Traum haben manche meiner Schwestern ebenfalls geträumt, und wie ich weiß, manche von euch, gar nicht so wenige sogar, auch wenn ihr's euch nicht eingesteht. Ich will ihn euch schildern: In diesem Traum kam eine Menschenfrau mit dichtem schwarzen Haar zu… den jeweils Träumenden und also auch zu mir. Mein Kragen, ihr seht ihn«, es war ein sehr weiter Kragen,»der war aufgestellt, und ich hatte soeben um die pherinfonische Adresse und Kennung einer Priesterin und Schriftgelehrten gebeten, die uns verlassen wollte, um jenseits der drei Städte, wo noch viele Tiere sind, die keine Sprache haben, diese zu missionieren. Ein Abschied: In dieser Stimmung träumte ich; es war ein Traum vom Segen auf den Weg. Die andern, meine Schwestern, sahen vom Hof aus zu mir her«— das taten sie auch jetzt.»Dies alles geschah im Innern des Tempels, dort hinten, auf der Treppe, überm Rollgitter, das die Priesterinnen vor Feuer schützt. Wir standen in der Türe zum Beratungssaal. Die Frau, die jetzt auf einmal die Schwester war, die uns verlassen wollte — das blendete so ineinander, wie's in Träumen geschieht —, streifte mit der Hand, mit schönen, schlanken Fingern, meinen Kragen, eine zärtliche Geste: Lebwohl. Wir waren, ich weiß nicht wie, Freundinnen. Sie war aber nicht zerstört, nicht wie die Menschen, die es heute noch gibt. Zerstörte Menschen sind ein elender Anblick. Sie war lebendig, sie war wach, sie hatte Ansprüche. Sie beschwerte sich. Der Traum ist aufgezeichnet, übrigens, ich rede nicht von Nebeln, ihr könnt, da ich ihn allen Subskribentinnen unserer wöchentlichen Sendungen und allen, die ihn sonst anfordern wollen, pherinfonisch schicken werde, jedes Wort überprüfen, das ich sage: Es wurde in dem ganzen Traum kein offenes Wort gesprochen, und doch war alles klar und deutlich. Ich wußte, und kann nicht sagen, woher, daß ich am Ziel einer langen Reise angelangt war, vielleicht in einer Zukunft, eher noch in einer absoluten Gegenwart, die zugleich eine von der wirklich erlebten Geschichte abweichende Vergangenheit war. Was gewesen ist, kann verschwinden. Was aber hätte sein können, kann uns niemand wegnehmen.«

«Abweichende Vergangenheit? Wovon, worin?«fragte eine Insektenkamera.

«Abweichend vom tatsächlichen Ablauf der Befreiung. Eine Vergangenheit, in der ich nicht aus meinem Elternhaus davongelaufen bin, um mich im Isottatempel vor dem zu verstecken, was kommen muß. Eine Vergangenheit der…«Sie brach ab, schüttelte den Kopf. Faßte sich, fuhr fort:»Die fremde Frau, das weiß ich, war eine Botin aus dem Bessern.«

Die Raben klackerten mit ihren Schnäbeln, wagten aber nicht, erneut zu spotten.

«Sie trug mir auf — in Bildern, Empfindungen mehr als mit Worten —, es zu finden, weiter nichts. Das Wetzelchen.«

«Was ist das denn? Das Wetzelchen? Wer kennt's, was soll's?«Mehrere Kameras zwitscherten durcheinander.

«Die Mitteilung ist beendet. Wer mich versteht, versteht mich. Das gilt auch für die, die noch gar nicht wissen, daß sie mich verstehen.«

«Was soll denn…«

«Ich danke euch.«

Abgeschirmt von ihren Schwestern, die wirkten, als wären sie bereit, notfalls in Verteidigung der ungreifbaren Sache zu sterben, zog sich Elektrizitas Pulsipher in den Tempel zurück, dessen Tore mit einem Krachen verschlossen wurden, das man in allen drei Städten hörte.

Es sollte bis zum Beginn des Krieges das letzte sein, was man von den Vestalinnen gehört hatte.

2. Audienzangst

Vor den Löwen selbst gerufen werden: eine anstrengende Ehre.

Gente waren dabei schon um den Verstand gekommen; wenige, die zurückkehrten, konnten schildern, was sie gesehen hatten.

Das Gesicht: Zwischen den schlängelnden Florungen der Mähne spukten Lichter wie Wasserläufe, leuchteten Augen wie Doppelsonnen, wurden Worte groß wie Donner, sah man riesenhafte Zähne.

Waren es zwei Augen, oder hatte er drei, oder war es nur eines, das aber alles sah?

Dmitri Stepanowitsch konnte sich, so sehr er es versuchte, für keine dieser einander ausschließenden Wahrnehmungen entscheiden. Weil er aber klug war, setzte er jedes Urteil aus und gab lieber acht auf das, was der Erwachte ihm zu sagen hatte.

«Wölfchen. Weit herumgekommen. Du bist von meinen Dienern der nützlichste, der freiste. Du dienst mir eigentlich gar nicht, deshalb machst du das so gut. Du schläfst mit meiner Tochter. Das hast du nicht gewußt? So ist sie. Ein neuer Name, Clea Dora statt Lasara, und schon… Natürlich, Wölfchen, wächst du mir auch damit sehr ans Herz. Ich weiß, wie's ist. Mich hat ihre Mutter reingelegt. Biester, mit Blütenmündern.«

Rauschen wie von Weltwasserfällen, und Hall.

Nicht jedes Wort, das der König sprach, fand der Wolf durchaus verständlich. Auch das, nahm er an, gehörte zu der Rechtsbeziehung, in welcher der Löwe und die übrigen Gente zueinander standen.

Das Bild des Löwen schüttelte sich, immaterielle Pollen stäubten als Wolken aus dem Fell. Der Wolf dachte: Dieser Staub hat Sprache. Dmitri hatte Angst, nahm sich aber zusammen.