Das war kein Strohhalm, den die Gewerkschaft da in die Waagschale geworfen hatte, sondern eine ganze Fuhre Ziegelsteine, und die gab den Ausschlag.
Banken - alle Banken - fürchteten, ja, haßten die Gewerkschaften. Die führenden Banker betrachteten die Gewerkschaften mit den gleichen Gefühlen, die eine Schlange beim Anblick eines Mungo bewegen mochten. Nisteten die Gewerkschaften sich ein, werde ihre wirtschaftliche Handlungsfreiheit gefährdet sein, meinten die Banker. Das waren manchmal irrationale Ängste, aber sie existierten.
Obwohl die Gewerkschaften oft genug einen Anlauf unternommen hatten, so waren sie doch bei den Bankangestellten in den seltensten Fällen vorangekommen. Immer wieder war es den Bankern geschickt gelungen, die Gewerkschafts-Organisatoren zu überlisten, und so wollten sie es unbedingt auch weiterhin halten. Gab die Situation in Forum East den Gewerkschaften einen wirksamen Hebel in die Hand, dann mußte der Hebel beseitigt werden. Jerome Patterton, der schon zu früher Stunde in seinem Büro war und der mit ungewohnter Eile handelte, traf die letzte Entscheidung und genehmigte die Wiederaufnahme der Forum East-Finanzierung. Gleichzeitig billigte er die Erklärung der Bank, die Dick French dann in aller Eile veröffentlichte.
Danach zog Patterton, um seine Nerven zu beruhigen, sich vollständig von der Außenwelt zurück und übte kurze, schnelle Golfschläge auf dem Teppich seines Arbeitszimmers.
Im Laufe des Vormittags wurde die Wiedereröffnung der Kredite auf einer vorwiegend informellen Sitzung des finanzpolitischen Ausschusses zu Protokoll genommen, wobei Roscoe Heyward grollend sagte: »Mit dieser Kapitulation haben wir einen Präzedenzfall geschaffen, den wir noch bitter bereuen werden.«
Alex Vandervoort schwieg.
Als die Erklärung der FMA den Forum East-Anhängern bei beiden Bankfilialen verlesen wurde, gab es lauten Beifall, wonach die versammelten Gruppen ruhig auseinandergingen. Binnen einer halben Stunde verliefen die Geschäfte in beiden Filialen wieder normal.
Damit hätte die Sache beendet sein können, wenn es nicht ein Informationsleck gegeben hätte, das, in der Rückschau betrachtet, vielleicht unweigerlich kommen mußte. Dieses Leck bot Stoff für einen Zeitungskommentar, der in der Spalte »Mit dem Ohr am Boden« erschien, in derselben Klatschspalte also, die ursprünglich die ganze Angelegenheit an die Öffentlichkeit gebracht hatte.
Haben Sie sich nicht auch schon gefragt, wer eigentlich in Wahrheit hinter den Leuten aus Forum East steckte, die in dieser Woche die stolze und mächtige First Mercantile American Bank in die Knie gezwungen haben? Wir können es Ihnen verraten. Es war die Bürgerrechts-Anwältin und Frauenrechtlerin Margot Bracken - berühmt geworden durch das Toiletten-Sit-in vom Flughafen und andere Schlachten, geschlagen für die Armen und Getretenen. Obwohl auch das »Bank-in« ihre Idee war und sie die Organisatorin des Ganzen war, zog es Miss Bracken diesmal vor, im Hintergrund zu bleiben. Sie schickte andere an die Front und ging der Presse, die sonst ihre Verbündete ist, strikt aus dem Weg. Finden Sie das nicht auch verwunderlich?
Aber Sie brauchen sich nicht länger zu wundern. Margots großer und guter Freund, mit dem sie oft und überall gesehen wird, ist kein Geringerer als Swinging Banker Alexander Vandervoort, Direktor und Vize der First Merc. Am. Angenommen, Sie steckten in Margots eleganten Stiefeln und hätten die Verbindung am Kochen, würden Sie sich dann nicht auch unsichtbar machen?
Aber eins würde uns doch interessieren: Wußte Alex von der Belagerung seines eigenen Ladens, und fand er die Idee gut?
5
»Verdammt, Alex«, sagte Margot, »es tut mir scheußlich leid.«
»Daß es so geschehen mußte, mir auch.«
»Diesem Stinktier von einem Kolumnisten könnte ich die Haut bei lebendigem Leibe abziehen. Der einzige Trost dabei ist, daß er meine Verwandtschaft mit Edwina nicht auch noch erwähnt hat.«
»Davon wissen die meisten Leute nichts«, sagte Alex, »nicht mal in der Bank. Außerdem sind Liebende spannender als Kusinen.«
Es war kurz vor Mitternacht. Sie waren in Alex' Apartment, und es war ihre erste Begegnung seit Beginn der Belagerung der FMA-Cityfiliale. Die Kolumne »Mit dem Ohr am Boden« war am Vortag erschienen.
Margot war erst vor ein paar Minuten gekommen, nachdem sie einen Mandanten in einer Nachtsitzung des Schnellgerichts vertreten hatte - ihr Schützling war ein wohlhabender Gewohnheitstrinker, dessen Angewohnheit, im Suff auf jeden loszugehen, ihn zu einer ihrer wenigen regelmäßigen Einnahmequellen machte.
»Der Kolumnist hat nur seinen Job getan«, sagte Alex. »Und dein Name wäre irgendwann doch ans Licht gekommen.«
Schuldbewußt sagte sie: »Ich habe alles versucht, um das zu verhindern. Nur ein paar Leute wußten, was ich vorhatte, und so sollte es bleiben.«
Er schüttelte den Kopf. »Die Chance war gleich Null. Heute morgen hat Nolan Wainwright zu mir gesagt - und zwar wörtlich: >Der Scherz trug Margot Brackens Handschrift.< Und Nolan hatte schon angefangen, Leute auszufragen. Er war früher bei der Kriminalpolizei, weißt du. Irgend jemand hätte bestimmt aus der Schule geplaudert, wenn die Zeitung nicht damit herausgekommen wäre.«
»Aber sie hätten deinen Namen nicht mit hineinzuziehen brauchen.«
»Wenn ich ehrlich sein will« - Alex lächelte -, »mir hat das mit dem >Swinging Banker« ganz gut gefallen.«
Aber es war ein gequältes Lächeln, und er spürte, daß Margot es wußte. Die Zeitungsnotiz hatte ihn in Wirklichkeit tief getroffen. Auch jetzt, in der Nacht, war er immer noch deprimiert, obwohl er sich sehr gefreut hatte, als Margot vorhin angerufen und gesagt hatte, daß sie auf dem Weg zu ihm sei.
»Hast du heute mit Edwina gesprochen?« erkundigte er sich.
»Ich hab' sie angerufen. Sie wirkte keineswegs sonderlich erregt. Ich glaube, wir haben uns längst aneinander gewöhnt. Außerdem ist sie froh, daß Forum East wieder auf die Schienen gestellt ist - und zwar ganz. Das muß dich doch auch freuen.«
»Was ich von dem Thema halte, weißt du ja. Aber das heißt noch längst nicht, daß ich deine zwielichtigen Methoden gutheiße, Bracken.«
Das war im Ton schärfer ausgefallen, als er beabsichtigt hatte. Margot reagierte prompt. »Was ich oder meine Leute getan haben, daran war gar nichts zwielichtig - was man von deiner gottverdammten Bank nicht gerade behaupten kann.«
Er hob abwehrend die Hand. »Komm, wir wollen uns nicht streiten. Nicht heute abend.«
»Dann sag so was auch nicht.«
»Ich tu's nicht wieder.«
In beiden war der momentane Zorn verraucht.
Nachdenklich sagte Margot: »Mal ehrlich, als die Sache losging, ist dir da nie der Gedanke gekommen, daß ich was damit zu tun haben könnte?«
»Ja. Einmal, weil ich dich kenne, und dann fiel mir ein, wie merkwürdig zurückhaltend du zum Thema Forum East gewesen bist, als ich darauf gefaßt war, daß du mich - und die FMA - in Stücke reißen würdest.«
»Hat das für dich die Sache erschwert - ich meine, während das Bank-in im Gange war?«
Er nickte. »Doch, ja. Ich war mir nicht sicher, ob ich den anderen etwas von meiner Vermutung sagen sollte oder nicht. Aber da es auch nichts an den Dingen geändert hätte, habe ich den Mund gehalten. Jetzt zeigt sich, daß es falsch war.«