»Hören Sie, ich sage nicht, daß Sie keinen neuen Spitzel losschicken sollen. Das ist Ihre Sache, und ich will davon nichts wissen - jedenfalls jetzt nicht. Aber das eine rate ich Ihnen: Wenn Sie's tun, seien Sie supervorsichtig und lassen Sie sich nie mit dem Kerl sehen. Das ist das mindeste, was Sie ihm schulden.«
»Vielen Dank für die Warnung«, sagte Wainwright. Er dachte noch immer an das, was er unter dem weggezogenen Laken gesehen hatte. »Aber ich glaube kaum, daß es einen anderen geben wird.«
DRITTER TEIL
1
Obwohl es nicht leichter geworden war mit ihrem Wochengehalt von 98 Dollar als Bankkassiererin (nach Abzügen blieben ihr 83 Dollar), gelang es Juanita doch Woche um Woche, sich und Estela über Wasser zu halten und Estelas Kindergarten zu bezahlen. Juanita hatte sogar - bis August - die Schulden, die ihr Mann ihr hinterlassen hatte, bei der Finanzierungsgesellschaft um ein Geringes verkleinert. Die Finanzierungsfirma war ihr entgegengekommen und hatte einen neuen Vertrag mit kleineren Monatsraten ausgestellt; jetzt liefen sie allerdings - bei höheren Zinsen - noch über drei Jahre.
In der Bank hatte man Juanita nach den falschen Anschuldigungen im Oktober des vergangenen Jahres rücksichtsvoll behandelt, alle kamen ihr außerordentlich freundlich entgegen, doch hatte sie sich an niemanden enger angeschlossen. Vertraulichkeit fiel ihr nicht leicht. Sie begegnete allen Menschen mit einer instinktiven Vorsicht, die zum Teil angeboren war, zum Teil aus Erfahrung herrührte. Der Mittelpunkt ihres Lebens, der Höhepunkt, dem jeder Arbeitstag entgegenführte, waren die Abendstunden, die sie mit Estela verbrachte.
Auch jetzt waren sie beisammen.
In der Küche ihrer winzigen, aber gemütlichen Wohnung machte Juanita das Abendessen, assistiert - und manchmal behindert - von der Dreijährigen. Sie hatten zusammen einen fertig gemischten Teig ausgerollt und geformt, Juanita, um damit eine Fleischpastete abzudecken, während Estela mit ihren winzigen Fingern ein geraubtes Stück Teig knetete.
»Mammi! Guck mal, ich hab' ein Zauberschloß gemacht.«
Sie lachten zusammen. »jQué lindo, mi cielo!« sagte Juanita liebevoll. »Wir schieben das Schloß mit der Pastete in den Backofen. Dann wird beides verzaubert.«
Für ihre Pastete hatte Juanita Rindfleisch genommen und es mit Zwiebeln, einer Kartoffel, frischen Wurzeln und einer Büchse Erbsen vermischt. Das Gemüse würde die kleine Fleischportion strecken; eine größere konnte Juanita nicht erschwingen. Aber sie kochte mit Begabung und Phantasie, und die Pastete würde gut schmecken und nahrhaft sein.
Sie war schon seit zwanzig Minuten im Backofen und mußte noch zehn Minuten drinbleiben. Juanita las Estela aus einer spanischen Übersetzung von Hans Christian Andersen vor, als es klopfte. Sie unterbrach und lauschte unsicher zur Tür hin. Besucher waren immer selten; ganz ungewöhnlich aber war es, daß jemand zu so später Stunde kam. Nach ein paar Augenblicken wiederholte sich das Klopfen. Sie bedeutete Estela, sitzen zu bleiben, dann erhob sie sich ein wenig nervös und ging langsam zur Tür.
Ihre Wohnung war die einzige im obersten Stock eines früheren Einfamilienhauses, das vor langer Zeit in verschiedene Mietwohnungen unterteilt worden war. Die Sanierer von Forum East behielten die Unterteilungen des Gebäudes bei, modernisierten und reparierten aber. Die Sanierung allein änderte jedoch nichts daran, daß die Gegend von Forum East berüchtigt war wegen ihrer hohen Kriminalität; besonders zahlreich waren Straßenüberfälle und Einbrüche. So schlossen sich die meisten Einwohner nachts ein und verriegelten die Türen, cbwohl die einzelnen Wohnungskomplexe voll besetzt waren. In Juanitas Haus gab es eine wuchtige Eingangstür, nur ließen die anderen Mieter sie immer offen.
Unmittelbar vor Juanitas Wohnung befand sich ein enger Treppenabsatz. Das Ohr an die Tür gepreßt, rief sie: »Wer ist da?« Keine Antwort, aber das Klopfen wiederholte sich, leise, aber beharrlich.
Sie überzeugte sich, daß die Sicherheitskette vorgelegt war, dann schloß sie die Tür auf und öffnete sie einen Spalt - gerade so weit, wie die Kette es zuließ.
Zuerst konnte sie wegen der trüben Treppenbeleuchtung nichts erkennen, dann wurde ein Gesicht vorgestreckt, und eine Stimme fragte: »Juanita, darf ich mit Ihnen sprechen? Ich muß es - bitte! Darf ich hereinkommen?«
Sie war verblüfft. Miles Eastin. Aber weder die Stimme noch die Züge gehörten dem Eastin, den sie gekannt hatte.
Das Gesicht, das sie jetzt besser sehen konnte, war blaß und ausgemergelt, die Sprache war unsicher und klang flehend.
Sie versuchte Zeit zu gewinnen. »Ich dachte, Sie wären im Gefängnis.«
»Man hat mich entlassen. Heute.« Er korrigierte sich. »Ich habe Bewährung bekommen.«
»Warum kommen Sie her?«
»Ich wußte noch, wo Sie wohnen.«
Sie schüttelte den Kopf, die Sicherheitskette blieb eingeklinkt. »Danach habe ich nicht gefragt. Warum kommen Sie zu mir!«
»Weil ich monatelang, die ganze Zeit im Gefängnis, an nichts anderes gedacht habe, als Sie zu besuchen, mit Ihnen zu sprechen, Ihnen zu erklären... «
»Es gibt nichts zu erklären.«
»O doch! Juanita, ich flehe Sie an. Schicken Sie mich nicht weg! Bitte!«
Aus dem Zimmer hinter ihr kam Estelas helle Stimme: »Mammi, wer ist da?«
»Juanita«, sagte Miles Eastin, »Sie brauchen keine Angst zu haben - Sie nicht, Ihr kleines Mädchen nicht. Ich habe nichts bei mir außer diesem hier.« Er hielt einen kleinen verbeulten Koffer hoch. »Das sind nur die Sachen, die sie mir bei der Entlassung wiedergegeben haben.«
»Tja...« Juanita schwankte. Trotz des unguten Gefühls war sie neugierig. Warum wollte Miles sie in Wirklichkeit sprechen? Im Zweifel, ob sie das noch bereuen werde, schob sie die Tür etwas weiter zu und nahm die Kette aus der Verriegelung.
»Danke.« Er trat zögernd ein, als fürchte er auch jetzt noch, daß Juanita sich anders besinnen könnte.
»Hallo«, sagte Estela, »bist du ein Freund von meiner Mammi?«
Einen Augenblick lang schien Eastin aus dem Konzept zu geraten, dann erwiderte er: »Nicht immer. Ich wollt', ich wär's gewesen.«
Das kleine dunkelhaarige Mädchen musterte ihn. »Wie heißt du?«
»Miles.«
Estela kicherte. »Du bist aber dünn.«
»Ja, ich weiß.«
Jetzt, wo er im Licht stand, erschrak Juanita noch mehr über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. In den acht Monaten, die sie Miles nicht gesehen hatte, war er so hager geworden, daß seine Wangen eingesunken waren und er nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen schien. Der zerknitterte Anzug schlotterte ihm um die Glieder, als sei er für einen Mann von doppelter Breite gemacht. Er sah müde und geschwächt aus. »Darf ich mich setzen?«
»Ja.« Juanita zeigte auf einen Korbstuhl; sie selbst blieb aber vor ihm stehen. Sie sagte fast anklagend: »Sie haben im Gefängnis nicht gut gegessen.«
Er nickte leicht, zum ersten Mal mit einem kleinen Lächeln. »Geschlemmt wird da nicht gerade. Ich glaube, man sieht's.«
»Si, me dt cuenta. Man sieht's.«
Estela fragte: »Bist du zum Essen gekommen? Mammi hat eine Pastete gemacht.«
Er zögerte. »Nein.«
»Haben Sie heute schon etwas gegessen?« verlangte Juanita
»Heute morgen. An der Bushaltestelle habe ich was gegessen.« Der Duft der fast fertig gebackenen Pastete wehte aus der Küche herein. Instinktiv wandte Miles den Kopf.
»Dann essen Sie mit uns.« Sie legte noch ein Gedeck auf den kleinen Tisch, an dem sie mit Estela zu essen pflegte. Sie handelte wie selbstverständlich. In jedem puertorikanischen Haushalt - auch im ärmsten - verlangte der Brauch, daß das vorhandene Essen geteilt wurde.