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ROSCOE D. HEYWARD

NEUER PRÄSIDENT DER FIRST

MERCANTILE AMERICAN BANK

ALEXANDER VANDERVOORT

NEUER PRÄSIDENT DER FIRST MERCANTILE

AMERICAN BANK

Die Briefumschläge waren fertig adressiert. Die Boten standen bereit. Vorrangexemplare der einen oder der anderen Erklärung sollten noch an diesem Nachmittag den Nachrichtenagenturen, den Wirtschaftsredaktionen der Zeitungen sowie den Fernseh- und Rundfunkstationen zugestellt werden. Mehrere hundert andere Exemplare würden mit der Abendpost per Eilboten hinausgehen.

Heyward und Alex trafen gleichzeitig im Sitzungszimmer ein.

Sie glitten auf ihre angestammten Plätze.

Der PR-Chef stand abwartend hinter dem Vorsitzenden Jerome Patterton.

The Hon. Harold Austin, der diesem Gremium am längsten angehörte, gab die Entscheidung des Direktoriums bekannt, Jerome Patterton, erklärte er, bislang Stellvertretender Vorsitzender des Direktoriums, werde mit sofortiger Wirkung die Präsidentschaft der First Mercantile American Bank übernehmen.

Während diese Erklärung abgegeben wurde, schien der soeben Ernannte selbst wie betäubt zu sein.

Der PR-Chef formte mit den Lippen unhörbar die Worte: »Oh, Scheiße!«

Später an diesem Tag führte Jerome Patterton getrennte Gespräche mit Heyward und Vandervoort.

»Ich bin ein Interimspapst«, sagte er zu beiden. »Ich habe mich, wie Sie wissen, nicht um diesen Posten bemüht. Sie wissen ferner - ebenso wie die Direktoren -, daß mich nur noch dreizehn Monate von der Pensionierung trennen.

Aber das Direktorium konnte sich nicht auf einen von Ihnen einigen; durch meine Ernennung gewinnt es die Zeit, um sich endgültig zu entscheiden.

Was dann geschieht, weiß ich ebensowenig wie Sie. Inzwischen aber will ich mein Bestes geben, und dazu brauche ich Ihre Hilfe. Ich weiß, daß ich sie von Ihnen bekommen werde, da es ja auch zu Ihrem eigenen Vorteil ist.

Davon abgesehen, kann ich nur eins versprechen, und das ist ein interessantes Jahr.«

18

Schon vor Beginn der Ausschachtungsarbeiten hatte sich Margot Bracken aktiv bei Forum East engagiert. Zu Anfang als Rechtsberaterin einer Bürgergruppe, die darum kämpfte, das Projekt aus der Taufe zu heben, und später übernahm sie die gleiche Funktion für einen Mieterverband. Darüber hinaus erteilte sie Familien im Entwicklungsgebiet Rechtsauskünfte -für geringes oder gar kein Entgelt. Margot ging oft nach Forum East, und dabei lernte sie viele der in diesem Viertel lebenden Menschen kennen; unter anderen Juanita Nünez.

Drei Tage nach Ben Rossellis Beerdigung -    an    einem Samstagmorgen - traf Margot die junge Frau in einem Feinkostgeschäft, das sich in einer der Ladenstraßen von Forum East befand.

Der Komplex Forum East  war als homogene Wohngemeinschaft mit Billigmieten geplant - attraktiven Apartments, Einzelhäusern und renovierten Altbauten. Es gab Sportanlagen, ein Kino, einen Konzert-, Vortrags- und Theatersaal sowie    Ladengeschäfte    und Cafés. Die    bisher fertiggestellten neuen Gebäude waren durch baumbestandene Alleen und Fußgängerbrücken verbunden - man hatte viele Ideen vom Golden Gateway in San Francisco entlehnt und vom Barbican-Projekt in London. Andere Abschnitte des Projekts waren im Bau, wieder andere befanden sich noch im Planungsstadium und warteten auf die Finanzierung.

»Hallo, Mrs. Nünez«, sagte Margot. »Trinken Sie eine Tasse Kaffee mit mir?«

Auf einer Terrasse neben dem Feinkostgeschäft tranken sie ihren Espresso und plauderten - über Juanita, ihre Tochter Estela, die an diesem Vormittag an dem von der Gemeinschaft eingerichteten Ballettunterricht teilnahm, und über die Fortschritte in Forum East. Juanita und Carlos, ihr Mann, hatten zu den ersten Mietern des Entwicklungsprojekts gehört. Sie hatten eine winzige Wohnung in einem der renovierten Altbauten bezogen; aber kurz danach war Carlos mit unbekanntem Ziel verschwunden. Bisher war es Juanita gelungen, die Wohnung zu halten.

Aber es war nicht leicht, gestand sie. »Jeder hier hat die gleichen Sorgen. Von Monat zu Monat verliert unser Geld an Kaufkraft. Diese Inflation! Wie soll das enden?«

Wenn Lewis D'Orsey recht behielt, dachte Margot, dann würde es in Katastrophe und Anarchie enden. Sie behielt den Gedanken für sich, aber ihr fiel die Unterhaltung wieder ein, die vor drei Tagen zwischen Lewis, Edwina und Alex stattgefunden hatte.

»Ich hab' von den Schwierigkeiten gehört«, sagte sie, »die Sie kürzlich in Ihrer Bank gehabt haben.«

Juanitas Miene verdüsterte sich. Einen Augenblick lang schien sie den Tränen nahe zu sein, und Margot sagte eilig: »Es tut mir leid. Ich hätte den Mund halten sollen.«

»Nein, nein! Mir ist nur plötzlich wieder eingefallen... Ach was, es ist ja jetzt vorbei. Aber wenn Sie wollen, erzähle ich es Ihnen.«

»Eines sollten Sie über uns Rechtsanwälte wissen - wir sind immer neugierig«, bemerkte Margot.

Juanita lächelte, dann wurde sie ernst, als sie von den verschwundenen sechstausend Dollar in bar berichtete und von dem achtundvierzigstündigen Alptraum des Verdachts und der Vernehmungen. Beim Zuhören kam Margot der Zorn hoch, der bei ihr nie tief unter der Oberfläche wartete.

»Die Bank hatte kein Recht, Sie immer weiter unter Druck zu setzen, ohne daß Sie einen Anwalt zur Seite hatten. Warum haben Sie mich nicht gerufen?«

»Daran hab' ich überhaupt nicht gedacht«, gestand Juanita.

»Das ist es ja gerade. Unschuldige denken meistens gar nicht an so was.« Margot überlegte einen Augenblick, dann fügte sie hinzu: »Edwina D'Orsey ist meine Kusine. Ich werde mal mit ihr darüber sprechen.«

Juanita sah sie erschrocken an. »Das wußte ich nicht. Bitte tun Sie's nicht! Schließlich war es ja Mrs. D'Orsey selbst, die der Wahrheit auf die Spur gekommen ist.«

»Na schön«, sagte Margot, »wenn es Ihnen lieber ist, halte ich den Mund. Aber ich werde mit jemand anderem reden, den Sie nicht kennen. Und merken Sie sich eins: Wenn Sie mal wieder in Schwierigkeiten geraten, ganz gleich, wie und wodurch, dann rufen Sie mich. Ich werde Ihnen helfen.«

»Danke«, sagte Juanita. »Das will ich tun, wenn es dazu kommen sollte. Bestimmt.«

»Wenn Juanita Nunez tatsächlich entlassen worden wäre«, sagte Margot am Abend jenes Tages zu Alex Vandervoort, »dann hätte ich ihr geraten, euch zu verklagen, und wir hätten kassiert - und das nicht schlecht.«

»Das mag schon sein«, gab Alex zu. Sie waren auf dem Weg zu einer Party, und er steuerte Margots Volkswagen. »Vor allem dann, wenn die Wahrheit über unseren Langfinger herausgekommen wäre - und sie wäre todsicher herausgekommen. Zum Glück hat Edwinas fraulicher Instinkt funktioniert - und uns vor deinem gerettet.«

»Das ist kein bißchen komisch!«

Er schlug einen anderen Ton an. »Du hast recht, es ist wirklich nicht komisch. Wir haben uns der jungen Frau gegenüber schäbig benommen, das wissen alle Beteiligten. Ich, weil ich sämtliche Akten über den Fall gelesen habe; Edwina weiß es, und auch Nolan Wainwright weiß es. Zum Glück ist die Sache ja am Ende noch gutgegangen. Mrs. Nunez hat ihren Job behalten, und unsere Bank hat einiges dazugelernt. Es wird in Zukunft so leicht nicht wieder passieren.«

»Das hört sich schon besser an«, sagte Margot.

Damit beendeten sie das Thema, was angesichts ihrer Vorliebe für Streitgespräche eine nicht unbeträchtliche Leistung war.

19

In der Woche vor Weihnachten erschien Miles Eastin vor dem zuständigen Bundesgericht unter der Anklage der Unterschlagung in fünf Fällen. Vier Anklagepunkte bezogen sich auf betrügerische Transaktionen in der Bank zur eigenen Bereicherung in Höhe einer Gesamtsumme von dreizehntausend Dollar. Der fünfte Anklagepunkt bezog sich auf den Diebstahl von sechstausend Dollar Bargeld.