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»John White hat alles, was er gesagt hat, auf Algon-kin und auf Englisch gesagt«, erklärte Brendan.

»Ach so! Deshalb konnte ich ihn verstehen!«, sagte Andrea, als habe sie sich darüber schon den Kopf zerbrochen.

»Sein Algonkin klingt zwar eher wie Babysprache, aber unsere Marker können trotzdem einiges davon verstehen«, erklärte Antonio. »Allerdings hat er kaum etwas von dem verstanden, was sie ihm sagten, obwohl sie ganz einfache Worte benutzt haben. Also dachten sie . dass sie es ihm zeigen müssen.«

Jonas hoffte ein wenig, sie würden immer weiter vom Übersetzen und anderen langweiligen, nutzlosen Dingen reden. Doch Brendans und Antonios Marker hatten aufgehört wortlos die Skelette anzustarren. Die beiden Markerjungen machten entschlossene Mienen und pressten die Zähne aufeinander - kleine, fast unmerkliche Anzeichen dafür, dass sie sich für eine unangenehme Aufgabe wappneten. Dann setzten sie sich zurecht, um auf das Ufer von Croatoan zuzupaddeln.

Brendan und Antonio selbst rührten sich nicht.

»Wir müssen dafür nicht unbedingt mit unseren Markern zusammenbleiben«, sagte Brendan leise. »Sie haben nicht vor, sich auf Croatoan lange aufzuhalten. Wir können einfach im Kanu bleiben und auf sie warten.«

Alle drehten sich zu Andrea um, als herrsche ein stilles Einverständnis unter ihnen, dass es ihr zufiel, diese Entscheidung zu treffen.

»Nein«, sagte sie mit erstickter Stimme. »Wir sollten . Ich muss das sehen. Ihr anderen könnt hier beim Kanu bleiben, aber ich muss dorthin .«

Ohne ein weiteres Wort drehte Antonio sich um. Mit ein paar geschickten Paddelschlägen hatte er seinen Marker eingeholt. Jonas hörte, wie Brendan hinter ihm im Kanu sachte das Paddel eintauchte.

Viel zu schnell erreichten sie das Ufer und viel zu zügig befestigten Antonio und Brendan das Kanu an einem Baum.

Ich bin noch nicht bereit, mir das anzusehen, dachte Jonas.

»John White kann sicher nicht unterscheiden zwischen englischen Skeletten und denen, die von hier stammen, oder?«, fragte Andrea verzagt.

»Das . glaube ich nicht«, antwortete Katherine ohne eine Spur ihrer üblichen Zuversicht.

»Ich will einfach nicht, dass er die Skelette sieht und weiß Das hier war meine Tochter oder Das hier war mein Schwiegersohn und Das hier ...«, Andreas Stimme schwankte, trotzdem zwang sie sich weiterzusprechen: »... war meine Enkeltochter.«

»Dein Skelett ist nicht hier, Andrea«, sagte Jonas. »Du hast gesagt, du fühlst dich wohl in diesem Zeitalter. Weißt du noch? Also bist du auch noch am Leben. Virginia Dare ist noch am Leben. Dein Marker ist irgendwo da draußen.«

Es war schwer, über diese Insel des Todes hinauszudenken. Trotzdem würden sie weiter nach Andreas Marker suchen müssen . irgendwo.

Selbst wenn ihnen nichts mehr einfiel.

Andrea zuckte zusammen.

»Im Moment fühle ich mich . überhaupt nicht gut«, sagte sie und versuchte tapfer ein Lächeln zustande zu bringen.

Sie stieg dicht hinter Brendan und Antonio aus dem Kanu. Dare sprang neben ihr heraus und rieb winselnd den Kopf an ihrem Bein, als begreife er, dass ihr etwas Schreckliches bevorstand.

In der Zwischenzeit hatte sich Antonio hinuntergebeugt, um John White aus dem Kanu zu heben. Doch dann trat er zurück, sodass lediglich sein Marker den Marker von John White heraushob.

»Wir lassen den echten Mann hier im Kanu weiterschlafen«, murmelte er und bei Jonas regte sich ein we-nig das schlechte Gewissen, weil er Antonio für nichts als einen Widerling gehalten hatte.

Sobald sich sein Marker aufrichtete, verschmolz Antonio mit ihm. Auch Jonas und Katherine kletterten aus dem Kanu.

»Ihr müsst euch das wirklich nicht alle ansehen«, sagte Andrea. »Es reicht, wenn die Marker und ich es tun.«

»In dieser Sache stecken wir zusammen drin«, sagte Katherine und ausnahmsweise war Jonas völlig ihrer Meinung. Er vergaß sogar, sich darüber zu ärgern, dass er es nicht selbst gesagt hatte.

Antonio trug John Whites Marker mit äußerster Behutsamkeit an den Tierskeletten vorbei, die über das Ufer verstreut lagen. Die anderen blieben dicht in seiner Nähe und suchten sich ihren Weg zwischen den Knochen hindurch. Antonio ging so vorsichtig - und so anmutig -, dass John Whites Marker einfach weiterschlief und leise vor sich hin schnarchte. Nein, verbesserte sich Jonas. Antonio hat keinen Einfluss auf den Marker. Er könnte ihn nicht aufwecken, selbst wenn er es versuchen würde! Dennoch bewegte sich Antonio derart synchron mit seinem Marker, dass es aussah, als gäbe es tatsächlich eine Verbindung zwischen dem Jungen und dem Marker des alten Mannes. Als sie die Reihe der baufälligen Hütten erreichten, kniete sich Antonio mit dem Markermann hin, um ihn zu wecken und so hinzusetzen, dass er die Knochen am Strand im Rücken hatte.

»Er ist so umsichtig«, schwärmte Andrea. »Er versucht wirklich John White den schlimmsten Anblick zu ersparen!«

Nein, hätte Jonas auch sie am liebsten korrigiert. Es ist Antonios Marker, der umsichtig ist. Doch im Moment waren Antonio und sein Marker eins, daher war es unmöglich, sie sich getrennt vorzustellen.

Dann ließ der Anblick des Dramas, das sich vor seinen Augen abspielte, ihn alles andere vergessen. Bren-dan verschmolz ebenfalls mit seinem Marker und kauerte sich auf die andere Seite von John Whites Marker.

»Das hier Croatoan«, sagte er sanft mit der Stimme seines Markers. Jonas merkte, wie sehr Brendan sich bemühte angesichts der beschränkten Algonkin-Kenntnis-se von John White langsam und in einfachen Worten zu sprechen. »Verstehen? Alle fort. Vielleicht alle tot. Vielleicht nur weg.«

»Tot?«, wiederholte John Whites Marker benommen. Seine Gesichtszüge waren ausnahmsweise so scharf, dass Jonas sicher war, ihm genau von den Lippen ablesen zu können. »Tot heißt .«

John Whites Marker versuchte sich aufzurichten. Einen Moment lang hatte es den Anschein, als wollte Antonio ihn davon abhalten, doch dann sagte Brendan: »Er wird uns nicht glauben, wenn er es nicht mit eigenen Augen sieht.«

Antonio half dem Marker des alten Mannes auf die Beine und legte ihm den Arm um die Schulter. Brendan umfasste den Marker von der anderen Seite und gemeinsam führten ihn die beiden zur nächstgelegenen Hütte.

Jonas konnte nicht anders, als sie dafür zu bewundern, wie sie John Whites Marker eskortierten und ver-hinderten, dass er die Tierskelette sah. Doch was sollte das nutzen, wenn er dafür in der Hütte menschliche Skelette entdecken würde?

Nervös schlich er sich von hinten an Antonio, Bren-dan und den Marker heran und versuchte an ihnen vorbei in die Hütte zu spähen.

»Huch!«, rief Brendan und wandte sich von seinem Marker ab. »Hier sind gar keine Skelette!«

Jonas sah hinein - es war nur eine leere Hütte.

Auch die nächste Hütte war leer, ebenso wie die dritte und die vierte. Dann kamen sie zu einem andersgearteten Gebäude, an dessen Wänden sich eine Art Holzgerüst entlangzog. In Tierfelle gehüllte längliche Bündel lagen auf sämtlichen Ebenen des Gerüsts. Konnten diese Bündel Skelette sein?

John Whites Marker nickte, als habe er verstanden. Doch er wirkte nicht erschüttert. Er öffnete den Mund und sagte etwas. Jonas wünschte inständig verstehen zu können, was der Marker sagte. Doch ohne den echten John White blieb sein Marker natürlich vollkommen lautlos.

»Oh, wie merkwürdig! Jetzt spricht er Englisch und mein Marker kann ihn nicht verstehen. Aber ich verstehe, was mein Marker hört«, berichtete Brendan. »John White sagt, er kennt den Tempel der Bewohner von Croa-toan, in dem sie die Leiber ihrer verstorbenen Anführer aufbewahren. Das hat er schon in anderen Dörfern, auf früheren Reisen nach Amerika, gesehen. Er sagt, das Gleiche würden sie auch in England machen, wo sie die bedeutenden Toten in Kathedralen in Krypten legen.«