Besonders spannend fand LaRocca Miles' Erzählungen über gewaltige Geldfälschungen, begangen von Regierungen. Gefälscht wurde das Geld eines anderen Landes. »Das waren schon immer die größten Fälschungen von allen«, erzählte Miles eines Tages einem aufmerksam lauschenden Publikum von einem halben Dutzend Männern.
Er beschrieb, wie die britische Regierung die Fälschung großer Mengen von Assignaten genehmigt hatte, um die Französische Revolution zu unterminieren. Das geschah trotz der Tatsache, daß das gleiche Verbrechen, begangen von einzelnen Menschen und nicht vom Staat, in England bis zum Jahre 1821 mit dem Tode durch Erhängen bestraft wurde. Die amerikanische Revolution begann mit offizieller Fälschung britischer Banknoten. Das größte Fälschungsunternehmen von allen aber, fuhr Miles fort, ereignete sich im Zweiten Weltkrieg, als die Deutschen 140 Millionen britische Pfund sowie unbekannte Mengen amerikanischer Dollars fälschten, und zwar in bester Qualität. Die Briten ihrerseits druckten deutsches Geld, und es gibt Gerüchte, daß auch die meisten anderen Alliierten es taten.
»Wasde nich' sagst!« staunte LaRocca. »Und das sind die Schweine, die uns hier einsperr'n. Kannste Gift drauf nehmen, die machen so was auch heute noch.«
LaRocca wußte den Abglanz wohl zu schätzen, der durch Miles' Wissen auch auf ihn selbst fiel. Und er sorgte dafür, daß Miles erfuhr, daß durch ihn etliches von diesen Kenntnissen seinen Weg in die Mafiastraße fand.
»Ich und andre werden sich draußen um dich kümmern«, versprach er eines Tages. Miles wußte schon, daß man ihn möglicherweise etwa zur gleichen Zeit aus dem Gefängnis entlassen würde wie LaRocca.
Über Geld zu reden, das war für Miles so etwas wie ein geistiger Urlaub, der ihn, wenn auch nur für kurze Zeit, die Schrecken der Gegenwart vergessen ließ. Er sollte wohl auch, meinte er, Erleichterung darüber empfinden, daß die Kredituhr angehalten war. Aber weder das Reden noch das Denken an andere Dinge vermochten ihn länger als ein paar Minuten aus seinem Elend zu befreien, aus seinem Ekel vor sich selbst. Er begann an Selbstmord zu denken.
Sein Verhältnis mit Karl war der Herd seines Ekels vor sich selbst. Der große Mann hatte erklärt, was er wollte: »Deinen hübschen weißen Arsch, Baby. Deinen Körper für mich allein. Immer, wenn ich ihn brauche.« Seit ihrer Abmachung hatte er diese Ankündigung wahrgemacht mit einem Appetit, der unersättlich schien.
Zu Anfang versuchte Miles, sich geistig zu betäuben. Er hielt sich vor, daß das, was hier geschah, der Massenvergewaltigung vorzuziehen sei, und das war es tatsächlich - wegen der instinktiven Zartheit Karls. Aber der Ekel blieb, und die Betäubung vertrieb das Bewußtsein nicht.
Schlimmer aber war, was sich seither entwickelt hatte.
Nicht einmal sich selbst gegenüber wagte Miles es sich einzugestehen, aber die Tatsache blieb: Er begann das, was zwischen ihm und Karl geschah, zu genießen. Außerdem betrachtete Miles seinen Beschützer mit neuen Gefühlen... Zuneigung? Ja... Liebe? Nein... Er wagte es für den Augenblick nicht, so weit zu gehen.
Diese Erkenntnisse zerschmetterten ihn. Doch er folgte neuen Vorschlägen, die Karl machte, selbst wenn sie dazu führten, daß Miles' homosexuelle Rolle dadurch deutlicher wurde.
Nach jedem solchen Geschehnis überfielen ihn Fragen. War er noch ein Mann? Er wußte, daß er vorher einer gewesen war. Aber jetzt war er nicht mehr sicher. War er total pervertiert? War das die Art, wie so etwas vor sich ging? Konnte es später eine Umkehr geben, eine Rückkehr zur Normalität, ein Auslöschen des Probierens, des Genießens, das hier und jetzt geschah? Gab es diese Umkehr nicht, war das Leben dann lebenswert? Wahrscheinlich nicht.
Bei diesen Gedanken übermannte ihn die Verzweiflung, aus der es nur einen logischen Ausweg gab: den Selbstmord - als Heilmittel, als Ende, als Erlösung. Es war schwierig im überfüllten Gefängnis, aber es ließ sich machen - durch Erhängen. Fünfmal seit Miles' Einlieferung hatte er den Schrei »Aufgehängt!« gehört - gewöhnlich in der Nacht -, und dann waren Beamte herbeigestürmt wie ein Stoßtrupp, fluchend, Hebel herumwerfend, um Stockwerke aufzuschließen, eine Zelle »aufknackend«, hineinstürzend, um einen Selbstmörder abzuschneiden, bevor er starb. An drei von den fünf Malen waren sie, angespornt vom rauhen Gegröle der Gefangenen und ihrem Gelächter, zu spät gekommen. Unmittelbar danach wurden jedes Mal die nächtlichen Streifen verstärkt, denn Fälle von Selbstmord waren für das Gefängnis unangenehm, aber die Wachsamkeit ließ meistens bald wieder nach.
Miles wußte, wie man es machte. Man ließ ein Stück Laken oder Decke sich mit Wasser vollsaugen, damit das Material nicht riß - darauf zu urinieren, war leiser -, dann befestigte man es an einem Deckenträger, den man von der obersten Pritsche erreichen konnte. Das Ganze mußte lautlos geschehen, während die anderen in der Zelle schliefen...
Am Ende hielt eins ihn zurück, nur dieses eine. Kein anderer Faktor bewirkte Miles' Entschluß durchzuhalten.
Er wollte, sobald er seine Zeit abgesessen hatte, Juanita Nünez sagen, daß es ihm leid tat.
Die Reue, die Miles Eastin bei seiner Verurteilung empfand, war echt gewesen. Er hatte bereut, die First Mercantile American Bank, wo man ihn anständig behandelt hatte, bestohlen und es ihr so unanständig vergolten zu haben. Rückschauend fragte er sich, wie er es eigentlich fertiggebracht hatte, sein Gewissen einfach zu ersticken.
Wenn er jetzt darüber nachdachte, schien es ihm manchmal, als habe ein Fieber ihn besessen. Das Wetten, die Großmannssucht im Umgang mit anderen, die Sportveranstaltungen, das Leben über seine Verhältnisse, der Wahnsinn, von einem Kredithai Geld zu nehmen, und das Stehlen - das alles erschien ihm jetzt wie die irrsinnig falsch zusammengefügten Teile eines fiebernden Gehirns. Er hatte den Kontakt zur Wirklichkeit verloren, und wie bei einem Fieber in fortgeschrittenem Stadium hatte sein Geist sich verzerrt, bis Anstand und sittliche Maßstäbe ganz verschwunden waren.
Wie sonst, das fragte er sich tausendmal, hätte er sich wohl so tief erniedrigen, wie sonst hätte er sich eine solche Schurkerei zuschulden kommen lassen können wie die Ungeheuerlichkeit, den Verdacht wissentlich auf Juanita Nünez zu lenken?
Während des Prozesses hatte er sich so geschämt, daß er es nicht hatte ertragen können, zu Juanita hinüberzuschauen.
Jetzt, nach sechs Monaten, grämte Miles sich weniger wegen der Bank. Er hatte der FMA unrecht getan, aber hier im Gefängnis zahlte er seine Schuld voll zurück. Bei Gott, und wie er gezahlt hatte!
Aber nicht einmal Drummonburg mit seiner ganzen Scheußlichkeit konnte wettmachen, was er Juanita angetan hatte. Nichts konnte das. Und aus diesem Grunde mußte er zu ihr, mußte sie um Verzeihung bitten.
Um das tun zu können, mußte er leben. Und deshalb hielt er durch.
10
»First Mercantile American Bank«, sagte der FMA-Geldhändler mit schnarrender Stimme; er hielt den Hörer geübt zwischen Schulter und linkem Ohr eingeklemmt, so daß er die Hände frei hatte. »Ich nehme sechs Millionen Dollar über Nacht. Ihr Satz?«
An der kalifornischen Westküste sagte ein Geldhändler der riesigen Bank of America mit gedehnter Stimme: »Dreizehn und fünf Achtel.«
»Ziemlich viel«, sagte der FMA-Mann.
»Geizkragen.«
Der FMA-Händler zögerte. Er versuchte zu raten, was der andere dachte; wohin gingen die Sätze? Gewohnheitsmäßig verschloß er die Ohren vor dem monotonen Stimmengewirr in der Geldhandels-Zentrale der First Mercantile American -einem empfindlichen und streng bewachten Nerv in der Zentrale der FMA, von dem nur wenige Kunden der Bank etwas ahnten und den nur ein paar Bevorzugte je zu sehen bekamen. Aber in Zentren wie diesem wird ein großer Teil des Bankgewinns gemacht - oder verspielt.