»Man muß anders denken - wenn man so überlegt, wie man es gewohnt ist - erreicht man nichts«, hatte Jonathan die Worte seines Onkels wiederholt. Sie nahm die Streichhölzer und ging ins Wohnzimmer zurück, um dort lange mit ihnen zu spielen. Schließlich legte sie sich, vor Angst erschöpft, schlafen.
In dieser Nacht hatte sie einen seltsamen Traum. Zunächst sah sie Onkel Edmond oder zumindest eine Person, die der Beschreibung entsprach, die ihr Jonathan von ihm gegeben hatte. Er stand in einer langen Kinoschlange, die sich mitten durch eine Steinwüste zog. Mexikanische Soldaten umstellten die Schlange und achteten darauf, daß »nichts schiefging«. In der Ferne waren ein Dutzend Galgen zu sehen, an denen die Leute aufgehängt wurden. Wenn sie tot waren, wurden sie abgenommen, und andere nahmen ihre Stelle ein. Und die Schlange rückte vor .
Hinter Edmond standen Jonathan, sie selbst und ein dicker Mann mit einer ganz kleinen Brille. All diese zum Tode Verurteilten plauderten gelassen, als ob nichts wäre.
Als man ihnen endlich die Schlinge um den Hals legte und sie alle vier nebeneinander aufhängte, warteten sie nur untätig. Onkel Edmond entschloß sich als erster zu reden, mit heiserer Stimme fragte er: »Was tun wir hier?«
»Ich weiß nicht ... Wir leben. Wir sind geboren worden, also leben wir so lange wie möglich. Aber jetzt, glaube ich, geht es dem Ende entgegen«, antwortete Jonathan.
»Mein lieber Neffe, du bist ein Pessimist. Sicher, wir sind aufgehängt und von mexikanischen Soldaten umgeben, aber das ist nur ein unliebsamer Zwischenfall, nicht das Ende, nur ein Zwischenfall. Außerdem hat diese Situation notwendigerweise eine Lösung. Seid ihr alle ganz fest verschnürt?«
Sie zappelten in ihren Fesseln.
»Nein«, sagte der dicke Mann. »Ich kann mich dieser Schnüre entledigen.«
Und er tat es.
»Schön, dann befreien Sie uns.«
»Und wie?«
»Schaukeln Sie, bis Sie meine Hände erreicht haben.«
Der Mann wand sich, und er schaffte es, sich in ein lebendes Pendel zu verwandeln. Nachdem er Edmonds Fesseln gelöst hatte, konnten sie alle nach und nach mit der gleichen Technik befreit werden.
Dann sagte der Onkeclass="underline" »Macht es wie ich!«, und mit kleinen Sprüngen seines Halses hüpfte er von Schnur zu Schnur auf den letzten Galgen der Reihe zu. Die anderen taten es ihm nach.
»Aber weiter kommen wir nicht! Hinter diesem Galgen ist nichts mehr, sie werden uns entdecken.«
»Seht, da ist ein kleines Loch in dem Galgen. Kommt.«
Edmond sprang gegen den Galgen, wurde ganz klein und verschwand in dem Loch. Jonathan und der dicke Mann folgten ihm. Lucie sagte sich, daß sie es niemals schaffen werde, dennoch schwang sie sich gegen den Pfahl, und sie drang in das Loch ein.
Innendrin war eine Wendeltreppe. Sie stürmten die Stufen hinauf. Schon waren die Schreie der Soldaten zu hören, die ihre Flucht bemerkt hatten. Los gringos, los gringos, cuidado! Polternde Stiefel, Gewehrschüsse. Man machte Jagd auf sie.
Die Treppe mündete in ein modernes Hotelzimmer mit Blick aufs Meer. Sie traten ein und schlossen die Tür. Zimmer 8. Als die Tür zuschlug, verwandelte sich die vertikale 8 in eine horizontale 8, das Zeichen der Unendlichkeit. Das Zimmer war luxuriös, und man fühlte sich vor den Berserkern in Sicherheit.
Während alle noch erleichtert aufatmeten, sprang Lucie plötzlich ihrem Mann an die Kehle. »Wir haben Nicolas vergessen«, rief sie. »wir haben Nicolas vergessen!« Sie streckte ihn mit einer antiken Vase nieder, deren Malerei den jungen Herkules zeigte, der die Schlange erwürgt. Jonathan fiel zu Boden und verwandelte sich in . eine geschälte Krabbe, die sich lächerlich wand.
Onkel Edmond trat vor.
»Tut’s euch leid?«
»Ich verstehe nichts mehr.«
»Ihr werdet verstehen«, sagte er lächelnd. »Folgt mir.«
Er führte sie auf den zum Meer gelegenen Balkon und schnippte mit den Fingern. Sechs brennende Streichhölzer stiegen aus den Wolken herab und reihten sich über seiner Hand auf.
»Hört gut zu«, sagte er laut. »man denkt immer gleich. Man erfaßt die Welt immer auf die gleiche banale Weise. So als würde man jedes Foto mit einem Weitwinkelobjektiv machen. Das ist eine Sicht der Realität, aber nicht die einzige. MAN ... MUSS ... ANDERS ... DENKEN! Schaut her.«
Die Streichhölzer wirbelten einen Moment lang durch den Raum, dann vereinigten sie sich auf dem Boden. Sie robbten wie lebende Wesen und bildeten ...
Am nächsten Morgen kaufte Lucie ziemlich aufgeregt einen Schweißbrenner. Schließlich schaffte sie es, mit dem Schloß fertigzuwerden. Als sie gerade die Schwelle zum Keller überschreiten wollte, tauchte Nicolas verschlafen in der Küche auf.
»Mama! Wohin gehst du?«
»Ich werde deinen Vater suchen. Er hält sich für eine Wolke, die über die Berge fliegt. Ich will schauen, ob er nicht ein wenig übertreibt. Ich werd’s dir erzählen ...«
»Nein. Mama, geh nicht, geh nicht ... Ich bin doch dann ganz allein.«
»Keine Bange, Nicolas, ich komme zurück, ich bleibe nicht lange, warte auf mich.«
Sie leuchtete in den Keller. Der Ort war finster, stockfinster
Wer ist da?
Die beiden Antennen rücken vor, es folgt ein Kopf, dann ein Thorax und ein Hinterleib. Die kleine Hinkende mit dem Felsengeruch.
Sie wollen sich auf sie stürzen, aber hinter ihr zeichnen sich die Mandibeln einer schwer bewaffneten Hundertschaft von Soldatinnen ab. Sie verströmen alle den gleichen Felsenduft.
Fliehen wir durch den Geheimgang! stößt das 56. Weibchen hervor.
Sie räumt den Kieselstein zur Seite und legt ihren Stollen frei. Dann schlägt sie mit den Flügeln und erhebt sich fast zur Decke, von wo sie die ersten Eindringlinge mit Säure beschießt. Ihre beiden Komplizen fliehen, während eine brutale Aufforderung aus den Reihen der Kriegerinnen aufsteigt.
Tötet sie!
Nr. 56 springt ihrerseits in das Loch. Säurestrahlen verfehlen sie um Haaresbreite. Schnell! Fangt sie! Hunderte von Beinen machen sich auf die Verfolgung. Diese Spioninnen sind verdammt zahlreich! Sie drängen sich geräuschvoll in den Engpaß, um das Trio einzuholen.
Den Bauch auf der Erde, die Antennen zurückgelegt, huschen das Männchen, das Weibchen und die Soldatin durch den Gang, der nichts Geheimes mehr an sich hat. Sie verlassen die Zone des Jungferngemachs und gelangen in tiefere Stockwerke. Bald schon gabelt sich der Gang. Von dort an häufen sich die Kreuzungen, aber Nr. 327 findet sich zurecht und zieht seine Leidensgenossinnen mit sich.
Plötzlich stoßen sie an der Ecke eines Tunnels auf einen Trupp von Soldatinnen, die in ihre Richtung stürmen. Unglaublich: die Hinkende hat sie bereits eingeholt. Das machia-vellistische Insekt kennt offenbar sämtliche Abkürzungen!
Die drei Flüchtlinge machen kehrt und nehmen Reißaus. Als sie sich endlich ein wenig ausruhen können, bringt Nr. 103 683 vor, daß sie sich besser nicht auf dem Terrain der Spioninnen abschinden, die sich in diesem Gewirr von Gängen ein wenig zu gut auskennen.
Wenn der Feind stärker scheint als du, handele so, daß du dich seiner Denkweise entziehst. Dieser alte Satz der ersten Königin paßt hervorragend auf ihre Situation. Nr. 56 hat eine Idee; sie schlägt vor, sich in einer Wand zu verstecken!
Noch haben die Kriegerinnen mit dem Felsengeruch sie nicht aufgestöbert, also graben sie sich mit aller Kraft in eine Seitenwand, fallen mit ihren Mandibeln über die Erde her, wühlen sie auf. Ihre Augen, ihre Antennen sind voll davon. Manchmal schlucken sie ganze Brocken, um schneller voranzukommen. Kaum ist der Hohlraum tief genug, schmiegen sie sich hinein, bauen die Mauer wieder auf und warten. Ihre Verfolger kommen, sie rennen vorbei. Aber sie kommen bald wieder zurück, und diesmal erheblich langsameren Schritts. Da wird ganz schön geschnüffelt auf der anderen Seite der Wand Nein, sie haben nichts gemerkt. Trotzdem können die drei hier nicht bleiben. Irgendwann werden die anderen einige ihrer Moleküle aufspüren. Also graben sie weiter. Nr. 103 683, die mit den größten Mandibeln ausgestattet ist, wühlt vorneweg; die beiden anderen räumen den Sand weg und verstopfen das Loch hinter ihnen.