»Seht mal«, sagte Andrea leise. »Man sieht noch, dass sie da drüben ein Maisfeld hatten.« Sie deutete auf ein freigelegtes rechteckiges Stück Land gleich hinter der letzten verfallenen Hütte. »Wir werden etwas zu essen brauchen.«
Sie fügte nicht hinzu: Wenn wir hier länger festsitzen. Aber Jonas konnte den beiden ansehen, dass sie alle das Gleiche dachten.
Er ging hin und trat gegen einen umgefallenen, vertrockneten Stängel. Dare schnüffelte neben ihm herum und schob einige leere Hüllblätter zur Seite. Das hier wirkte eher wie der Geist eines Maisfeldes. Jonas vermochte sich nicht vorzustellen, wann es das letzte Mal bestellt worden sein musste. Vor Jahren? Jahrzehnten? Was immer hier an Essbarem gewachsen war, hatten Vögel, Mäuse oder auch Menschen vor langer, langer Zeit davongetragen.
Jonas' Magen rumorte, doch das lag weniger am Hunger als an seiner Furcht und Besorgnis. Im Moment jedenfalls.
»Vielleicht haben die Markerjungen etwas dabei, das wir essen können, wenn wir sie einholen«, sagte er zuversichtlicher, als er sich fühlte. Es war nicht sehr wahrscheinlich, dass die Marker etwas anderes als Markeressen bei sich haben würden.
Für alle Fälle sah er in einigen der besser erhaltenen Hütten nach. In ihrem Innern war es so duster, dass die Markerjungen sich deutlich abzeichnen würden, falls sie dort waren.
Doch die geschlossenen Räume machten Jonas ner-vös. Es gefiel ihm nicht, inmitten dieser Trostlosigkeit ins Dunkel zu spähen.
Die erste Hütte war leer. Die zweite ebenso. Und auch die dritte.
In der vierten Hütte stürzte etwas auf ihn zu.
Zwölf
»AHH!« Jonas sprang zurück und versuchte hastig auszuweichen. Flüchtig gewahrte er Hufe und glühende Augen. Was ist das - ein Dämon?, fragte er sich. Wo sind wir hier?
Mit wütendem Gebell setzte Dare der Kreatur in den Wald nach.
Jonas konnte erst erkennen, was es war, als sich sein wild pochendes Herz beruhigte, er sich umdrehte und den in der Hütte verbliebenen Marker entdeckte: Es war nur ein weiteres Reh.
Nein, es kann auch dasselbe Reh sein, das die Markerjungen getötet haben, weil es in Wirklichkeit noch am Leben ist . wie viele Markerversionen kann ein und dasselbe Reh eigentlich haben? Jonas stellte sich vor, wie sich das Reh, sobald es mit einer neuen Störung der Zeit in Berührung kam, zu Dutzenden von Markerrehen vervielfachte. Doch dann wurde ihm klar, dass ihm die Panik immer noch den Verstand vernebelte. Jedes Tier kann nur einen Marker haben. Weil es nur eine ursprüngliche Zeit gibt und nur einen vorgesehenen Verlauf.
Auch wenn es albern war, beruhigte es ihn zu wissen, dass es nicht dasselbe Reh war, das die Markerjungen getötet hatten. Fast zärtlich betrachtete er die Markerversion des Rehs, das er aufgeschreckt hatte. Das Markertier hob nicht einmal den Kopf, sondern kaute friedlich weiter an ... was war das? Eine halb verfaulte Melone?
Dann bemerkte Jonas den Tumult hinter sich.
»Dare, nein! Komm zurück!«, rief Andrea dem Hund nach.
Katherine konnte sich vor Lachen kaum noch auf den Beinen halten.
»Oh, Mann! Du hättest dein Gesicht sehen sollen! Du bist bleich wie ein Geist. Man könnte dich selbst für einen Marker halten!«, quietschte sie.
»Ha, ha«, murmelte Jonas. Er lehnte sich matt an die Seitenwand der Hütte, die sich gefährlich nach innen bog. Jonas befand, dass er allein stehen konnte, und richtete sich auf.
»Dare!«, schrie Andrea und ihre Stimme hallte durch die Bäume. »Dare!«
»Psst!«, sagte Jonas. Ihm dröhnten die Ohren und er glaubte nicht, dass er dafür noch die Zeitkrankheit verantwortlich machen konnte. Das Geschrei und das Gelächter, der Hund und das Reh, die durch den Wald stürmten - das alles war viel zu viel Lärm, viel zu viel weitere Veränderung an diesem stillen, verlassenen Ort voller Marker. »Seid still! Jemand wird uns hören! Am Ende ruinieren wir wirklich noch die Zeit!«
Wie viel Veränderung war zu viel? An welchem Punkt würden die Marker so überhandnehmen, dass sich nichts mehr reparieren ließ?
Katherines Gelächter verebbte zu einem Prusten und gelegentlichem Kichern. Andrea rief noch einmal »Dare!«, dann drehte sie sich zu Jonas um.
»Ehrlich, Jonas«, sagte sie nüchtern. »Ich glaube nicht, dass außer uns und den Markern noch jemand auf der Insel ist. Spürst du das denn nicht?«
Es könnte sich jemand verstecken, wollte er erwidern. Dein mysteriöser Unbekannter zum Beispiel, der zurückkommt, um dafür zu sorgen, dass wir tun, was er will. Aber was war schlimmer: die Möglichkeit anzusprechen, dass überall gefährliche Unbekannte lauern könnten, oder die Leere, die Trostlosigkeit und den Verfall zu akzeptieren? Es fühlt sich an, als wäre hier etwas Schlimmes passiert, dachte Jonas. Und vielleicht . vielleicht ist es noch nicht vorbei?
Das würde er nicht aussprechen.
Stattdessen murmelte er mürrisch: »Woher willst du wissen, dass wir auf einer Insel sind?«
»Weil sich die Kolonie von Roanoke auf einer Insel befand«, erwiderte Andrea. »Auf Roanoke.«
Jonas hob die Hände.
»Bin ich eigentlich der Einzige, der in der Schule nicht aufgepasst hat?«, fragte er.
Zu seiner Überraschung lachte Andrea. Doch es war ein freundliches Lachen. Ganz anders als das von Katherine.
»Ich kann mich nicht erinnern, in der Schule je etwas über die Kolonie von Roanoke gehört zu haben. Ich glaube nicht, dass meine Lehrer sie erwähnt haben«, sagte Andrea. »Aber erinnerst du dich an den Tag in der Höhle? Als sie uns die Namen der verschollenen Kinder der Geschichte aufgezählt haben? Ohne uns zu sagen, wer von uns wer ist?«
Jonas nickte achselzuckend.
»Ja, und?«
»Als ich an dem Tag nach Hause kam, beschloss ich, jeden einzelnen Mädchennamen zu recherchieren, an den ich mich erinnern konnte«, erzählte Andrea weiter. »Ich lebe jetzt bei meinem Onkel und meiner Tante und, na ja . jedenfalls ist es gut, wenn ich mich auf mein Zimmer verziehen und die Tür hinter mir zumachen kann und dann etwas zu tun habe.«
»Aber -«, setzte Katherine an. An der Art, wie sie die Augen zusammenkniff und die Nase krauszog, erkannte Jonas, dass sie im Begriff stand, irgendetwas unglaublich Neugieriges zu fragen, etwa: Du magst deinen Onkel und deine Tante wohl nicht? Warum nicht? Was ist mit ihnen?
»Wow«, unterbrach er sie schnell. »Ich bin an dem Tag einfach nur nach Hause gefahren, habe eine riesige Peperonipizza mehr oder weniger allein verdrückt und bin direkt ins Bett gegangen.«
Wieder lachte Andrea. Es klang schön.
»Dagegen ist nichts zu sagen. Schließlich hast du auch einen kleinen Umweg übers Mittelalter gemacht«, sagte sie.
»Stimmt, als ich aus dem fünfzehnten Jahrhundert zurückkam, war ich halb .« Jonas sprach das letzte
Wort nicht aus, das eigentlich verhungert lauten sollte. Es erschien ihm nicht sehr klug, es jetzt zu erwähnen. Er wechselte das Thema. »Und du hast dich wirklich über sämtliche verschollenen Kinder der Geschichte schlaugemacht? Jedenfalls über die Mädchen?«
Andrea schüttelte den Kopf. Ihr Blick war ernst.
»Nein, und das ist ziemlich merkwürdig«, sagte sie. »Ich habe mit Virginia Dare angefangen und wollte mir dann jemand anderen vornehmen, aber stattdessen habe ich ... immerzu über Virginia weitergelesen.«
»Oho .« Katherine gab einen leisen, unheimlich klingenden Laut von sich. Sie hörte auf, die Augen zusammenzukneifen, und ihr ganzes Gesicht begann vor Aufregung zu leuchten. »Dann musst du gewusst haben, wer du früher warst. Hattest du einfach ein komisches Gefühl bei Virginia Dare? Etwas, das dir bewusst oder unbewusst gesagt hat: >Das bist du. So muss es sein!<«
Jonas sah seine Schwester wütend an. Hatte sie Andreas Reaktion im Zeittunnel vergessen, als HK ihr gesagt hatte, dass sie in Wirklichkeit Virginia Dare war? Das bin ich nicht! Das ist nicht meine Mutter!, hatte sie geschrien. Wollte Katherine, dass sie sich wieder aufregte?