«Sie dürfen sich nicht erwischen lassen, Barr. Denken Sie an Watergate.«
«Das waren Idioten, Fletcher. Wir dagegen sind ziemlich begabte Leute.«
«Stimmt. Und nun sagen Sie mir, können Sie und Ihre ziemlich begabten Leute Granthams Telefon in der Post anzapfen?«
Barr drehte den Kopf und starrte Coal an.»Haben Sie den Verstand verloren? Unmöglich. Da herrscht Tag und Nacht Betrieb. Sie haben Wachmänner und alles, was sonst noch dazugehört.«
«Es ließe sich machen.«
«Dann machen Sie es, Coal. Wenn Sie so verdammt schlau sind, dann machen Sie es.«
«Denken Sie wenigstens über Möglichkeiten nach, ja? Machen Sie sich ein paar Gedanken darüber.«
«Okay. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht. Es ist unmöglich.«
Diese Überzeugung amüsierte Coal, und seine Belustigung ärgerte Barr. Die Limousine fuhr in Richtung Innenstadt.
«Zapfen Sie seine Wohnung an«, befahl Coal.»Ich möchte zweimal täglich über seine sämtlichen Gespräche informiert werden. «Die Limousine hielt, und Barr stieg aus.
SIEBENUNDZWANZIG
Frühstück am Dupont Circle. Es war ziemlich kühl, aber die Junkies und die Transvestiten weilten noch bewusstlos in ihren elenden kleinen Welten. Ein paar Säufer lagen herum wie Treibholz. Aber die Sonne war aufgegangen, und er fühlte sich sicher; schließlich war er nach wie vor FBI-Agent mit einem Schulterholster und einer Waffe unter dem Arm. Was hatte er schon zu befürchten? Er hatte die Waffe seit fünfzehn Jahren nicht mehr benutzt und verließ sein Büro nur selten, aber er hätte sie nur zu gern gezogen und abgefeuert.
Sein Name war Trope, und er war ein sehr spezieller Mitarbeiter von Mr. Voyles. So speziell, dass niemand außer ihm und Mr. Voyles von diesen kleinen Unterhaltungen mit Booker von der CIA etwas wusste. Er setzte sich mit dem Rücken nach New Hampshire auf eine runde Bank und packte sein Frühstück aus, eine Banane und ein Stück Kuchen, die er unterwegs gekauft hatte. Er sah auf die Uhr. Booker war immer pünktlich. Trope kam immer als erster, Booker fünf Minuten später, sie redeten jedesmal nur kurz, danach ging zuerst Trope und dann Booker. Sie waren jetzt beide Büromenschen in ziemlich vorgerücktem Alter, aber enge Vertraute ihrer Chefs, die es von Zeit zu Zeit satt hatten, Mutmaßungen darüber anzustellen, was zum Teufel der andere tat, oder vielleicht auch nur irgend etwas schnell erfahren wollten.
Er hieß wirklich Trope, und er fragte sich, ob auch Booker ein wirklicher Name war. Vermutlich nicht. Booker gehörte zur CIA, und in Langley war man so paranoid, dass wahrscheinlich sogar die Bleistiftspitzer Decknamen hatten.
Er biss ein Stück von seiner Banane ab. Es würde ihn nicht wundern, wenn die Sekretärinnen dort drei oder vier Namen hatten.
Booker näherte sich dem Springbrunnen mit einem großen weißen Becher voll Kaffee. Er sah sich um, dann ließ er sich neben seinem Freund nieder. Voyles hatte dieses Treffen gewünscht, deshalb würde Trope als erster sprechen.
«Wir haben in New Orleans einen Mann verloren«, sagte er.
Booker umfasste den heißen Becher mit beiden Händen und trank.»Das hatte er sich selbst zuzuschreiben.«
«Ja, aber er ist nun einmal tot. Waren Sie dort?«
«Ja, aber wir wussten nicht, dass er dort war. Wir waren nahe dran, haben aber andere beobachtet. Was hat er dort gemacht?«
Trope wickelte seinen Kuchen aus.»Das wissen wir nicht. Er fuhr zu der Beisetzung, versuchte, die Frau zu finden, fand einen anderen, und nun haben wir die Bescherung. «Er nahm einen großen Bissen, und die Banane war aufgegessen.»Saubere Arbeit, oder?«
Booker zuckte die Achseln. Was wusste das FBI schon über das Töten von Leuten?» Er war okay. Ziemlich schwacher Versuch, einen Selbstmord vorzutäuschen, wie wir gehört haben. «Er trank einen Schluck von seinem heißen Kaffee.
«Wo ist die Frau?«fragte Trope.
«Wir haben sie in O’Hare aus den Augen verloren. Vielleicht ist sie in Manhattan, aber wir sind nicht sicher. Wir halten nach ihr Ausschau.«
«Und die anderen auch.«
«Zweifellos.«
Sie beobachteten einen der Säufer, der von seiner Bank wegtaumelte und stürzte. Sein Kopf prallte zuerst auf, aber vermutlich spürte er nichts. Er rollte sich herum, und seine Stirn blutete.
Booker sah auf die Uhr. Diese Treffen waren überaus kurz.»Was hat Mr. Voyles vor?«»Sich an die Arbeit zu machen. Er hat gestern fünfzig Leute losgeschickt und heute noch mehr. Er mag es nicht, wenn man seine Leute umbringt, vor allem jemand, den er gut kennt.«
«Was ist mit dem Weißen Haus?«
«Er hat nicht vor, sie zu informieren, und vielleicht finden sie es nicht heraus. Was wissen sie?«
«Sie kennen Mattiece.«
Die Erwähnung dieses Namens entlockte Trope ein leichtes Lächeln.»Wo steckt Mr. Mattiece?«
«Das weiß niemand. In den letzten drei Jahren hat er sich in diesem Land kaum sehen lassen. Er besitzt mindestens ein halbes Dutzend Häuser in ebenso vielen Ländern, und er hat Jets und Schiffe. Er kann überall stecken.«
Trope aß seinen Kuchen auf und steckte das Einwickelpapier in die Tüte.»Das Dossier hat den Nagel auf den Kopf getroffen, nicht wahr?«
«Es ist wundervoll. Wenn er den Dingen ihren Lauf gelassen hätte, dann hätte kaum ein Mensch darauf geachtet. Aber er spielt den wilden Mann, fängt an, Leute umzubringen, und je mehr Leute er umbringt, desto glaubwürdiger wird das Dossier.«
Trope sah auf die Uhr. Schon zu lange, aber das war interessant.»Voyles sagt, wir würden vielleicht Ihre Hilfe brauchen.«
Booker nickte.»Okay. Aber das wird eine ziemlich schwierige Sache. Erstens ist der mutmaßliche Killer tot. Zweitens ist der mutmaßliche Hintermann kaum zu fassen. Es war eine bis ins letzte Detail geplante Verschwörung, aber die Verschwörer sind verschwunden. Wir werden versuchen, Mattiece zu finden.«
«Und die Frau?«
«Die auch. Wir versuchen es.«
«Was denkt sie?«
«Wie sie es schaffen kann, am Leben zu bleiben.«
«Können Sie sie nicht einkassieren?«fragte Trope.
«Nein. Wir wissen nicht, wo sie steckt, und wir können nicht einfach unschuldige Zivilpersonen von der Straße weg verhaften. Im Augenblick traut sie niemandem.«
Trope stand mit seiner Frühstückstüte auf.»Das kann ich ihr nicht verübeln. «Dann war er fort.
Grantham betrachtete ein verschwommenes Fax-Foto, das er aus Phoenix bekommen hatte. Sie war Studentin an der Arizona State University, eine sehr attraktive Zwanzigjährige aus Denver, wo ihr Hauptfach Biologie gewesen war. Er hatte zwanzig Shaws in Denver angerufen, bevor er es aufgab. Das zweite Fax kam von einem Lokalreporter für AP in New Orleans. Es war die Kopie eines Fotos, das zu Beginn ihres Studiums in Tulane aufgenommen worden war. Das Haar war länger. Irgendwo in der Mitte des Jahrbuchs hatte der Lokalreporter ein Foto von Darby Shaw gefunden, auf dem sie bei einem Picknick mit Kommilitonen eine Diät-Cola trank. Sie trug einen weiten Pullover und verblichene Jeans, die genau passten, und es war offensichtlich, dass es ein großer Bewunderer von Darby gewesen sein musste, der dieses Foto in das Jahrbuch aufgenommen hatte. Es sah aus wie ein Modefoto aus Vogue. Sie lachte über jemanden oder etwas. Die Zähne waren vollkommen, und das Gesicht war sympathisch. Er hatte das Foto an die kleine Korktafel neben seinem Schreibtisch geheftet.
Er hatte noch ein viertes Fax, ein Foto von Thomas Callahan. Nur der Vollständigkeit halber.
Er legte die Füße auf den Schreibtisch. Es war fast halb zehn, Dienstag. Die Redaktion summte, es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, ein perfekt organisiertes Chaos. In den letzten vierundzwanzig Stunden hatte er achtzig Telefonanrufe getätigt und nichts in der Hand außer den vier Fotos und einem Stapel von Listen mit Wahlkampfspenden. Er kam einfach nicht weiter, aber deshalb brauchte er sich keine grauen Haare wachsen zu lassen. Sie würde gleich anrufen.