Alex war schon in gedrückter Stimmung gekommen; das Gespräch mit dem jungen Straughan deprimierte ihn noch mehr.
Die Vorschläge von Heyward und Patterton liefen nicht nur Alex' Überzeugungen zuwider, sondern auch seinen finanziellen Instinkten. Es war seiner Meinung nach unrecht, so erhebliche Mittel der Bank auf Kosten ihrer öffentlichen Pflichten in einen einzigen Industriekredit zu leiten, auch wenn die Industriefinanzierung weit ertragreicher war. Aber selbst vom rein geschäftlichen Standpunkt aus erfüllte ihn das Ausmaß des Supranational-Engagements der Bank - durch SuNatCo-Töchter - mit Unbehagen.
Er wußte, daß er sich in diesem letzten Punkt auf einsamem Posten befand. Alle anderen Mitglieder des Spitzenmanagements der Bank waren begeistert über die neue Supranational-Verbindung, und man hatte Roscoe Heyward zu dieser Leistung überschwenglich gratuliert. Doch das Unbehagen in Alex wollte nicht weichen, wenn er auch nicht sagen konnte, warum. Ganz gewiß schien Supranational finanziell solide zu sein; die Bilanzen wiesen das gigantische Konglomerat als wirtschaftlich kerngesund aus. Und an Prestige rangierte SuNatCo Seite an Seite mit Gesellschaften wie General Motors, IBM, Exxon, Du Pont und U.S. Steel.
Vielleicht, dachte Alex, entsprangen seine Zweifel und seine Niedergeschlagenheit seinem eigenen schwindenden Einfluß innerhalb der Bank. Und er war im Schwinden begriffen. Das war in den letzten Wochen deutlich geworden.
Im Gegensatz dazu stieg Roscoe Heywards Stern steil auf. Er besaß Ohr und Vertrauen Pattertons, ein Vertrauen, das durch den strahlenden Erfolg von Heywards zweitägigem Aufenthalt bei George Quartermain auf den Bahamas noch gestärkt worden war. Alex' eigene Vorbehalte gegenüber diesem Erfolg wurden, wie er wußte, als schlecht verhohlene Mißgunst gedeutet.
Alex spürte auch, daß er seinen persönlichen Einfluß auf Straughan und andere verloren hatte, die sich früher zu seiner Gefolgschaft gezählt hatten.
»Sie müssen doch zugeben«, sagte Straughan jetzt, »daß das Supranational-Geschäft Zucker ist. Haben Sie schon gehört, daß Roscoe sie auf ein Ausgleichskonto von zehn Prozent festgelegt hat? «
Ein Ausgleichskonto war ein Arrangement, auf das sich Banken und Kreditnehmer in harten Verhandlungen zu einigen pflegten. Die Bank bestand darauf, daß ein bestimmter Teil jedes Kredits auf ein Kontokorrentkonto eingezahlt wurde, wo das Geld dem Kontoinhaber keine Zinsen einbrachte, der Bank aber zu eigenen Zwecken und Investierungen zur Verfügung stand. Dem Kreditnehmer stand also sein Kredit nicht in voller Höhe zur Verfügung, so daß der wahre Zinssatz wesentlich höher war als der angegebene. Im Falle von Supranational würden, wie Tom Straughan hervorgehoben hatte, fünf Millionen Dollar auf neuen SuNatCo-Girokonten bleiben - sehr zum Vorteil für die FMA.
»Ich nehme doch wohl an«, sagte Alex mit angespannter Stimme, »daß Ihnen die Kehrseite dieses großartigen Geschäfts nicht verborgen geblieben ist.«
Tom Straughan war anzumerken, daß ihm etwas unbehaglich zumute war. »Man hat mir gesagt, daß es eine Abmachung gibt. Ob man das aber als Kehrseite bezeichnen soll...«
»Verdammt noch mal, das ist es aber! Wir wissen beide, daß Roscoe sich auf Drängen von SuNatCo damit einverstanden erklärt hat, daß unsere Treuhandabteilung erheblich in Supranational- Stammaktien investiert.«
»Und wenn sie es tut, schriftlich ist das nirgendwo festgelegt.«
»Natürlich nicht. So dumm wird niemand sein.« Alex sah den jüngeren Mann scharf an. »Sie haben Zugang zu den Zahlen. Wieviel haben wir bis jetzt schon gekauft?«
Straughan zögerte, ging dann aber zu dem Schreibtisch eines der Kontrolleure in der Handelszentrale. Er kam mit einem Zettel zurück, auf dem etwas mit Bleistift geschrieben war.
»Nach dem Stand von heute siebenundneunzigtausend Aktien.« Straughan fügte hinzu: »Die neueste Notierung ist zweiundfünfzig.«
Mit unbewegter Miene sagte Alex: »Bei Supranational wird man sich die Hände reiben. Unsere Käufe haben ihren Kurs schon um fünf Dollar pro Aktie in die Höhe getrieben.« Er überschlug schnell. »Wir haben also in der vergangenen Woche nahezu fünf Millionen Dollar vom Geld unserer Treuhandkunden bei Supranational angelegt. Warum?«
»Es ist eine erstklassige Anlage.« Straughan versuchte es mit einem etwas leichteren Ton. »Wir werden Kapitalgewinne für sämtliche Witwen und Waisen und kulturellen Stiftungen machen, deren Geld wir verwalten.«
»Oder es zerbröckeln lassen - während wir das in uns gesetzte Vertrauen mißbrauchen. Was wissen wir denn, Tom, was weiß denn jeder von uns über SuNatCo, das wir nicht auch schon vor zwei Wochen gewußt haben? Warum hat die Treuhandabteilung bis zu dieser Woche noch nie eine einzige Supranational-Aktie gekauft?«
Der jüngere Mann schwieg, dann sagte er, in die Defensive gedrängt: »Sicher meint Roscoe, daß er die Gesellschaft als künftiges Direktoriumsmitglied etwas genauer unter die Lupe nehmen kann.«
»Sie enttäuschen mich, Tom. Sie haben sich früher noch nie etwas vorgemacht, besonders dann nicht, wenn Sie die wirklichen Gründe genauso gut kennen wie ich.« Straughan lief rot an, aber Alex blieb beim Thema: »Können Sie sich vorstellen, was das für einen Skandal gibt, wenn die Börsenaufsichtsbehörde darüber stolpert? Interessenkonflikt liegt vor, Mißbrauch des Kreditlimitierungs-Gesetzes, Verwendung von Treuhandgeldern zur Beeinflussung der eigenen Bankgeschäfte; und ich habe nicht den leisesten Zweifel, daß es beschlossene Sache ist, bei der nächsten SuNatCo-Jahreshauptversammlung aufgrund des ManagementAktienpakets das Stimmrecht auszuüben.«
»Und wennschon, es wäre nicht das erste Mal - auch hier nicht«, entgegnete Straughan scharf.
»Das stimmt leider Gottes. Aber der Geruch wird deshalb nicht besser.«
Das Geschäftsethos der Treuhandabteilung war ein altes Problem. Angeblich errichteten die Banken eine interne Schranke - manchmal auch Chinesische Mauer genannt -zwischen ihren eigenen kommerziellen Interessen und den Treuhand-Investierungen. In Wirklichkeit taten sie nichts dergleichen.
Hatte eine Bank Milliarden von Dollar an Kunden Treuhandgeldern anzulegen, so nutzte sie unweigerlich die ihr dadurch verliehene Schlagkraft geschäftlich aus. Von Gesellschaften, in die eine Bank substantiell investierte, wurde erwartet, daß sie sich revanchierten und ihrerseits mit der Bank arbeiteten. Oft setzte man sie auch unter Druck, bis sie einen Leiter der Bank in ihr Direktorium aufnahmen. Taten sie beides nicht, verschwanden ihre Papiere geschwind aus den TreuhandPortefeuilles, und infolge der Bankverkäufe fielen ihre Aktien.
Ebenso wurde von den Maklern, die das gewaltige Volumen der Käufe und Verkäufe für die Treuhandabteilung tätigten, erwartet, daß sie selbst bei der Bank große Konten unterhielten. Das taten sie gewöhnlich auch. Wo nicht, gingen die begehrten Aufträge woandershin.
Trotz aller Propaganda, die die Public Relations-Abteilungen für ihre Banken veranstalteten, rangierten die Interessen der Treuhand-Kunden, einschließlich diejenigen der sprichwörtlichen Witwen und Waisen, oft an zweiter Stelle hinter den Bankinteressen. Auch aus diesem Grunde waren die Resultate, die die Treuhandabteilungen erzielten, im allgemeinen recht kümmerlich.
Die zwischen Supranational und FMA geschaffene Situation war also, wie Alex wußte, keineswegs einzigartig. Aber sie gefiel ihm deshalb nicht besser.
»Alex«, sagte Tom Straughan plötzlich, »ich möchte Ihnen jetzt schon sagen, daß ich morgen im Finanzausschuß für den Supranational-Kredit stimmen werde.«
»Das finde ich bedauerlich.«
Aber unerwartet kam das nicht. Und Alex fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis er so allein und isoliert dastand, daß seine Position in der Bank unhaltbar wurde. Vielleicht würde es nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Nach der morgigen Sitzung des finanzpolitischen Ausschusses, auf der die Supranational-Anträge mit Sicherheit eine Mehrheit finden würden, käme Supranational am nächsten Mittwoch auf die Tagesordnung einer Direktoriumssitzung. Mit Sicherheit erwartete Alex, daß er mit seiner Gegenstimme auf beiden Sitzungen in einsamer Opposition stehen würde.