»Richtig.« Der leiseste Anflug eines Lächelns.
»Mr. Jax«, sagte Alex.
»Die meisten sagen einfach Vernon zu mir.«
»Vernon, ich möchte Sie mit einer Nachforschung beauftragen. Absolute Diskretion ist Vorbedingung, und es muß sehr schnell gehen. Sie haben von der Supranational Corporation gehört?«
»Sicher.«
»Ich brauche eine Finanzprüfung der Gesellschaft. Aber es muß ohne ihr Wissen gemacht werden; Schnüffelei also.«
Jax lächelte wieder. »Mr. Vandervoort« - dieses Mal war sein Ton etwas forscher -, »genau das ist mein Geschäft.«
Sie einigten sich auf eine Zeitspanne von einem Monat, aber wenn es gerechtfertigt erschien, sollte Alex einen Zwischenbericht erhalten. Daß die Bank Erkundigungen einziehen ließ, sollte absolut geheim bleiben. In keiner Weise durfte mit illegalen Mitteln gearbeitet werden. Das Honorar für die Ermittlungen sollte 15000 Dollar plus angemessener Spesen betragen, die Hälfte des Honorars sofort, die andere Hälfte nach Vorlage des Abschlußberichts. Alex würde die Zahlung aus FMA-Betriebsmitteln veranlassen. Er wußte, daß man später Rechenschaft darüber verlangen würde, aber darüber wollte er sich den Kopf erst zerbrechen, wenn es soweit war.
Am späten Nachmittag, als Jax gegangen war, rief Margot an.
»Hast du ihn angeheuert?«
»Ja.«
»Warst du beeindruckt?«
Alex beschloß, auf das Spiel einzugehen. »Nicht besonders.«
Margot lachte leise. »Das kommt noch. Wart's ab.«
Alex hoffte, daß es nicht dazu kommen würde. Er hoffte inständig, daß Lewis D'Orseys Instinkte getrogen hatten, daß Vernon Jax nichts finden würde und daß die unguten Gerüchte über Supranational sich als Gerüchte erweisen würden - als nicht mehr.
Am Abend stattete Alex einen seiner periodischen Besuche bei Celia im Pflegeheim ab. Er fürchtete diese Besuche jetzt noch mehr; sie deprimierten ihn tief, aber aus einem Gefühl der Pflicht heraus setzte er sie fort. Oder war es Schuld? Er konnte es selbst nicht genau unterscheiden.
Wie üblich wurde er von einer Schwester zu Celias Einzelzimmer in der Klinik geführt. Als die Schwester gegangen war, setzte Alex sich, redete, plauderte in sinnleerer, einseitiger Unterhaltung über alles, was ihm gerade in den Kopf kam, obwohl Celia durch kein Zeichen zu erkennen gab, daß sie zuhörte, ja, nicht einmal, daß ihr seine Gegenwart bewußt war. Bei einem seiner früheren Besuche hatte er Kauderwelsch geredet, nur um zu sehen, ob sich ihr leerer Gesichtsausdruck veränderte. Er hatte sich nicht verändert. Danach hatte er sich geschämt und es nicht wieder getan.
Aber er hatte es sich angewöhnt, während dieser Sitzungen bei Celia vor sich hin zu reden, kaum selbst zuzuhören, während die Hälfte seines Verstandes abschweifte. An diesem Abend sagte er unter anderem zu seiner Frau: »Die Menschen haben heutzutage alle möglichen Probleme, Celia; Probleme, an die noch vor ein paar Jahren kein Mensch auch nur dachte. Mit jeder cleveren Erfindung oder Entdeckung erheben sich Dutzende von Fragen und Entscheidungen, um die wir uns früher nie zu kümmern brauchten. Nehmen wir doch nur elektrische Büchsenöffner. Hat man so ein Ding - und ich habe eins in meiner Wohnung -, taucht gleich das Problem auf, wo eine Steckdose für den Stecker ist, wenn man das Ding benutzen soll, wie man es reinigt, was man tun kann, wenn es kaputt geht; samt und sonders Probleme, die kein Mensch hätte, wenn es keine elektrischen Büchsenöffner gäbe, und wer braucht die Dinger eigentlich? Apropos Probleme, ich habe mehrere in diesem Augenblick - persönliche und auch in der Bank. Heute ist ein großes aufgetaucht. In mancher Beziehung hast du es hier vielleicht besser...«
Alex rief sich zur Ordnung, merkte, daß er vielleicht kein Kauderwelsch, auf jeden Fall aber Unfug redete. Hier hatte niemand es besser, in diesem tragischen Viertel-Leben im Dämmerzustand.
Nichts anderes aber war für Celia geblieben; in den letzten Monaten war diese Tatsache noch deutlicher geworden. Noch vor einem Jahr waren Spuren ihrer früheren mädchenhaften, zerbrechlichen Schönheit sichtbar gewesen. Auch sie waren nun verschwunden. Ihr einst prachtvolles blondes Haar war stumpf und schütter. Ihre Haut hatte einen Anflug von Grau; hier und da zeigten Striemen, wo sie sich gekratzt hatte.
War ihre zusammengekauerte Fötalhaltung früher nur gelegentlich vorgekommen, so nahm sie jetzt kaum mehr eine andere ein. Und trotz der Tatsache, daß Celia zehn Jahre jünger war als Alex, wirkte sie jetzt hexenhaft und zwanzig Jahre älter.
Fast fünf Jahre waren seit Celias Einzug in das Pflegeheim vergangen. Jetzt war sie total institutionalisiert, und sie würde es wahrscheinlich auch bleiben.
Während er seine Frau betrachtete und dabei weiter sprach, empfand Alex Mitleid und Trauer, aber eine innere Verbindung zu ihr war nicht mehr vorhanden, auch keine Zuneigung. Vielleicht sollte er derartige Gefühle empfinden, aber es wollte ihm, wenn er ehrlich mit sich selbst war, nicht gelingen. Dennoch war er an Celia gebunden, das erkannte er - durch Bande, die er niemals trennen wollte und konnte, bis der eine oder der andere von ihnen starb.
Er dachte an sein Gespräch mit Dr. McCartney, dem Leiter des Pflegeheims, das er vor fast elf Monaten geführt hatte, am Tage, nachdem Ben Rosselli auf so dramatische Weise seinen nahen Tod bekanntgegeben hatte. Auf Alex' Frage nach der Auswirkung einer Scheidung und Alex' Wiederverheiratung auf Celia hatte der Psychiater geantwortet: Es könnte sie über die Schwelle treiben, die sie noch von der totalen geistigen Verwirrung trennt.
Und Margot hatte später erklärt: Das, was von Celias geistiger Gesundheit noch vorhanden ist, in eine Grube ohne Boden zu stoßen, das will ich nicht auf mein Gewissen laden, und ich will auch nicht, daß du dir so etwas auflädst.
An diesem Abend fragte Alex sich, ob Celias geistige Gesundheit vielleicht schon in einer Grube ohne Boden angelangt sei. Aber selbst wenn es so war, änderte es nichts an seiner Abneigung dagegen, die endgültige, rücksichtslose Maschinerie der Scheidung in Gang zu setzen.
Auch war er nicht dazu übergegangen, dauernd mit Margot Bracken zusammen zu leben, und sie war nicht für immer zu ihm gezogen. Margot war das eine so recht wie das andere, doch Alex wollte noch immer die Heirat - die er offensichtlich nicht haben konnte, ohne sich von Celia scheiden zu lassen. In letzter Zeit jedoch hatte er Margots Ungeduld wegen des Ausbleibens einer Entscheidung gespürt.
Wie sonderbar, daß er, in der First Mercantile American gewohnt, große Entscheidungen rasch, wie sie kamen, zu treffen, in seinem Privatleben mit Entschlußlosigkeit ringen sollte!
Im Kern des Problems, das erkannte Alex, steckte seine alte Ambivalenz hinsichtlich seiner persönlichen Schuld. Hätte er, vor Jahren, durch mehr Mühe, Liebe und Verständnis seine junge, nervöse, sich unsicher fühlende Frau vor dem bewahren können, was aus ihr geworden war? Noch immer hatte er das Gefühl, es hätte ihm gelingen können, wenn er sich mehr ihr anstatt der Bank gewidmet hätte.
Deshalb kam er her, deshalb fuhr er fort, das wenige zu tun, das er vermochte.
Als es Zeit war, Celia zu verlassen, erhob er sich und ging auf sie zu, um sie auf die Stirn zu küssen, wie er es immer tat, wenn sie es zuließ. Aber heute abend zuckte sie zurück, kroch noch mehr in sich zusammen, die Augen geweitet vor plötzlicher Furcht. Er seufzte und gab den Versuch auf.
»Gute Nacht, Celia«, sagte Alex.
Es kam keine Antwort. Er ging hinaus und überließ seine Frau der einsamen Welt, in der sie jetzt wohnte.
Am nächsten Morgen ließ Alex Nolan Wainwright rufen. Er teilte dem Sicherheitschef mit, daß das Honorar für den Privatdetektiv Vernon Jax über Wainwrights Abteilung angewiesen werden sollte. Alex werde die Zahlung genehmigen. Alex sagte nichts über die Art der Nachforschung, die Jax anstellen sollte, und Wainwright fragte nicht. Im Augenblick, sagte sich Alex, konnte es nur von Nutzen sein, wenn möglichst wenig Leute das Ziel kannten.