«Einundfünfzig. Verheiratet, acht Kinder. Katholik, aus ärmlichen Verhältnissen, hat sich nach oben gearbeitet und in Yale studiert. Sehr solide, sehr konservativ. Keine dunklen Punkte, abgesehen davon, dass er \or zwanzig Jahren wegen Alkoholismus behandelt wurde. Seitdem völlig nüchtern. Ein Abstinenzler.«
«Hat er je Gras geraucht?«
«Er bestreitet es.«
«Er gefällt mir. «Der Präsident las das Deckblatt.
«Mir auch. Das Justizministerium und das FBI haben seine Unterwäsche überprüft, und er ist sehr sauber. So, und wen wollen Sie als zweiten? Siler-Spence oder Watson?«
«Was ist Siler-Spence für ein Name? Ich meine, was stimmt nicht mit diesen Frauen, die einen Bindestrich benutzen? Was wäre, wenn sie Skowinski hieße und mit einem Typ namens Levandowski verheiratet wäre? Würde ihre kleine emanzipierte Seele darauf bestehen, dass sie künftig als F. Gwendolyn Skowinski-Levandowski durchs Leben geht? Kommt nicht in Frage. Ich werde nie eine Frau mit einem Bindestrich ernennen.«
«Sie haben es schon einmal getan.«
«Wen?«
«Kay Jones-Roddy, Botschafterin in Brasilien.«
«Abberufen und entlassen.«
Coal brachte ein kleines Lächeln zustande, legte das Memo auf den Sitz und beobachtete den Verkehr. Über Nummer Zwei würde man später entscheiden. Calderon war im Sack, und er wollte Linda Siler-Spence, also würde er sich für den Schwarzen stark machen und den Präsidenten zu der Frau hindrängen. Eine simple Manipulation.
«Ich meine, wir sollten noch zwei Wochen abwarten, bevor wir ihre Namen bekanntgeben«, sagte er.
«Von mir aus«, murmelte der Präsident. Er würde es tun, wenn er dazu bereit war, ohne Rücksicht auf Coals Fahrplan. Er war auch noch nicht sicher, ob er beide gleichzeitig ernennen sollte.
«Watson ist ein sehr konservativer schwarzer Richter, der in dem Ruf steht, ausgesprochen hart zu sein. Er wäre ideal.«
«Ich weiß nicht recht«, murmelte der Präsident, während er über Gavin Verheek las.
Coal hatte die Story auf der zweiten Seite gesehen. Verheek war unter eigenartigen Umständen in einem Zimmer des Hilton in New Orleans tot aufgefunden worden. Der Story zufolge tappte das FBI im dunkeln und hatte nichts darüber zu sagen, weshalb Verheek in New Orleans gewesen war. Voyles war tief betrübt. Vorzüglicher, loyaler Mitarbeiter und so weiter.
Der Präsident durchblätterte die Zeitung.»Unser Freund Grantham hat nichts von sich gegeben.«
«Er ist noch auf der Suche. Meines Erachtens hat er von der Akte gehört, aber mehr auch nicht. Er hat alle möglichen Leute angerufen, ohne zu wissen, wonach er fragen sollte. Er tappt im dunkeln.«
«Nun, ich habe gestern mit Gminski Golf gespielt«, sagte der Präsident selbstgefällig.»Und er hat mir versichert, dass alles unter Kontrolle ist. Wir haben uns über achtzehn Löcher hinweg eingehend unterhalten. Er ist ein miserabler Golfer, der es nicht schafft, sich vom Sand und vom Wasser fernzuhalten. Es war ein Mordsspaß.«
Coal hatte noch nie einen Golfschläger in der Hand gehabt und hasste das alberne Gerede über Handicaps und dergleichen.»Glauben Sie, dass Voyles da unten der Sache nachgeht?«
«Nein. Er hat mir sein Wort gegeben, dass er es nicht tun wird. Nicht, dass ich ihm vertraue, aber Gminski hat Voyles nicht erwähnt.«
«Und wie weit vertrauen Sie Gminski?«fragte Coal mit einem schnellen Blick auf den Präsidenten.
«Überhaupt nicht. Aber ich glaube, wenn er etwas über die Pelikan-Akte wüsste, dann würde er es mir sagen…«Der Präsident verstummte — ihm war klar geworden, wie naiv sich das anhörte.
Coal gab seinem Zweifel mit einem Grunzen Ausdruck.
Sie überquerten den Anacosta River und befanden sich im
Prince Georges County. Der Präsident griff wieder nach der Rede und schaute aus dem Fenster. Zwei Wochen waren seit den Morden vergangen, und den Umfragen zufolge hatte er immer noch mehr als fünfzig Prozent. Die Demokraten hatten keinen sichtbaren Kandidaten, der irgendwo dort draußen saß und Lärm schlug. Er war stark und wurde noch stärker. Die Amerikaner hatten Rauschgift und Verbrechen ebenso satt wie die Tatsache, dass lautstarke Minoritäten ständig die Aufmerksamkeit auf sich lenkten und liberale Idioten die Verfassung zugunsten von Kriminellen und Radikalen interpretierten. Das war seine große Chance. Zwei Ernennungen für das Oberste Bundesgericht auf einmal. Es würde sein Vermächtnis sein.
Er lächelte vor sich hin. Was für eine wundervolle Tragödie.
ACHTUNDZWANZIG
Das Taxi hielt an der Ecke von Fifth Avenue und Zweiundvierzigster Straße, und Grantham tat genau, was er tun sollte: er zahlte schnell und sprang mit seiner Tasche heraus. Die Fahrer der Wagen dahinter hupten und zeigten den Vogel, und er dachte, wie schön es doch war, wieder einmal in New York zu sein.
Es war kurz vor fünf Uhr nachmittags, auf der Fifth herrschte dichtes Gedränge, und er konnte sich gut vorstellen, dass das genau das war, was sie gewollt hatte. Sie hatte ihm ganz exakte Anweisungen gegeben. Fliegen Sie mit dieser Maschine vom National nach La Guardia. Nehmen Sie ein Taxi zum Vista Hotel im World Trade Center. Gehen Sie an die Bar, bestellen Sie sich einen Drink oder auch zwei, stellen Sie fest, ob Sie verfolgt wurden, und nach einer Stunde nehmen Sie ein Taxi und fahren damit zur Ecke Fifth und Zweiundvierzigste. Bewegen Sie sich schnell, tragen Sie eine Sonnenbrille und halten Sie unablässig Ausschau, denn wenn Sie verfolgt werden, könnte das uns beide das Leben kosten.
Sie verlangte, dass er alles aufschrieb. Es war ein bisschen albern, ein bisschen übertrieben, aber ihre Stimme ließ keine Einwände zu. Sie hatte Glück, dass sie noch am Leben war, sagte sie, und sie würde keinerlei Risiken mehr eingehen. Und wenn er mit ihr reden wollte, dann musste er genau das tun, was sie wollte.
Er schrieb es auf. Er kämpfte sich durch das Gedränge und ging so schnell wie möglich die Fifth Avenue entlang bis zur Neunundfünfzigsten, zum Plaza, die Stufen hinauf und ins Foyer, dann an der anderen Seite hinaus zum Central Park South. Niemand konnte ihm folgen. Und wenn sie auf die gleiche Weise vorsichtig war, konnte auch ihr niemand folgen.
Auch auf Central Park South herrschte dichtes Gedränge, und als er sich der Sixth Avenue näherte, ging er sogar noch schneller. Er bemühte sich zwar um Gelassenheit, war aber schrecklich aufgeregt bei dem Gedanken, dass er sie bald kennenlernen würde. Am Telefon hatte sie sich ruhig und methodisch angehört, aber mit einer Spur von Angst und Unsicherheit. Sie war nur eine Jurastudentin, die nicht wusste, was sie tat, und wahrscheinlich würde sie in einer Woche tot sein, wenn nicht schon früher, aber jedenfalls war das die Art, auf die das Spiel gespielt werden musste. Gehen Sie immer davon aus, dass Sie verfolgt werden, hatte sie gesagt. Sie hatte sieben Tage überlebt, an denen Bluthunde hinter ihr her waren, also bitte tun Sie, was ich sage.
Sie hatte gesagt, er sollte an der Ecke der Sixth im St. Moritz verschwinden, und er tat es. Sie hatte für ihn unter dem Namen Warren Clark ein Zimmer reservieren lassen. Er bezahlte für das Zimmer in bar und fuhr mit dem Fahrstuhl in den neunten Stock. Dort sollte er warten. Einfach hinsetzen und warten, hatte sie gesagt.
Er stand eine Stunde lang am Fenster und sah zu, wie der Central Park dunkel wurde. Dann läutete das Telefon.
«Mr. Clark?«fragte eine Frauenstimme.
«Ja.«
«Ich bin’s. Sind Sie allein angekommen?«
«Ja. Wo sind Sie?«
«Sechs Stockwerke über Ihnen. Nehmen Sie den Fahrstuhl zum achtzehnten und gehen Sie über die Treppe in den fünfzehnten. Zimmer 1520.«
«Okay. Jetzt gleich?«
«Ja. Ich warte auf Sie.«
Er putzte sich noch einmal die Zähne, bürstete sein Haar, und
zehn Minuten später stand er vor Zimmer 1520. Ihm war zumute wie einem Schuljungen bei seiner ersten Verabredung. Seit den Football-Spielen an der High School hatte er kein solches Lampenfieber mehr gehabt.