Выбрать главу

Er hatte zunächst gar nicht gut geschlafen. Im Laufe des vergangenen Abends in G. G. Quartermains Herrenhaus auf den Bahamas war es deutlich geworden, daß Avril, der schlanke, schöne Rotschopf, Roscoe Heyward in jeder von ihm gewünschten Weise zur Verfügung stand. Das ging klar aus den Anspielungen der anderen hervor sowie aus Avrils Verhalten, die ihm im Laufe des Tages und mehr noch mit Fortschreiten des Abends immer näher rückte. Keine Gelegenheit ließ sie ungenutzt, sich Heyward zuzuneigen, so daß ihr weiches Haar sein Gesicht streifte, oder sonst unter irgendeinem Vorwand körperlichen Kontakt zu ihm herzustellen. Er ermutigte sie zwar nicht bei ihren Avancen, erhob aber auch keinerlei Einwand.

Ebenso deutlich war es, daß die üppige Krista Byron Stonebridge zur Verfügung stand und Rhetta, die atemberaubende Blondine, Harold Austin.

Die exquisit schöne Japanerin Mondstrahl war selten mehr als ein paar Schritte von der Seite G. G. Quartermains entfernt.

Quartermains Besitztum, eines der sechs, die dem Vorsitzenden von Supranational in verschiedenen Ländern gehörten, lag auf dem Prospero Ridge, hoch über der Stadt Nassau. Man hatte von dort aus einen herrlichen Blick über Land und Meer. Das Haus stand inmitten eines sorgsam gepflegten Parks hinter hohen Steinmauern. Heywards Zimmer im ersten Stock, in das ihn Avril nach ihrer Ankunft geführt hatte, bot einen weiten Blick über dieses Panorama. Durch die Bäume konnte man von dem Zimmer auch das Haus eines Nachbarn sehen - des Premierministers, dessen Ruhe und Ungestörtheit von patrouillierenden Beamten der Royal Bahamas Police geschützt wurden.

Am späten Nachmittag gab es Cocktails an einem kolonnadenum säumten Schwimmbad. Es folgte das Abendessen, das bei Kerzenschein im Freien auf einer Terrasse serviert wurde. Dieses Mal saßen die Mädchen, die sich ihrer Uniformen entledigt hatten und im Abendkleid erschienen waren, zusammen mit den Männern am Tisch. Kellner mit weißen Handschuhen warteten im Hintergrund und bedienten aufmerksam, während zwei herumwandernde Spieler für Musik sorgten. Es herrschte eine gesellige Stimmung, und die Unterhaltung war lebhaft und freundschaftlich.

Nach dem Abendessen entschieden sich Vizepräsident Stonebridge und Krista dafür, im Haus zu bleiben; die anderen stiegen in drei Rolls-Royces ein - es waren dieselben Wagen, die sie vom Flughafen abgeholt hatten - und ließen sich zum Spielkasino Paradise Island fahren. Dort setzte Big George erhebliche Summen, und er schien zu gewinnen. Austin beteiligte sich maßvoll, Roscoe Heyward überhaupt nicht. Heyward mißbilligte das Glücksspiel, hörte jedoch mit Interesse zu, als Avril ihm die feineren Raffinessen beim Chemin de fer, Roulette und Blackjack erklärte. Das alles war ihm neu. Wegen des Gesprächslärms, der hier herrschte, mußte Avril sich beim Sprechen dicht zu Heywards Ohr vorbeugen, und es war ihm, wie auch schon im Flugzeug, keineswegs unangenehm.

Doch dann begann sein Körper, Avril mit beunruhigender Plötzlichkeit stärker zur Kenntnis zu nehmen, so daß es ihm zunehmend schwerer fiel, Gedanken und Wünsche von sich zu weisen, die er längst als tadelnswert erkannt hatte. Er spürte, daß Avril seinen inneren Kampf bemerkt hatte und ihn amüsiert verfolgte, und das trug nicht zum Erhalt seines inneren Gleichgewichts bei. Schließlich gelang es ihm dann an seiner Schlafzimmertür, zu der sie ihn um 2.00 Uhr früh begleitet hatte, nur mit äußerster Willensanstrengung - besonders, als sie eine Bereitschaft zum Verweilen zu erkennen gab -, sie nicht hereinzubitten.

Bevor Avril sich in ihr eigenes Zimmer zurückzog - wo immer es sich befinden mochte -, warf sie ihr rotes Haar mit einer eleganten Kopfbewegung zurück und sagte lächelnd: »Am Bett ist ein Sprechgerät. Wenn Sie irgend etwas wünschen, drücken Sie Taste Nummer sieben, und ich komme.« Dieses Mal bestand nicht der geringste Zweifel, was sie mit diesem »irgend etwas« gemeint hatte. Und die Nummer sieben, so schien es, war die Chiffre für Avril, ganz gleich, wo sie gerade war.

Unerklärlicherweise war seine Stimme plötzlich schwer, und seine Zunge schien zu Übergröße geschwollen, als er etwas Aber selbst dann war sein innerer Widerstreit noch nicht vorüber. Beim Auskleiden kehrten seine Gedanken zu Avril zurück, und zu seinem Ärger sah er, daß sein Körper seinen Willensentschluß ignorierte. Es war schon lange her, seit so etwas unaufgefordert geschehen war.

Er war dann auf die Knie gefallen und hatte zu Gott gebetet, ihn vor der Sünde und der Versuchung zu bewahren. Und nach einer Weile, so schien es, wurde sein Gebet erhört. Sein Körper erschlaffte vor Müdigkeit. Doch er schlief erst sehr viel später ein.

Als sie jetzt mit dem Karren weiterfuhren, sagte Big George plötzlich: »Hören Sie, alter Junge, wenn Sie wollen, schicke ich Ihnen heute nacht mal Mondstrahl rüber. Sie werden's nicht glauben, was für Tricks die kleine Lotusblume kennt.«

Heywards Gesicht lief rot an. Er beschloß, fest zu bleiben. »George, ich bin sehr gern hier bei Ihnen, und an Ihrer Freundschaft liegt mir viel. Aber das ändert nichts daran, daß wir auf gewissen Gebieten doch recht unterschiedliche Vorstellungen haben.«

Das Gesicht des großen Mannes erstarrte. »Auf welchen Gebieten?«

»Nun, zum Beispiel auf moralischen.«

Big George dachte nach, und sein Gesicht war noch immer wie eine Maske. Plötzlich lachte er laut auf. »Moral - was ist denn das?« Er stoppte den Karren, während The Hon. Harold sich links von ihnen zu einem Schlag bereitmachte. »Okay, Roscoe, jeder nach seiner Fasson. Aber sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie sich anders besinnen.«

Trotz der Festigkeit seines Entschlusses ertappte sich Heyward im Laufe der nächsten beiden Stunden immer wieder dabei, daß seine Phantasie sich mit dem zerbrechlichen und verführerischen Mädchen aus Japan beschäftigte.

Am Ende von neun Löchern griff Big George am Erfrischungsstand des Platzes sein Streitgespräch vom fünften Loch mit Byron Stonebridge wieder auf.

»Die US-Regierung und andere Regierungen«, erklärte Big George, »werden von Männern geführt, die wirtschaftliche Grundsätze nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Das ist der Grund dafür - und zwar der einzige Grund -, daß wir eine galoppierende Inflation haben. Deshalb kracht das Geldsystem der Welt zusammen. Deshalb kann alles, was mit Geld zusammenhängt, immer nur noch schlimmer werden.«

»Da muß ich Ihnen zumindest teilweise recht geben«, erwiderte Stonebridge. »Wenn man sieht, wie der Kongreß mit vollen Händen das Geld ausgibt, könnte man glauben, daß es unbegrenzte Mengen davon gibt. Wir haben angeblich vernünftige Leute im Repräsentantenhaus und im Senat, aber die scheinen zu glauben, daß man für jeden hereinkommenden Dollar in aller Seelenruhe vier oder fünf ausgeben darf.«

Voller Ungeduld sagte Big George: »Das weiß doch jeder Geschäftsmann. Und zwar seit einer Generation. Die Frage lautet nicht, ob die amerikanische Wirtschaft zusammenbrechen wird, sie lautet nur noch: wann?«

»Ich bin nicht davon überzeugt, daß das unausweichlich ist. Wir könnten den Zusammenbruch immer noch abwenden.«

»Wir könnten es, aber wir werden's nicht tun. Der Sozialismus - und das heißt, Geld ausgeben, das man nicht hat und nie haben wird - ist zu tief verwurzelt. Es kommt also mal der Tag, an dem die Regierung keinen Kredit mehr hat. Dummköpfe glauben, das könne nie passieren. Aber es wird passieren.«

Der Vizepräsident seufzte. »Öffentlich würde ich das bestreiten. Hier aber, im Vertrauen und ganz unter uns, kann ich es nicht.«

»Der Ablauf der Ereignisse«, sagte Big George, »ist ganz leicht vorherzusagen. Es wird sich im großen und ganzen ähnlich abspielen wie in Chile. Viele Leute hier glauben, daß in Chile alles ganz anders war und daß Chile sowieso weit weg ist. Das stimmt nicht. Es war in kleinem Maßstab das Modell für die USA - und für Kanada und Großbritannien.«

The Hon. Harold sagte nachdenklich: »Ich teile Ihre Meinung, was den Ablauf betrifft. Erst die Demokratie - solide, von der ganzen Welt anerkannt, leistungsfähig. Dann folgt der Sozialismus, zurückhaltend zu Anfang, aber bald immer deutlicher. Wilde Geldausgaben, bis nichts mehr da ist. Danach dann der wirtschaftliche Ruin, Anarchie, Diktatur.«