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«Ist in den letzten zwei Tagen irgend jemand in der Wohnung gewesen?«fragte Alice. Sie folgte Mrs. Chen durch einen schmalen Korridor.

«Ich habe niemanden gesehen. Gestern morgen, vor Sonnenaufgang, hat jemand geklopft, aber ich habe nicht nachgesehen, wer es war. «Sie schob einen Tisch vor einer Tür beiseite, steckte einen Schlüssel ins Schloss und öffnete sie.

Alice trat vor sie.»Sie wollte, dass ich allein hineingehe, okay?«Mrs. Chen hätte selbst gern nachgesehen, aber sie nickte und machte die Tür hinter Alice zu. Sie führte auf einen winzigen Flur, in dem es stockfinster war. Links davon lag das Arbeitszimmer; da gab es einen Lichtschalter, den sie nicht benutzen durfte. Alice erstarrte in der Dunkelheit. Die Wohnung war dunkel und heiß und roch stickig nach altem Müll. Sie hatte damit gerechnet, allein zu sein, aber sie war schließlich eine Jurastudentin im zweiten Jahr und kein hartgesottener Privatdetektiv.

Nimm dich zusammen. Sie tastete in ihrer großen Handtasche herum und fand eine bleistiftdünne Stablampe. Sie hatte drei davon. Für alle Fälle. Welche Fälle? Sie wusste es nicht. Darby hatte sich unmissverständlich ausgedrückt. Durch die Fenster durfte kein Licht zu sehen sein. Es konnte sein, dass sie das Haus beobachteten.

Wer zum Teufel waren» sie«? Das hätte Alice gern gewusst. Darby wusste es auch nicht, sagte, sie würde es ihr später erklären, aber zuerst musste die Wohnung in Augenschein genommen werden.

Im Laufe des letzten Jahres war Alice Dutzende von Malen in der Wohnung gewesen, aber da durfte sie durch die Vordertür eintreten, und alle Lichter waren eingeschaltet gewesen. Sie kannte alle Zimmer und war zuversichtlich gewesen, dass sie sich auch im Dunkeln zurechtfinden würde. Jetzt war die Zuversicht verschwunden. Verflogen. Und an ihre Stelle war zitternde Angst getreten.

Nimm dich zusammen. Du bist allein. Sie würden sich hier nicht einnisten, nicht mit einer neugierigen Frau nebenan. Wenn sie wirklich hier gewesen waren, dann nur auf einen kurzen Besuch.

Sie drückte auf den Schalterknopf und stellte fest, dass die Stablampe funktionierte. Sie entwickelte die Helligkeit eines verlöschenden Streichholzes. Sie richtete sie auf den Boden und sah einen schwachen Lichtkreis von der Größe einer kleinen Apfelsine. Der Kreis zitterte.

Sie schlich auf Zehenspitzen um eine Ecke ins

Arbeitszimmer. Darby hatte gesagt, dort stünde eine kleine

Lampe auf dem Bücherregal neben dem Fernseher, die immer eingeschaltet war. Sie benutzte sie als Nachtlicht, und sie hätte eigentlich einen schwachen Lichtschein durch das Arbeitszimmer bis in die Küche werfen müssen. Entweder hatte Darby gelogen, oder die Birne war durchgebrannt. Oder jemand hatte sie herausgedreht. Aber das spielte in diesem Moment keine Rolle; das Arbeitszimmer und die Küche waren stockfinster.

Sie war auf dem Teppich in der Mitte des Arbeitszimmers und näherte sich vorsichtig dem Küchentisch, auf dem ein Computer stehen sollte. Sie stieß gegen die Kante des Couchtisches, und

die Stablampe erlosch. Sie schüttelte sie. Nichts. Sie fand

Nummer zwei in ihrer Handtasche.

In der Küche war der Geruch stärker. Der Computer stand auf dem Tisch, zusammen mit einer Kollektion leerer Aktenordner und einigen Nachschlagewerken. Sie untersuchte das Gerät mit Hilfe ihres jämmerlichen kleinen Lichtes. Der Schalter befand sich an der Vorderseite. Sie drückte darauf, und der Bildschirm des Monitors erwärmte sich langsam. Er gab ein grünliches Licht von sich, das den Tisch erhellte, aber nicht aus der Küche herausdrang.

Alice setzte sich vor die Tastatur und begann zu tippen. Sie fand das Menü, dann die Textverarbeitung, dann die Dokumente. Das Inhaltsverzeichnis erschien auf dem Bildschirm. Sie las es genau. Es sollten an die vierzig Dokumente vorhanden sein, aber sie sah nicht mehr als zehn. Der größte Teil des gespeicherten Materials war verschwunden. Sie schaltete den Laserdrucker ein, und Sekunden später hatte sie das Inhaltsverzeichnis auf dem Papier. Sie steckte das Blatt in ihre Handtasche.

Mit Hilfe der Taschenlampe inspizierte sie die Dinge, die um den Computer herumlagen. Darby hatte die Zahl ihrer Disketten auf zwanzig geschätzt, aber sie waren alle verschwunden. Keine einzige Diskette. Die Nachschlagewerke betrafen Verfassungsrecht und Ziviles Verfahrensrecht und waren so langweilig und speziell, dass niemand ein Interesse daran haben konnte. Die roten Aktendeckel waren säuberlich aufeinandergestapelt, aber leer.

Es war saubere, geduldige Arbeit. Jemand hatte ein paar Stunden mit Löschen und Einsammeln verbracht und dann die Wohnung mit nicht mehr als einem Aktenkoffer oder einer Tüte voller Material verlassen.

Im Arbeitszimmer schaute Alice durch das Fenster neben dem Fernseher. Der rote Accord stand noch da, kaum einen Meter vom Fenster entfernt. Er sah einwandfrei aus.

Sie drehte die Birne in dem Nachtlicht fest und schaltete die Lampe dann schnell ein und wieder aus. Funktionierte einwandfrei. Sie lockerte sie wieder genauso, wie sie sie vorgefunden hatte.

Ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt; jetzt konnte sie die Umrisse von Türen und Möbelstücken erkennen. Sie schaltete den Computer aus und ging vorsichtig durch das Arbeitszimmer in den Flur.

Mrs. Chen wartete genau da, wo sie sie zurückgelassen hatte.

«Okay?«fragte sie.

«Alles in bester Ordnung«, sagte Alice.»Aber passen Sie bitte genau auf. Ich rufe morgen oder übermorgen an, um mich zu erkundigen, ob jemand aufgetaucht ist. Und bitte, sagen Sie niemandem, dass ich hier war.«

Mrs. Chen hörte aufmerksam zu, während sie den Tisch wieder vor die Tür schob.»Was ist mit ihrem Wagen?«

«Der bleibt vorerst hier stehen. Behalten Sie ihn bitte im Auge.«

«Geht es ihr gut?«

Sie hatten fast die Haustür erreicht.»Es kommt alles wieder in Ordnung. Ich denke, in ein paar Tagen wird sie wieder hier sein. Vielen Dank, Mrs. Chen.«

Mrs. Chen verschloss und verriegelte die Tür und schaute dann durch das kleine Fenster. Die junge Frau war auf dem Gehsteig, dann verschwand sie in der Dunkelheit.

Alice ging drei Blocks zu ihrem Wagen.

Freitagabend im French Quarter! Morgen sollte Tulane im Dome spielen und am Sonntag die Saints, und die Fans waren zu Tausenden unterwegs, parkten überall, blockierten die Straßen, streiften in lärmenden Horden umher, tranken aus Pappbechern, drängten sich in den Lokalen, machten sich einen vergnügten Abend und genossen das Leben. Um neun war im Inner Quarter kein Durchkommen mehr.

Alice parkte auf der Poydras, weit weg von der Stelle, an der sie eigentlich hatte parken wollen, und erreichte mit einer Stunde Verspätung das überfüllte Austernrestaurant an der St. Peter mitten im Quarter. Es gab keine freien Tische. An der Bar standen sie in Dreierreihen. Sie zog sich in eine Ecke zurück, stellte sich neben den Zigarettenautomaten und ließ den Blick durch das Restaurant schweifen. Die meisten Gäste waren

Studenten, die der Spiele wegen in die Stadt gekommen waren.

Ein Kellner kam auf sie zu.»Suchen Sie eine andere Dame?«fragte er.

Sie zögerte.»Nun — ja.«

Er zeigte über die Bar hinweg.»Um die Ecke herum, erste Tür rechts, dort stehen ein paar kleine Tische. Ich glaube, Ihre Freundin ist da drin.«

Darby saß in einer winzigen Nische, über eine Bierflasche gebeugt, mit Sonnenbrille. Alice drückte ihre Hand.»Schön, dich zu sehen. «Sie betrachtete die Frisur und wunderte sich darüber. Darby nahm die Sonnenbrille ab. Ihre Augen waren gerötet und sahen müde aus.

«Ich wusste nicht, wen ich sonst hätte anrufen können.«

Alice hörte mit unbewegtem Gesicht zu, nicht imstande, sich eine passende Entgegnung einfallen zu lassen, und nicht imstande, den Blick von der Frisur abzuwenden.»Wer hat dir die Haare abgeschnitten?«fragte sie.

«Hübsch, nicht wahr? Die Art von Punk-Look, die sicher bald wieder groß in Mode sein wird. Sie wird bestimmt Eindruck machen, wenn ich losgehe und mich um einen Job bewerbe.«