Die Reorganisation der Sparabteilung war in dieser Frist noch am leichtesten zu erreichen. Das meiste, was Alex verwirklichen wollte - einschließlich der Schaffung von vier neuen Arten von Sparkonten, mit höherem Zins und verschiedenen Bedürfnissen angepaßt -, war Thema früherer, von ihm veranlaßter Studien gewesen. Es galt nur noch, sie in die Wirklichkeit umzusetzen. Das Neuland, das betreten wurde, machte ein kräftiges Werbeprogramm erforderlich, um neue Sparer anzulocken, und das wurde - Interessenkonflikt oder nicht - von der AustinAgentur schnell und gekonnt verwirklicht. Das Thema der Sparkampagne lautete:
WENN SIE SPAREN, GIBT IHNEN DIE FIRST MERCANTILE AMERICAN NOCH GELD DAZU
Jetzt, Anfang August, verkündeten doppelseitige Anzeigen in den Zeitungen die Vorzüge des von der FMA vorgeschlagenen Sparprogramms. Sie zeigten auch, wie sich achtzig Filialen der Bank über den Staat verteilten, wo jeden, der ein neues Konto eröffnete, Geschenke, Kaffee und »höfliche Beratung in allen finanziellen Fragen« erwarteten. Der Wert des Geschenks richtete sich nach der Höhe der ersten Einzahlung; der Sparer mußte sich verpflichten, das Geld eine bestimmte Zeit auf dem Konto zu belassen. Werbespots in Radio und Fernsehen hämmerten den Leuten eine entsprechende Botschaft ein.
Was die neuen Filialen betraf - »unsere Geldläden«, wie Alex sie nannte -, so wurden die ersten zwei Ende Juli eröffnet, drei weitere in den ersten Augusttagen, die restlichen vier sollten noch vor dem 1. September den Betrieb aufnehmen. Da sie sämtlich in gemieteten Räumen untergebracht waren, was Umbau, nicht Neubau bedeutete, war man auch hier glatt mit der Arbeit vorangekommen.
Die Geldläden - ein Name, der sich rasch durchsetzte erregten anfangs die meiste Aufmerksamkeit. Sie erbrachten sogar noch mehr Publicity, als Alex Vandervoort, die PR-Abteilung der Bank und die Austin Advertising Agency vorausgesehen hatten. Und der Initiator von all dem - in seiner Bedeutung aufsteigend wie ein Komet - war Alex.
Er hatte es weder geahnt noch beabsichtigt. Es passierte einfach.
Eine Reporterin der Morgenzeitung »Times-Register«, die über die Eröffnung der neuen Filialen berichten sollte, entdeckte bei der Suche nach Background-Material im Zeitungsarchiv ein paar alte Artikel über das »Bank-in« vom vergangenen Februar zugunsten von Forum East, in denen auch über die Rolle gemutmaßt wurde, die Alex bei der Affäre gespielt hatte. In einem Gespräch mit dem Ressortchef für Features und Reportagen entstand der Gedanke, daß Alex gutes Material für eine längere Geschichte abgeben könnte. Dieser Gedanke erwies sich als richtig.
Wenn Sie an moderne Banker denken (schrieb die Reporterin später), dann dürfen Sie sich keine feierlichen, übervorsichtigen Funktionäre im konservativen dunkelblauen Zweireiher vorstellen, die die Stirn runzeln und Ihnen eine abschlägige Antwort erteilen. Denken Sie lieber an Alexander Vandervoort.
Mr. Vandervoort, der ein großes Tier in unserer eigenen First Mercantile American Bank ist, sieht schon mal gar nicht wie ein Banker aus. Seine Anzüge sind von der Herrenmoden-Seite im »Esquire«, er gibt sich wie Johnny Carson, und wenn es an die Kreditvergabe geht, besonders bei kleineren Darlehen, ist er - mit seltenen Ausnahmen -darauf programmiert, das Wörtchen »Ja« auszusprechen. Doch er hält auch viel von Sparsamkeit und findet es bedauerlich, daß die meisten von uns nicht mehr so vernünftig mit Geld umgehen können wie unsere Eltern und Großeltern.
Außerdem ist Alexander Vandervoort führend in moderner Banktechnologie, und etliches davon ist diese Woche in die Vororte unserer Stadt eingezogen.
Es gibt einen New Look im Bankgeschäft, nämlich Bankfilialen, die nicht mehr wie Banken aussehen - was gut paßt, denn treibende Kraft ist Mr. Vandervoort (der, wie gesagt, nicht wie ein Banker aussieht).
Ich bin in dieser Woche mit Alexander Vandervoort losgezogen, um mir mal anzusehen, was er als die »Jedermanns-Bank der Zukunft« bezeichnet, »die die FMA heute schon hat Wirklichkeit werden lassen«.
Der PR-Chef der Bank, Dick French, hatte alles organisiert. Die Reporterin, eine etwas füllige Blondine mittleren Alters namens Jill Peacock, war keine Pulitzer-Journalistin, aber die Geschichte interessierte sie, und sie stand der Sache positiv gegenüber.
Alex und Miss Peacock standen in einer der neuen Bankfilialen, die sich in einem vorstädtischen Einkaufszentrum befand. Sie war nicht größer als irgendein Drugstore, hell erleuchtet und freundlich eingerichtet. Die wichtigsten Einrichtungsgegenstände waren zwei automatische Ducotel-Kassierer aus Edelstahl, die die Kunden selbst bedienten, und ein in einer Art Kabine aufgestelltes Kabelfernsehgerät. Die Auto-Kassierer, erklärte Alex, waren direkt mit Computern in der FMA-Zentrale verbunden.
»Das Publikum verlangt heutzutage Service«, fuhr er fort. »Deshalb besteht der Bedarf nach Banken mit längeren und vor allem für die Kunden günstigeren Schalterstunden. Geldläden wie dieser sind rund um die Uhr geöffnet, an sieben Tagen der Woche.«
»Und dauernd müssen Angestellte da sein?« fragte Miss Peacock.
»Nein. Tagsüber steht ein Angestellter für Fragen zur Verfügung. Die übrige Zeit ist niemand da, außer den Kunden.«
»Haben Sie denn keine Angst vor Raubüberfällen?«
Alex lächelte. »Die Auto-Kassierer sind wie Festungen gebaut, ausgerüstet mit dem besten Alarmsystem, das uns heute bekannt ist. Und Fernseh-Rundumkameras - eine davon gibt es in jedem Geldladen - übertragen, was sie sehen, in ein ständig besetztes Kontrollzentrum in der City. Unsere Hauptsorge ist nicht Sicherheit - sondern die Frage, wie man die Kunden an neue Gedanken gewöhnt.«
»Sieht ganz so aus«, bemerkte Miss Peacock, »als hätten einige sich schon daran gewöhnt.«
Trotz der frühen Stunde - 9.30 Uhr - war schon ein Dutzend Menschen in der Bank, andere kamen hinzu. Meistens Frauen.
»Aus Untersuchungen, die wir angestellt haben, geht hervor, daß Frauen am schnellsten auf Änderungen in der Verkaufstechnik eingehen«, fuhr Alex fort. »Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum Einzelhandelsgeschäfte so neuerungsfreudig sind. Die Männer sind da langsamer, aber am Ende lassen sie sich von ihren Frauen überreden.«
Kurze Schlangen hatten sich vor den automatischen Kassierern gebildet, aber es gab praktisch keine Stockungen. Transaktionen waren rasch erledigt, wenn jeder Kunde einen Ausweis aus Kunststoff in einen Schlitz geschoben und einfach angeordnete Tasten gedrückt hatte. Manche zahlten Bargeld oder Schecks ein, andere hoben Geld ab. Ein paar Kunden zahlten Bank-, Gas-, Wasser- oder Elektrizitätsrechnungen. In jedem Falle schluckte die Maschine Papier und Bargeld oder spie eins oder das andere aus, alles in Blitzgeschwindigkeit.
Miss Peacock zeigte auf die Auto-Kassierer. »Haben die Leute den Umgang damit schneller gelernt, als Sie erwartet hatten, oder langsamer?«
»Viel, viel schneller. Es hat etwas Mühe gekostet, die Leute dazu zu bringen, die Maschinen das erste Mal zu benutzen. Aber haben sie es erst einmal probiert, finden sie es faszinierend und verlieben sich geradezu in die Sache.«
»Aber es heißt doch immer, Menschen gehen lieber mit Menschen um als mit Maschinen. Warum soll das im Bankgeschäft anders sein?«
»Die Untersuchungen, von denen ich gesprochen habe, geben Aufschluß über den Grund: absolute Vertraulichkeit.«
Vertraulich ist die Sache wirklich (gab Jill Peacock in ihrem Artikel in der Sonntagsausgabe zu), und das nicht nur im Umgang mit den Frankenstein-Monster-Kassierern.
In demselben Geldladen saß ich in einer Kabine vor einer Kombination von Bildschirm und Fernsehkamera, eröffnete ein Konto und verhandelte dann über ein Darlehen.
Früher, wenn ich mir Geld von einer Bank borgte, war mir das immer etwas peinlich. Dieses Mal nicht, denn das Gesicht vor mir auf dem Bildschirm war ganz unpersönlich. Und der, dem das Gesicht gehörte - ein Schemen von einem Mann, dessen Namen ich nicht kannte -, war kilometerweit entfernt.