Ich bin mit Ben Rosselli der Meinung, daß wir an der Verbesserung der Lebensbedingungen dieser Stadt und dieses Bundesstaates Anteil nehmen sollten. Ein unmittelbar wirksamer Beitrag ist die Finanzierung der Billigwohnungen, eine Verpflichtung, die dieses Direktorium schon in den ersten Stadien von Forum East übernommen hat. Ich bin sogar der Meinung, daß unser Beitrag im Laufe der Zeit vergrößert werden sollte.«
Er warf einen Blick zu Roscoe Heyward hinüber. »Natürlich weiß ich, daß Hypothekengeschäfte keine sonderlich hohen Erträge abwerfen. Doch es gibt Wege, auch dieses Engagement mit ausgezeichneten Profiten zu verknüpfen.«
Einer dieser Wege, erklärte er den lauschenden Direktoren, führe über eine entschlossene Expansion der Sparkontenabteilung der Bank.
»Traditionsgemäß werden die Mittel für Bau- und Wohnungsdarlehen aus den Spareinlagen genommen, weil Hypotheken langfristige Anlagen sind und Spareinlagen ihrem Wesen nach ebenfalls stabil und langfristig sind. Die Rentabilität werden wir durch schieres Volumen erzielen - das viel größer sein wird als unser jetziges Sparvolumen. Dergestalt werden wir ein dreifaches Ziel erreichen - Profit, finanzielle Stabilität und einen bedeutenden sozialen Beitrag.
Es sind noch nicht viele Jahre vergangen, seit große Geschäftsbanken wie wir selbst das Verbrauchergeschäft einschließlich kleiner Spareinlagen als unwichtig verschmähten. Und während wir schliefen, haben Spar- und Darlehenskassen mit klarem Blick die von uns ignorierte Chance genutzt und sind an uns vorbei nach vorn geprescht und unser Hauptkonkurrent geworden. Trotzdem liegen noch gigantische Möglichkeiten auf dem Gebiet der persönlichen Sparkonten. Ich rechne sogar damit, daß das Verbrauchergeschäft im Verlauf des nächsten Jahrzehnts die kommerziellen Einlagen übertreffen und damit zur gewaltigsten überhaupt bestehenden Geldmacht wird.«
Das Spargeschäft, führte Alex weiter aus, sei nur eins von mehreren Gebieten, auf denen die Interessen der FMA in geradezu dramatischer Weise ausgebaut werden könnten.
Unverändert lebhaft in Gestik und Bewegung, behandelte er andere Abteilungen der Bank und beschrieb Änderungen, die er für ratsam hielt. Das meiste davon hatte schon in einem Bericht gestanden, den Alex Vandervoort auf Bens Veranlassung wenige Wochen vor jenem Tag erarbeitet hatte, da der Bankpräsident von seinem bevorstehenden Tod sprach. Im Drang der Ereignisse war dieser Bericht, soweit es Alex bekannt war, ungelesen geblieben.
Eine der Empfehlungen betraf die Eröffnung von neun weiteren Filialen in Wohnvororten in allen Teilen des Bundesstaates. Eine andere riet zu einer drastischen Überprüfung der gesamten FMA-Organisation. Alex schlug vor, eine Spezial-Beratungsfirma mit der Ausarbeitung von Änderungsempfehlungen zu beauftragen, »da unsere Leistungsfähigkeit geringer ist, als sie sein könnte. Bei uns ist Sand im Getriebe«, wie er dem Direktorium erklärte.
Gegen Ende kehrte er zu seinem ursprünglichen Thema zurück. »Natürlich müssen wir weiterhin an unserer Beziehung zur Industrie festhalten. Industriekredite und das kommerzielle Geschäft werden Stützpfeiler unserer Arbeit bleiben. Nicht aber die einzigen Pfeiler. Auch sollten sie nicht die bei weitem mächtigsten sein. Und wir sollten unseren Blick nicht so ausschließlich an der Größe orientieren, daß die Bedeutung kleiner Konten, auch privater Sparkonten, uns weitgehend verschlossen bleibt.
Der Gründer unserer Bank hat sie geschaffen, um dem Kleinverdiener zu helfen, dem die Einrichtungen der Großbanken verschlossen waren. Es konnte nicht ausbleiben, daß sich Zweck und Arbeitsweise im Laufe eines Jahrhunderts erweitert haben, doch weder der Sohn noch der Enkel des Gründers haben jene Ursprünge aus den Augen verloren, und sie haben nie die Erkenntnis ignoriert, daß das Vielfache einer kleinen Menge die allergrößte Macht darstellen kann.
Ein massives und sofortiges Wachstum der kleinen Spareinlagen, das ich dem Direktorium nicht eindringlich genug als Zielvorstellung empfehlen kann, hieße, unseren Ursprüngen gerecht zu werden, unsere finanzielle Kraft auszubauen und -gemäß dem Klima unserer Zeit - das öffentliche Wohl zu fördern und damit auch unser eigenes Wohl.«
So wie es Heyward Beifall gespendet hatte, so applaudierte das Direktorium auch Alex, als er sich wieder setzte. Zu einem Teil war es nur Höflichkeitsapplaus, wie Alex wohl wußte; aber etwa die Hälfte der Direktoren schien mit mehr Enthusiasmus zu klatschen. Er hatte den Eindruck, daß er und Heyward noch immer gleich im Rennen lagen.
»Ich danke Ihnen, Alex.« Jerome Patterton warf einen Blick in die Runde. »Fragen, meine Herren?«
Eine weitere halbe Stunde verging mit Fragen und Antworten, dann verließen Roscoe Heyward und Alex Vandervoort gemeinsam das Sitzungszimmer. Sie kehrten beide in ihre Büros zurück, um die Entscheidung des Direktoriums abzuwarten.
Die Direktoren debattierten bis zum Mittag, ohne eine Einigung zu erzielen. Sie zogen sich dann in einen für andere Gäste gesperrten Raum des Kasinos zum Mittagessen zurück; sie setzten während des Essens die Diskussion fort. Der Ausgang des Treffens war noch immer offen, als ein Kasinokellner leise zu Jerome Patterton trat. Er trug ein silbernes Tablett. Auf dem Tablett lag ein gefaltetes Blatt Papier.
Der Stellvertretende Vorsitzende nahm das Papier entgegen, schlug es auf und las es. Nach einer Pause erhob er sich und wartete, bis die Gespräche am Tisch verstummten.
»Meine Herren.« Pattertons Stimme zitterte. »Von Trauer erfüllt, muß ich Ihnen mitteilen, daß unser geliebter Präsident, Ben Rosselli, vor wenigen Minuten verstorben ist.«.
Wenig später wurde die Direktoriumssitzung in gegenseitigem Einvernehmen und ohne weitere Diskussion geschlossen.
16
Die internationale Presse berichtete über den Tod Ben Rossellis, und einige Journalisten griffen nach dem naheliegenden Klischee und schrieben vom »Ende einer Ära«.
Ob richtig oder unrichtig, so signalisierte sein Ableben doch die Tatsache, daß die letzte amerikanische Großbank, die noch mit einem einzigen Unternehmer identifiziert war, sich jetzt den Organisationsformen der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts anglich und sich anschickte, von Komitees und angestelltem Management regiert zu werden. Die Entscheidung darüber, wer an der Spitze des angestellten Managements stehen würde, war bis nach der Beerdigung Rossellis vertagt worden. Das Direktorengremium der Bank wollte dann neu zusammentreten.
Das Begräbnis fand am Mittwoch der zweiten Dezemberwoche statt.
Begräbnis und vorangegangene Aufbahrung waren mit dem ganzen Pomp der katholischen Kirche vorgenommen worden, wie es einem Ritter vom Heiligen Stuhl und einem großzügigen Wohltäter der Kirche, wie Ben Rosselli es gewesen war, zustand.
Zwei Tage war er in der St. Matthews Cathedral aufgebahrt; Matthäus - vormals Levi, der Steuereintreiber - gilt als Schutzheiliger der Bankiers. Rund zweitausend Menschen, unter ihnen ein Vertreter des Präsidenten, der Gouverneur des Bundesstaates, Gesandte, prominente Bürger der Stadt, Bankangestellte und viele einfache Leute, defilierten am offenen Sarg vorbei.
Am Morgen des Begräbnisses konzelebrierten - um auch das geringste Risiko auszuschließen - ein Erzbischof, ein Bischof und ein Monsignore eine Auferstehungsmesse. Ein großer Chor respondierte im Gebet mit überzeugender Stimmgewalt. In der Kathedrale, die bis auf den letzten Platz gefüllt war, hatte man in der Nähe des Altars Stühle für Verwandte und Freunde Rossellis reserviert. Unmittelbar hinter ihnen saßen Direktoren und leitende Angestellte der First Mercantile American Bank.
Roscoe Heyward, ganz in Schwarz, saß in der ersten Reihe der Leidtragenden der Bank. Begleitet wurde er von seiner Frau Beatrice, einer gebieterischen, starken Erscheinung, und seinem Sohn Elmer. Heyward, Mitglied der Episkopalkirche, hatte sich vorher über korrektes katholisches Verhalten informiert und beugte elegant das Knie, sowohl vor dem Platznehmen als auch später beim Hinausgehen - letzteres eine Übung, die viele Katholiken sich schenkten. Die Heywards kannten sich auch im Respondieren während der Messe aus, so daß ihre Stimmen fest und klar diejenigen ihrer uninformierten Nachbarn übertönten.