Bilanzierungsvorschriften zwangen die Bank, bestimmte Barsummen für den Fall möglicher Forderungen zu halten, aber keine Bank wollte zuviel nicht arbeitendes Geld oder zu wenig. Die Geldhändler der Bank hielten die Beträge im Gleichgewicht.
»Bleiben Sie bitte dran«, sagte der FMA-Händler zu San Francisco. Er drückte die Speichertaste auf seiner Telefonkonsole und dann eine andere Taste dicht daneben.
Eine neue Stimme meldete sich: »Manufacturers Hanover Trust, New York.«
»Ich brauche sechs Millionen Tagesgeld. Wie ist Ihr Satz?«
»Dreizehn und drei Viertel.«
An der Ostküste stieg der Preis.
»Besten Dank, nein.« Der FMA-Händler trennte die Verbindung mit New York und ließ die Speichertaste wieder ausrasten, unter der San Francisco wartete. »Ich nehme.«
»Sechs Millionen zu dreizehn und fünf Achtel an Sie geben«, sagte Bank of America.
»Gemacht.«
Der Abschluß hatte zwanzig Sekunden erfordert. Es war einer von Tausenden, die täglich zwischen konkurrierenden Banken getätigt wurden. Scharfsinn und Nerven lagen hier im Wettkampf, und es ging um siebenstellige Einsätze. Die Geldhändler der Banken waren ausnahmslos junge Männer in den Dreißigern - intelligent und ehrgeizig, schnelldenkend und auch unter Streß nicht aus der Fassung zu bringen. Erfolg im Geldhandel förderte die Karriere eines jungen Mannes, Fehler konnten sie allerdings beenden. Diese ständige Spannung bewirkte, daß drei Jahre am Geldhandelstisch als Maximum galten. Danach machte sich die Belastung bemerkbar.
In diesem Augenblick wurde die neueste Transaktion in San Francisco und bei der First Mercantile American verbucht, einem Computer eingegeben, dann der Bundes-Reserve-Bank mitgeteilt. Dort wurde die Bank of America für die nächsten vierundzwanzig Stunden mit sechs Millionen Dollar belastet, der FMA wurde die gleiche Summe gutgeschrieben. Die FMA zahlte der Bank of America für die Nutzung ihres Geldes während dieser Zeit Zinsen.
Überall im ganzen Land fanden ähnliche Transaktionen zwischen anderen Banken statt.
Es war ein Mittwoch, Mitte April.
Alex Vandervoort, der der Geldhandelszentrale, Teil seines Aufgabengebietes in der Bank, gerade einen Besuch abstattete, nickte dem Händler zu, der auf einer erhöhten Plattform saß, umgeben von Assistenten, die Informationen weitergaben und Schreibarbeiten erledigten. Der junge Mann, schon bis über beide Ohren in einem anderen Geschäft, erwiderte den Gruß mit einer Handbewegung und einem gutgelaunten Lächeln.
An anderen Schreibtischen im Raum - der die Größe eines Hörsaals hatte und Ähnlichkeiten mit dem Kontrollzentrum eines großen Flughafens aufwies - saßen andere Händler in Wertpapieren und Obligationen, flankiert von Helfern, Buchhaltern und Sekretärinnen. Alle waren damit beschäftigt, das Geld der Bank einzusetzen - zu verleihen und zu borgen, zu investieren, zu verkaufen, zu reinvestieren.
Hinter den Händlern arbeiteten sechs Finanzkontrolleure an größeren, luxuriöseren Schreibtischen.
Händler und Kontrolleure hatten eine riesige Tafel vor Augen, die sich über die ganze Längswand des Handelszentrums erstreckte und Kursnotierungen, Zinssätze und andere Informationen enthielt. Die ferngesteuerten Zahlen auf der Tafel wechselten ständig.
Ein Effektenhändler, dessen Schreibtisch in Alex' Nähe stand, erhob sich und teilte mit lauter Stimme mit: »Ford und United Auto Workers geben einen Tarifvertrag mit zweijähriger Laufzeit bekannt.« Mehrere andere Händler griffen nach ihrem Telefon. Wichtige Nachrichten aus Industrie und Politik wurden wegen ihrer sofortigen Auswirkung auf Effektenkurse stets auf diese Weise von demjenigen im Raum, der sie zuerst erfuhr, den anderen mitgeteilt.
Sekunden später erlosch ein grünes Licht über der Tafel, ein gelbes Blinklicht blitzte auf. Das war das Signal für die Händler, nicht abzuschließen, weil neue Notierungen hereinkamen, die sich vermutlich aus der Tarifvereinbarung in der Autoindustrie ergaben. Ein rotes Blinklicht, das selten aufleuchtete, hieß: Katastrophenwarnung.
Doch der Tisch des Geldhändlers, dessen Arbeit Alex beobachtet hatte, blieb der Angelpunkt.
Eine Bundesvorschrift verlangte, daß die Banken siebzehneinhalb Prozent ihrer Sichteinlagen in flüssigen Mitteln verfügbar hielten. Die Strafen für Verstöße waren streng. Aber große Summen auch nur einen Tag lang nicht anzulegen, bedeutete ein schlechtes Geschäft für die Bank.
Deshalb registrierten die Banken laufend alle hereinkommenden und hinausgehenden Gelder. Eine zentrale Kassenabteilung hielt den Finger auf dem Geldstrom wie der Arzt auf dem Puls. Überstiegen die Einlagen einer Bankorganisation wie etwa der First Mercantile American die Erwartungen, verlieh die Bank - durch ihren Geldhändler -sofort überschüssige Mittel an andere Banken, deren Reserven sich vielleicht gerade der Mindestgrenze näherten. Hoben umgekehrt die Kunden ungewöhnlich viel ab, borgte sich die FMA Geld.
Die Situation änderte sich von Stunde zu Stunde, so daß eine Bank, die am Morgen Geld verlieh, es am Mittag vielleicht borgen mußte, vor Geschäftsschluß aber schon wieder Verleiher sein konnte. Auf diese Weise setzte eine Großbank an einem Tag oft mehr als eine Milliarde Dollar um.
Zwei andere Dinge ließen sich - man hörte es immer wieder -über das System sagen. Erstens waren die Banken gewöhnlich schneller dabei, für sich selbst Geld zu verdienen als für ihre Kunden. Zweitens erzielten Banken für sich selbst sehr viel höhere Erträge als für Außenstehende, die ihnen ihr Geld anvertrauten.
Alex Vandervoort war in die Geldhandelszentrale gekommen, um, wie er es oft tat, den Geldfluß zu beobachten. Aber es gab auch noch einen weiteren Grund: Gewisse Entwicklungen in den letzten Wochen gefielen ihm nicht sehr, und er wollte sich mit jemandem über diese Dinge aussprechen.
Er stand mit Tom Straughan zusammen, Vizepräsident und wie er selbst Mitglied des finanzpolitischen Ausschusses der FMA. Straughans Büro befand sich gleich nebenan. Zusammen mit Alex hatte er die Geldhandelszentrale betreten. Es war derselbe junge Straughan, der sich im Januar gegen eine Verringerung der Mittel für Forum East ausgesprochen hatte, nun aber den vorgeschlagenen Kredit an die Supranational Corporation begrüßte.
Sie sprachen jetzt über Supranational.
»Sie machen sich unnötige Sorgen, Alex«, sagte Tom Straughan hartnäckig. »SuNatCo ist mit überhaupt keinem Risiko verknüpft und wird uns außerdem nützen. Davon bin ich überzeugt.«
Alex sagte voller Ungeduld: »Kein Risiko, das gibt es nicht. Übrigens geht es mir weniger um Supranational als um die Hähne, die wir anderswo werden zudrehen müssen.«
Beide Männer wußten, auf welche Hähne innerhalb der First Mercantile American Alex anspielte. Vor ein paar Tagen war den Mitgliedern des finanzpolitischen Ausschusses eine Denkschrift mit Vorschlägen zugestellt worden, die Roscoe Heyward entworfen und der Präsident der Bank, Jerome Patterton, genehmigt hatte. Um die Supranational-Kreditlinie in Höhe von fünfzig Millionen Dollar zu ermöglichen, wurde vorgeschlagen, Kleinkredite, Hypotheken und die Finanzierung von Kommunalobligationen drastisch einzuschränken.
»Wenn der Kredit durchgeht und wir die Einschränkungen machen«, argumentierte Tom Straughan, »dann wird das nur eine befristete Angelegenheit sein. In drei Monaten, vielleicht schon früher, können wir unsere Finanzierungen wieder auf den alten Stand bringen.«
»Wenn Sie das glauben, Tom - ich jedenfalls glaube es nicht.«