«Wo ist sie?«fuhr er einen Agenten namens Hooten an. Ein anderer, der Swank hieß, zog die Vorhänge auf, und Gminski trat ans Fenster.
Swank deutete auf das Marriott, einen Block entfernt auf der anderen Straßenseite.»Sie ist im fünfzehnten Stock, drittes Zimmer von der Straße aus, Licht noch an.«
Gminski starrte auf das Marriott.»Sind Sie sicher?«
«Ja. Wir sahen sie hineingehen, und sie hat mit einer Kreditkarte bezahlt.«
«Armes Kind«, sagte Gminski, als er sich vom Fenster zurückzog.»Wo war sie vorige Nacht?«
«Im Holiday Inn an der Royal. Hat mit einer Kreditkarte bezahlt.«»Haben Sie jemanden gesehen, der ihr gefolgt ist?«fragte der Direktor.
«Nein.«
«Ich möchte ein bisschen Wasser«, sagte er zu einem der Gehilfen, der zum Eiskübel sprang und mit Würfeln klirrte.
Gminski setzte sich auf die Bettkante, verschränkte die Finger ineinander und ließ jeden nur möglichen Knöchel knacken.»Was meinen Sie?«fragte er Hooten, den ältesten der drei Agenten.
«Sie sind hinter ihr her. Sie drehen jeden Stein um. Sie benutzt Kreditkarten, und in achtundvierzig Stunden wird sie tot sein.«
«Ganz dumm ist sie nicht«, warf Swank ein.»Sie hat sich das Haar abgeschnitten und es schwarz gefärbt. Sie bleibt nie lange an einem Ort. Offensichtlich hat sie fürs erste nicht die Absicht, die Stadt zu verlassen. Ich gebe ihr zweiundsiebzig Stunden, bis sie sie gefunden haben.«
Gminski trank von seinem Wasser.»Das bedeutet, dass ihr kleines Dossier den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Und es bedeutet, dass unser Freund jetzt vor nichts mehr zurückschrecken wird. Wo ist er?«
Hooten antwortete schnell.»Wir haben keine Ahnung.«
«Wir müssen ihn finden.«
«Seit drei Wochen hat ihn niemand mehr gesehen.«
Gminski stellte das Glas auf den Schreibtisch und griff nach einem Zimmerschlüssel.»Also, was meinen Sie?«
«Holen wir sie?«
«Das wird nicht so einfach sein«, sagte Swank.»Sie könnte bewaffnet sein, und jemand könnte verletzt werden.«
«Sie ist total verängstigt«, sagte Gminski.»Außerdem ist sie eine Zivilperson und gehört keiner Organisation an. Wir können nicht herumlaufen und Zivilpersonen von der Straße auflesen.«
«Dann wird sie nicht lange überleben«, sagte Swank.
«Wie würden Sie vorgehen?«fragte Gminski.
«Es gibt verschiedene Möglichkeiten«, antwortete Hooten.»Sie auf der Straße festnehmen. In ihr Zimmer gehen. Wenn ich sofort losginge, könnte ich in weniger als zehn Minuten in ihrem Zimmer sein. Das ist nicht schwierig. Sie ist kein Profi.«
Gminski wanderte langsam im Zimmer herum, und alle beobachteten ihn. Er sah auf die Uhr.»Ich bin nicht dafür, sie festzunehmen. Wir werden vier Stunden schlafen und uns um halb sieben wieder hier treffen. Wenn ihr mich dann überzeugen könnt, dass wir sie festnehmen sollten, sage ich, dass ihr es tun sollt. Okay?«
Sie nickten gehorsam.
Der Wein erfüllte seinen Zweck. Sie nickte auf dem Stuhl ein, dann legte sie sich ins Bett und schlief tief und fest. Das Telefon läutete. Die Decke hing auf den Boden herab, und ihre Füße lagen auf dem Kopfkissen. Das Telefon läutete. Ihre Lider waren verklebt. Ihr Verstand war gelähmt und in Träume versunken, aber irgendwo in den tiefsten Winkeln ihres Gehirns funktionierte etwas und sagte ihr, dass das Telefon läutete.
Die Augen gingen auf, sahen aber nur wenig. Die Sonne war aufgegangen, die Lichter brannten, und sie starrte auf das Telefon. Nein, sie hatte nicht darum gebeten, geweckt zu werden. Sie dachte eine Sekunde darüber nach, dann war sie sicher. Kein Weckanruf. Sie setzte sich auf die Bettkante und hörte dem Läuten zu. Fünfmal, zehn, fünfzehn, zwanzig. Es wollte nicht aufhören. Vielleicht hatte jemand die falsche Nummer gewählt, aber nach dem zwanzigsten Läuten würde er es aufgeben.
Es war keine falsche Nummer. Die Spinnweben lichteten sich, und sie bewegte sich näher an das Telefon heran. Außer dem Mann an der Rezeption und vielleicht seinem Chef und dem
Zimmerservice wusste keine lebendige Seele, dass sie sich in diesem Zimmer befand. Sie hatte Essen bestellt, aber sonst niemanden angerufen.
Es hörte auf zu läuten. Gut, falsche Nummer. Sie ging ins Badezimmer, und es läutete abermals. Sie zählte. Nach dem vierzehnten Läuten nahm sie den Hörer ab.»Hallo?«
«Darby, hier ist Gavin Verheek. Sind Sie okay?«
Sie setzte sich aufs Bett.»Woher haben Sie die Nummer?«
«Wir haben Möglichkeiten. Hören Sie, haben…«
«Einen Moment, Gavin. Eine Minute. Lassen Sie mich nachdenken. Die Kreditkarte, stimmt’s?«
«Ja. Die Kreditkarte. Die Papierspur. Es ist das FBI, Darby. Wir haben Möglichkeiten. Das ist nicht sonderlich schwierig.«
«Dann könnten sie es auch schaffen.«
«Vermutlich. Halten Sie sich an die kleinen Hotels und zahlen Sie bar.«
In ihrem Magen war ein dicker Knoten, und sie streckte sich auf dem Bett aus. Einfach so. Nicht schwierig. Die Papierspur. Sie könnte längst tot sein. Auf der Papierspur umgebracht.
«Darby, sind Sie noch da?«
«Ja. «Sie warf einen Blick auf die Tür, um sich zu vergewissern, dass die Kette vorgelegt war.»Ja, ich bin noch da.«
«Sind Sie in Sicherheit?«
«Das hatte ich mir eingebildet.«
«Wir haben einige Informationen für Sie. Morgen nachmittag um drei findet auf dem Campus ein Gedenkgottesdienst statt und hinterher die Beisetzung in der Stadt. Ich habe mit seinem Bruder gesprochen, und die Familie möchte, dass ich den Sarg mit trage. Ich komme heute abend, und ich meine, wir sollten uns treffen.«»Weshalb sollten wir das?«
«Sie müssen mir vertrauen, Darby. Ihr Leben ist in Gefahr, und Sie müssen sich anhören, was ich Ihnen zu sagen habe.«
«Was führt ihr im Schilde?«
Eine kleine Pause.»Wie meinen Sie das?«
«Was hat Direktor Voyles gesagt?«
«Ich habe nicht mit ihm gesprochen.«
«Ich dachte, Sie wären sein Rechtsberater, sozusagen. Was ist los, Gavin?«
«Im Augenblick unternehmen wir nichts.«
«Und was bedeutet das, Gavin? Reden Sie.«
«Deshalb müssen wir uns ja treffen. Ich kann darüber nicht am Telefon sprechen.«
«Das Telefon funktioniert bestens, und es ist alles, was Sie im Augenblick bekommen. Also reden Sie endlich, Gavin.«
«Weshalb trauen Sie mir nicht?«Er war verletzt.
«Ich lege jetzt auf. Das gefällt mir nicht. Wenn ihr wisst, wo ich bin, dann könnte jemand anders schon auf dem Flur auf mich warten.«
«Unsinn, Darby. Denken Sie doch ein bisschen nach. Ich habe Ihre Zimmernummer seit einer Stunde und nichts getan, als Sie anzurufen. Wir sind auf Ihrer Seite, ich schwöre es.«
Sie dachte darüber nach. Es klang einleuchtend, aber sie hatten sie so mühelos gefunden.»Ich höre zu. Sie haben nicht mit dem Direktor gesprochen, und das FBI unternimmt nichts. Weshalb nicht?«
«Das weiß ich nicht genau. Voyles hat gestern beschlossen, dass uns das Pelikan-Dossier nichts mehr angeht, und Anweisung gegeben, die Finger davon zu lassen. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«
«Das ist nicht gerade viel. Weiß er von Thomas? Weiß er, dass ich eigentlich schon tot sein sollte, weil ich es geschrieben habe, und dass sie, wer immer sie sein mögen, achtundvierzig Stunden, nachdem Thomas es Ihnen, seinem alten Studienfreund, gegeben hatte, versucht haben, uns beide umzubringen? Weiß er das alles?«
«Ich glaube nicht.«
«Das heißt nein, nicht wahr?«
«Ja. Es heißt nein.«
«Okay, hören Sie zu. Glauben Sie, dass er um des Dossiers willen umgebracht wurde?«
«Vermutlich.«
«Das heißt ja, nicht wahr?«
«Ja.«
«Danke. Wenn Thomas um des Dossiers willen ermordet wurde, dann wissen wir, wer ihn umgebracht hat. Und wenn wir wissen, wer Thomas umgebracht hat, dann wissen wir auch, wer Rosenberg und Jensen umgebracht hat. Richtig?«