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Er erkannte das Gesicht auf dem Gehsteig, und kurz darauf saß der Mann auf dem Barhocker neben ihm. Er war eine Art Mittelsmann. Sie hatten sich ein paar Tage zuvor in New Orleans kennengelernt.

«Also, wie stehen die Dinge?«fragte Rupert.

«Wir können sie nicht finden. Und das macht uns Sorgen, weil wir heute schlechte Nachrichten bekommen haben.«

«Und?«

«Nun, wir haben Stimmen gehört, unbestätigt, dass die bösen Buben durchgedreht haben, und dass der böse Bube Nummer Eins will, dass alle umgebracht werden. Geld spielt keine Rolle, und diese Stimmen berichten uns, dass er zu zahlen gedenkt, was immer es kosten mag, um diese Sache aus der Welt zu schaffen. Er schickt große Jungs mit großen Kanonen ins Feld. Natürlich, sie sagen, er wäre verrückt, aber er ist hundsgemein, und mit Geld kann man eine Menge Leute umbringen.«

Dieses Reden über Mord ließ Rupert kalt.»Wer steht auf der Liste?«»Die Frau. Und vermutlich jeder Außenstehende, der zufällig etwas über dieses kleine Dossier erfährt.«

«Also was soll ich tun?«

«Bleiben Sie in der Gegend. Wir treffen uns morgen abend wieder, derselbe Ort, dieselbe Zeit. Wenn wir die Frau finden, sind Sie dran.«

«Wie wollen Sie sie finden?«

«Wir glauben, dass sie in New York ist. Wir haben Mittel und Wege.«

Rupert riss ein Stück von seinem Brötchen ab und steckte es in den Mund.»Wo würden Sie hingehen?«

Der Mittelsmann dachte an ein Dutzend Orte, an denen er gern wäre, aber das waren Orte wie Paris und Rom und Monte Carlo, Orte, die er kannte, und Orte, die viele Leute besuchten. Nur dieser eine exotische Ort, den er aufsuchen und an dem er sich für den Rest seines Lebens verstecken konnte, fiel ihm nicht ein.»Ich weiß nicht. Wo würden Sie hingehen?«

«New York City. Da kann man Jahre leben, ohne je gesehen zu werden. Man spricht die Sprache und kennt die Regeln. Es ist das ideale Versteck für einen Amerikaner.«

«Ja, da haben Sie vermutlich recht. Sie glauben, sie ist dort?«

«Ich weiß es nicht. Manchmal ist sie sehr schlau. Dann macht sie wieder irgendwelche Fehler.«

Der Mittelsmann war auf den Beinen.»Morgen abend«, sagte er.

Rupert schwenkte die Hand. Was für ein dämlicher kleiner Affe, dachte er. Rennt herum und flüstert anderen Leuten in Cafes und Bierkneipen wichtige Botschaften ins Ohr. Dann rennt er zu seinem Boss zurück und erstattet ihm bis ins kleinste Detail Bericht.

Er warf den Kaffeebecher in den Müll und trat auf die Straße.

ZWEIUNDDREISSIG

Bei Brim, Stearns and Kidlow arbeiteten, so stand es in der neuesten Ausgabe des Juristenhandbuchs von Martindale-Hubbell, hundertneunzig Anwälte. Und bei White and Blazevich waren es vierhundertzwölf. Also stand zu hoffen, dass Garcia nur einer von möglicherweise sechshundertzweien war. Doch wenn Mattiece noch mit anderen Washingtoner Firmen in Verbindung stand, war die Zahl größer, und sie hatten keine Chance.

Wie erwartet, arbeitete bei White and Blazevich niemand, der Garcia hieß. Darby suchte nach einem anderen lateinamerikanischen Namen, fand aber keinen. Es war eine dieser blütenweißen, aristokratischen Firmen, in der nur Leute von den Eliteuniversitäten arbeiteten, die lange, mit Zahlen endende Namen hatten. Es waren ein paar Frauen darunter, aber nur zwei waren Partner. Die meisten der Frauen waren nach 1980 eingestellt worden. Wenn sie lange genug am Leben blieb, um ihr Studium beenden zu können, würde Darby bestimmt nicht für eine Fabrik wie White and Blazevich arbeiten.

Grantham hatte ihr nahegelegt, nach lateinamerikanischen Namen zu suchen, weil Garcia als Falschname ein wenig ungewöhnlich war. Vielleicht war der Mann Lateinamerikaner, und da Garcia dort ein häufig vorkommender Name ist, war er ihm vielleicht als erster eingefallen. Es funktionierte nicht. In dieser Firma gab es keine Lateinamerikaner.

Dem Handbuch zufolge waren ihre Mandanten groß und reich. Banken, Unternehmen, die in Fortune unter den fünfhundert größten aufgeführt waren, und eine Menge Ölgesellschaften. Vier der in dem Prozess Beklagten waren als Mandanten aufgeführt, aber nicht Mr. Mattiece. Da waren

Chemieunternehmen und Schifffahrtslinien, und White and Blazevich vertrat auch die Regierungen von Nordkorea, Libyen und Syrien. Verrückt, dachte sie. Unsere Feinde heuern unsere Anwälte an, damit sie bei unserer Regierung für sie eintreten. Aber schließlich kann man Anwälte für praktisch alles anheuern.

Brim, Stearns and Kidlow war eine kleinere Version von White and Blazevich, aber hier gab es tatsächlich vier lateinamerikanische Namen. Sie notierte sie. Zwei Männer und zwei Frauen. Vermutlich war diese Firma wegen Geschlechtsund Rassendiskriminierung verklagt worden, denn in den letzten zehn Jahren hatte sie alle möglichen Leute eingestellt. Die Mandantenliste war vorhersagbar: Öl und Gas, Versicherungen, Banken, Regierungskontakte. Ziemlich langweiliger Kram.

Sie saß eine Stunde lang in einer Ecke der juristischen Bibliothek von Fordham. Es war Freitagmorgen, zehn Uhr in New York und neun Uhr in New Orleans, und anstatt sich in einer Bibliothek zu verstecken, in der sie noch nie gewesen war, hätte sie jetzt eigentlich in Verfahrensrecht unter Alleck sitzen sollen, einem Professor, den sie nie gemocht hatte, jetzt aber sehr vermisste. Alice Stark würde neben ihr sitzen. Einer ihrer Kommilitonen, ein Blödmann namens D. Ronald Petrie, würde hinter ihr sitzen, sich mit ihr verabreden wollen und schlüpfrige Bemerkungen machen. Auch ihn vermisste sie. Sie vermisste die stillen Morgenstunden auf Thomas’ Balkon, wo sie so oft Kaffee getrunken und darauf gewartet hatte, dass das French Quarter seine Spinnweben abschüttelte und zum Leben erwachte. Sie vermisste den Duft des Rasierwassers an seinem Bademantel.

Sie dankte der Bibliothekarin und verließ das Gebäude. Auf der Zweiundsechzigsten wanderte sie ostwärts auf den Park zu. Es war ein herrlicher Oktobermorgen mit klarem Himmel und kühlem Wind. Eine angenehme Abwechslung nach New Orleans, aber unter den gegebenen Umständen schwer zu würdigen. Sie trug eine neue Sonnenbrille und einen Schal, den sie bis zum Kinn hochgezogen hatte. Das Haar war nach wie vor dunkel, aber sie würde nicht noch mehr abschneiden. Sie war entschlossen, zu gehen, ohne ständig über die Schulter zu schauen. Vermutlich waren sie nicht hinter ihr her, aber sie wusste, dass es Jahre dauern würde, bevor sie wieder ohne jeden Zweifel eine Straße entlanggehen konnte.

Die Bäume im Park boten eine prachtvolle Schau aus Gelb, Orange und Rot. Der Wind ließ die Blätter sanft herabsegeln. Sie bog nach Süden zum Central Park West ab. Morgen würde sie abreisen und ein paar Tage in Washington verbringen. Wenn sie überlebte, würde sie danach das Land verlassen, vielleicht in die Karibik. Sie war bereits zweimal dort gewesen. Da gab es tausend kleine Inseln, auf denen die meisten Leute irgendeine Art von Englisch sprachen.

Jetzt war die Zeit gekommen, das Land zu verlassen. Sie hatten ihre Spur verloren, und sie hatte sich bereits nach den Flügen nach Nassau und Jamaika erkundigt. Wenn es dunkel wurde, konnte sie schon dort sein.

Sie fand einen Münzfernsprecher im Hintergrund eines Cafes an der Sixth Avenue und wählte Grays Nummer in der Post. »Ich bin’s«, sagte sie.

«Wunderbar. Ich hatte schon befürchtet, Sie hätten das Land bereits verlassen.«

«Ich denke darüber nach.«

«Können Sie damit noch eine Woche warten?«

«Vermutlich. Ich komme morgen. Was wissen Sie inzwischen?«

«Ich sammle Schrott. Ich habe mir Kopien der Jahresbilanzen der sieben öffentlichen Firmen besorgt, die an dem Prozess beteiligt waren. In keiner von ihnen ist Mattiece Vorstandsmitglied oder Direktor.«