»Warum sollten Sie das wohl tun?«
»Wir schulden es Ihnen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein.«
Er fragte sich, ob sie ihn auch richtig verstanden habe.
»Es würde bedeuten«, erklärte Wainwright, »daß Ihr Mann eine gerichtliche Auflage erhält und daß er Ihnen Geld schicken muß als seinen Anteil an den Unterhaltskosten für Ihr kleines Mädchen.«
»Und wird das einen Mann aus Carlos machen?«
»Spielt das eine Rolle?«
»Es spielt eine Rolle, ob er gezwungen wird oder nicht. Er weiß, daß ich hier bin und daß Estela bei mir ist. Wenn Carlos wollte, daß wir sein Geld bekommen, dann würde er es schicken. iSi no, para que?« fügte sie leise hinzu.
Das Ganze glich einem Schattenboxen. Ungeduldig und ein bißchen verärgert sagte er: »Ich werde Sie nie verstehen.«
Ganz unerwartet lächelte Juanita. »Das ist auch gar nicht nötig.«
Schweigend gingen sie den kurzen Rest des Weges bis zur Bank, und Wainwright versuchte, sein Gefühl der Hilflosigkeit zu überwinden. Hätte sie ihm doch für sein Angebot gedankt; das hätte wenigstens bedeutet, daß sie es ernst nahm. Er versuchte, sich ihre Logik und ihre Wertvorstellungen klarzumachen. Ganz offensichtlich maß sie der Unabhängigkeit einen hohen Wert bei. Und alles, was danach kam, dachte er, das nahm sie wohl so hin, Glück oder Unglück, aufkeimende Hoffnungen oder zerschlagene Sehnsüchte. In gewisser Weise beneidete er sie; aus diesem Grunde und auch wegen der sexuellen Anziehung, die ihm vorhin bewußt geworden war, wünschte er sich, mehr über sie zu wissen.
»Mrs. Nunez«, nahm Nolan Wainwright das Gespräch wieder auf, »ich möchte Sie um etwas bitten.«
»Ja?«
»Wenn Sie ein Problem haben, ein wirkliches Problem, eine Sache, in der ich Ihnen helfen könnte, würden Sie mich dann rufen?«
Es war das zweite derartige Angebot, das ihr in diesen Tagen gemacht worden war. »Vielleicht.«
Das blieb - bis sehr viel später - die letzte Unterhaltung zwischen Wainwright und Juanita. Er fand, er habe alles getan, was in seinen Kräften stand, und er hatte auch noch andere Dinge im Kopf. Da war zum Beispiel das Thema, das er vor zwei Monaten in seinem Gespräch mit Alex Vandervoort angeschnitten hatte - einen Agenten einzusetzen, der versuchen sollte, den Ursprung der gefälschten Kreditkarten aufzuspüren, die dem Keycharge-System noch immer schwere finanzielle Verluste einbrachten.
Wainwright hatte einen entlassenen Strafgefangenen aufgespürt, den er nur unter dem Namen »Vic« kannte und der bereit war, das beträchtliche Risiko für Geld auf sich zu nehmen. Unter umständlichen Sicherheitsmaßnahmen hatten sie sich heimlich getroffen; ein zweites Treffen war vorgesehen.
Wainwright hoffte inbrünstig, die Kreditkarten-Betrüger vor Gericht bringen zu können, so, wie er Miles Eastin vor Gericht gebracht hatte.
Als Eastin in der folgenden Woche wieder vor Richter Underwood erschien - dieses Mal zur Urteilsverkündung -, war Nolan Wainwright der einzige Vertreter der First Mercantile American Bank im Gerichtssaal.
Stehend, den Blick auf die Richterbank gewandt, wartete der Untersuchungsgefangene. Der Richter suchte in aller Ruhe seine Papiere zusammen, dann breitete er sie vor sich aus und betrachtete Eastin mit kaltem Blick.
»Haben Sie noch etwas zu sagen?«
»Nein, Euer Ehren.« Eastins Stimme war kaum zu vernehmen.
»Mir liegt ein Bericht des zuständigen Bewährungshelfers vor« - Richter Underwood machte eine Pause und überflog eines der Papiere, das er vorhin herausgesucht hatte -, »den Sie anscheinend davon überzeugt haben, daß Sie die kriminellen Handlungen, zu denen Sie sich bekannt haben, ehrlich bereuen« Der Richter betonte die letzten Worte, als halte er sie angewidert zwischen Daumen und Zeigefinger, und er ließ keinen Zweifel daran, daß er selbst nicht naiv genug sei, um diese Meinung zu teilen.
Er fuhr fort: »Die Reue, sei sie nun aufrichtig oder nicht, kommt jedoch sehr spät; sie kann auch Ihren bösartigen, überaus verächtlichen Versuch nicht abmildern, die Schuld für Ihre eigene Missetat einer unschuldigen und arglosen Person aufzuladen, einer jungen Frau, für die Sie außerdem noch als gehobener Mitarbeiter der Bank verantwortlich waren und die Ihnen, als ihrem Vorgesetzten, Vertrauen schenkte.
Auf der Grundlage des vorgelegten Beweismaterials ist kein Zweifel möglich, daß Sie diese Absicht weiter verfolgt hätten, ja, daß Sie es sogar zugelassen hätten, daß Ihr unschuldiges Opfer an Ihrer Stelle angeklagt, schuldig gesprochen und verurteilt worden wäre. Glücklicherweise ist es dank der Wachsamkeit anderer nicht dazu gekommen. Aber Ihrer Einkehr oder Ihrer >Reue< verdanken wir das keineswegs.«
Von seinem Platz mitten im Gerichtssaal aus konnte Nolan Wainwright Eastins Gesicht, das dunkelrot angelaufen war, zu einem Teil sehen.
Richter Underwood blätterte erneut in seinen Papieren, dann sah er auf. Wieder durchbohrte er den Untersuchungsgefangenen mit seinen Blicken.
»Damit hätte ich mich zu dem Teil geäußert, den ich für den verächtlichsten Ihrer Handlungsweise halte. Es gibt dann noch die eigentliche Tat selbst - Ihr Vertrauensbruch als verantwortlicher Bankmann, nicht nur in einem Einzelfall, sondern in fünf, zeitlich weit auseinanderliegenden Fällen. Bei einem einzigen derartigen Fall hätte man vielleicht noch von einer unbedachten impulsiven Handlung sprechen können. Für fünf sorgfältig geplante und mit kriminellem Geschick ausgeführte Diebstähle kann diese Entschuldigung jedoch nicht geltend gemacht werden.
Eine Bank hat als kommerzielles Unternehmen das Recht, von Angestellten, die - wie es bei Ihnen der Fall war - für eine besondere Vertrauensstellung ausgewählt werden, absolute Redlichkeit zu erwarten. Aber eine Bank ist mehr als nur ein kommerzielles Unternehmen. Sie ist ein Institut des öffentlichen Vertrauens, und deshalb hat die Öffentlichkeit ein Recht darauf, vor denjenigen geschützt zu werden, die dieses Vertrauen mißbrauchen - vor Individuen also, wie Sie eines sind.«
Der Blick des Richters wanderte zu dem jungen Verteidiger hinüber, der pflichtgemäß neben seinem Mandanten ausharrte. Jetzt wurde der Ton des Richters schärfer und formeller.
»Wäre dies ein gewöhnlicher Fall, und auch angesichts der Tatsache, daß Sie nicht vorbestraft sind, hätte ich auf Bewährung erkannt, wofür Ihr Verteidiger in der vorigen Woche so beredt plädiert hat. Aber dies ist kein gewöhnlicher Fall. Es ist aus den von mir genannten Gründen ein exzeptioneller Fall. Deshalb, Eastin, werden Sie ins Gefängnis gehen, wo Sie Zeit haben werden, über Ihre eigene Handlungsweise nachzudenken, die Sie dorthin gebracht hat.
Das Urteil des Gerichts lautet, daß Sie dem Gewahrsam des Justizministers für eine Dauer von zwei Jahren überstellt werden.«
Auf ein Kopfnicken des Gerichtsbeamten hin trat ein Strafvollzugsbeamter vor.
Wenige Minuten nach dem Urteilsspruch fand in einem der kleinen, verschlossenen und bewachten Zimmer hinter dem Gerichtssaal, die für Gefangene und deren Anwälte bereitstanden, eine kurze Besprechung statt.
»Als Wichtigstes müssen Sie sich vor Augen halten«, sagte der junge Anwalt zu Miles Eastin, »daß eine Verurteilung zu zwei Jahren Gefängnis keine zweijährige Gefängnishaft bedeutet. Nach Verbüßung eines Drittels der Strafe kommen Sie für eine Begnadigung in Frage. Das heißt also, schon nach weniger als einem Dreivierteljahr.«
Miles Eastin, versunken in Elend und Unwirklichkeit, nickte stumpf.
»Sie können natürlich Berufung gegen das Urteil einlegen, und Sie brauchen sich jetzt noch nicht zu entscheiden. Aber offen gesagt, ich würde Ihnen nicht dazu raten. Einmal glaube ich nicht, daß man Sie bis zur Berufungsverhandlung auf freien Fuß setzen würde. Zweitens haben Sie sich schuldig bekannt, was die Möglichkeiten einengt, den Berufungsantrag zu begründen. Außerdem haben Sie Ihre Strafe wahrscheinlich schon verbüßt, ehe es zur Berufungsverhandlung kommt.«