Er hatte ein Gerücht gehört: Ein großer Posten falscher Zwanzig-Dollar-Scheine von hoher Qualität stand zur Verteilung durch Zwischenhändler und Männer bereit, die die Scheine tatsächlich auszugeben hatten. Man quatschte auch davon, daß irgendwo im Schatten - hinter den Verteilern - eine mächtige, leistungsfähige Organisation mit anderen Arbeitsgebieten stand, einschließlich Kreditkarten. Diese letzte Information war verschwommen, und Wainwright hatte den Verdacht, daß Vic sie erfunden hatte, um sich bei ihm Liebkind zu machen. Vielleicht aber auch nicht.
Vic ging mehr ins einzelne und behauptete, man habe ihm versprochen, ihn - am Rande - bei der Falschgeldaktion einzusetzen. Er meinte, wenn er den Auftrag bekam, wenn er sich das Vertrauen der Leute erwarb, könnte er mehr über die Organisation erfahren. Es gab ein, zwei Details, die Vic nach Wainwrights Ansicht aus Mangel an Kenntnis und Phantasie nicht erfunden haben konnte; sie überzeugten den BankSicherheitschef davon, daß die Information im wesentlichen authentisch war. Plausibel war auch der vorgeschlagene Aktionsplan.
Wainwright war immer von der Annahme ausgegangen, daß der Hersteller der gefälschten Keycharge-Bankkarten sich wahrscheinlich auch mit anderen Formen der Fälschung befaßte. Das hatte er Alex Vandervoort im Oktober auch mitgeteilt. Und wenn er sich nicht täuschte und es sich tatsächlich um eine großangelegte Organisation handelte, riskierte der Spitzel sein Leben, wenn er ertappt wurde. Er hatte sich verpflichtet gefühlt, Vic darauf hinzuweisen, und Vic hatte ihm mit einem höhnischen Grinsen gedankt.
Nach diesem Treffen hatte Wainwright nichts mehr von Vic gehört.
Am vergangenen Tag war er auf eine Kurzmeldung im »Times-Register« aufmerksam geworden; man hatte eine im Fluß treibende Leiche gefunden.
»Ich sollte Sie warnen«, erklärte Detective Sergeant Timberwell, »es ist kein hübscher Anblick, was von dem Kerl übriggeblieben ist. Die Ärzte schätzen, daß er eine Woche im Wasser gelegen hat. Außerdem ist viel Verkehr auf dem Fluß, und es sieht danach aus, als ob er in eine Schiffsschraube geraten ist.«
Noch immer dem alten Wärter folgend, betraten sie einen hell erleuchteten, langen Raum mit niedriger Decke. Die Luft war sehr kühl. Sie roch nach Desinfektionsmitteln. Die ihnen gegenüberliegende Wand sah aus wie ein riesiger Aktenschrank mit rostfreien Stahlschubfächern, jedes einzelne mit einer Nummer versehen. Hinter den Fächern summte eine Kühlanlage.
Der Wärter starrte kurzsichtig auf eine Liste, die an ein Schreibbrett geklammert war, ging dann zu einem Schubfach etwa in der Mitte des Raumes. Er zog, und die Lade glitt lautlos auf Nylonrollen heraus. Was sich unter dem Papierlaken abzeichnete, mochte ein gedunsener Körper sein.
»Das sind die Überreste, die Sie haben wollten, Chef«, sagte der alte Mann. Gleichgültig, als handele es sich um einen Sack Kartoffeln, den er da freilegte, schlug er das Laken zurück.
Wainwright bereute, hergekommen zu sein. Ihm wurde übel.
Die Leiche, die sie da sahen, hatte einmal ein Gesicht gehabt. Jetzt war keins mehr da. Das Treiben im Wasser, Verwesung und etwas anderes - wahrscheinlich eine Schiffsschraube, wie Timberwell gesagt hatte - hatten Fleisch bloßgelegt und zerfetzt. Aus der Masse ragten weiße Knochen hervor.
Schweigend betrachteten sie den Toten, dann fragte der Kriminalbeamte: »Sehen Sie was, das Sie identifizieren können?«
Wainwright nickte. Er hatte die Seite des Kopfes gesehen, wo das, was vom Haaransatz noch übrig war, in den Hals überging. Der etwa eigroße rote Fleck - zweifellos ein Muttermal - war noch deutlich zu sehen. Er war Wainwright gleich bei der ersten Begegnung mit Vic aufgefallen. Die Lippen, die sich so oft höhnisch verzogen hatten, waren nicht mehr da, aber es gab für ihn keinen Zweifel daran, daß es sich um die Leiche seines Geheimagenten handelte. Er teilte es Timberwell mit; der nickte.
»Wir haben ihn selbst schon nach Fingerabdrücken identifiziert. Besonders klar waren sie nicht, aber es reichte.« Der Beamte nahm ein Notizbuch heraus und schlug es auf. »Sein wirklicher Name, ob Sie's glauben oder nicht, war Clarence Hugo Levinson. Er führte noch mehrere andere Namen, und er hat ein langes Vorstrafenregister, meistens Kleinkram.«
»In der Zeitung stand, daß er nicht ertrunken, sondern an Stichwunden gestorben ist.«
»Das hat die Obduktion ergeben. Davor war er gefoltert worden.«
»Wie wollen Sie das wissen?«
»Dem haben sie die Eier zerquetscht. Im Autopsiebericht steht, daß sie offenbar in eine Art Schraubstock gelegt worden sind, daß der Schraubstock zugedreht worden ist, bis sie platzten. Wollen Sie sehen?«
Ohne die Aufforderung abzuwarten, zog der Wärter den Rest des Lakens weg.
Obwohl die Genitalien im Wasser geschrumpft waren, hatte die Autopsie genug bloßgelegt, um Timberwells Worte zu bestätigen. Wainwright würgte es in der Kehle. »O Gott.« Er gab dem alten Mann ein Zeichen. »Decken Sie ihn zu.«
Dann drängte er Timberwelclass="underline" »Machen wir, daß wir hier rauskommen.«
Bei starkem schwarzen Kaffee in einem winzigen Restaurant, einen halben Straßenblock von der Leichenhalle entfernt, murmelte Detective Sergeant Timberwelclass="underline" »Armer Hund! Was er auch auf dem Kerbholz hatte, das hat keiner verdient.« Er holte eine Zigarette hervor, steckte sie an und bot Wainwright die Schachtel an. Der schüttelte den Kopf.
»Kann mir vorstellen, wie Ihnen zumute ist«, bemerkte Timberwell. »Man stumpft mit der Zeit ab. Aber es gibt Sachen, an die gewöhnt man sich nie.«
»Ja.« Wainwright dachte an seine eigene Verantwortung für das, was Clarence Hugo Levinson alias Vic zugestoßen war.
»Ich brauche eine schriftliche Aussage von Ihnen, Mr. Wainwright. Zusammenfassung dessen, was Sie mir über Ihre Vereinbarung mit dem Verstorbenen erzählt haben. Wenn's Ihnen recht ist, gehen wir, wenn wir den Kaffee ausgetrunken haben, zur Wache und setzen sie auf.«
»Gut.«
Der Beamte blies einen Rauchring und trank einen Schluck Kaffee. »Die Kreditkarten-Fälschung - wie steht's jetzt damit?«
»Es tauchen immer mehr auf. An manchen Tagen is t es wie 'ne Epidemie. Es kostet uns und andere Banken eine Stange Geld.«
Skeptisch sagte Timberwelclass="underline" »Sie meinen, es kostet die Öffentlichkeit Geld. Banken wie Ihre geben die Verluste weiter. Deshalb regt sich Ihr Management auch längst nicht so darüber auf.«
»Da kann ich Ihnen leider nicht widersprechen.« Wainwright dachte an seine verlorenen Schlachten im Kampf um einen größeren Etat für den Schutz der Bank vor Verbrechen.
»Taugen die Karten was?«
»Sie sind tadellos.«
Der Kriminalbeamte nickte nachdenklich. »Dasselbe behauptet der Secret Service auch von den falschen Banknoten, die hier in der Stadt im Umlauf sind. Es sind viele. Aber das wissen Sie wohl selber.«
»Ja, ich weiß.«
»Vielleicht hatte der arme Kerl recht mit seiner Vermutung, daß beides aus derselben Quelle stammt.«
Beide schwiegen, dann sagte der Kriminalbeamte plötzlich: »Ich sollte Sie warnen. Vielleicht haben Sie selbst schon dran gedacht.«
Wainwright wartete.
»Wer den gefoltert hat, der hat ihn zum Sprechen gebracht. Sie haben ihn gesehen. Unmöglich, daß er den Mund gehalten hat. Sie können also davon ausgehen, daß er über alles gesungen hat, auch über das Geschäft mit Ihnen.«
»Daran hab' ich auch schon gedacht.«
Timberwell nickte. »Ich glaube nicht, daß Sie persönlich in Gefahr sind, aber für die Leute, die Levinson umgebracht haben, sind Sie Gift. Wenn einer von denen auch nur dieselbe Luft mit Ihnen atmet und sie kommen dahinter, ist er tot - und zwar auf üble Weise.«
Wainwright wollte etwas sagen, aber Timberwell kam ihm zuvor.