Выбрать главу

Mike Foster saß bedrückt da und hielt sein Messer umklammert, während sich Mrs. Cummings von seinem Pult entfernte und die Sitzreihe entlangging. Einige der Kinder blickten ihn spöttisch grinsend an, aber nichts durchdrang den Panzer seines Elends. Das Graben würde ihm nichts nützen. Wenn die Bomben fielen, würde er augenblicklich tot sein. All die Impfstoffe, die man ihm in die Arme und Oberschenkel und in das Hinterteil gespritzt hatte, waren völlig nutzlos. Sein Taschengeld hatte er bereits ausgegeben; nein, Mike Foster würde gar nicht lange genug leben, um bakteriologisch verseucht zu werden. Nicht, solange...

Er sprang auf und folgte Mrs. Cummings zu ihrem Pult. In gequälter Verzweiflung stieß er hervor: „Bitte, ich muß gehen. Ich muß dringend etwas erledigen."

Zornig verzog Mrs. Cummings den Mund. Aber die Angst in den Augen des Jungen hielt sie von einer heftigen Entgegnung ab. „Was ist los?" fragte sie. „Geht es dir nicht gut?"

Der Junge stand wie erstarrt da, war nicht in der Lage, ihr zu antworten. Amüsiert begann die Klasse zu flüstern und zu kichern, bis Mrs. Cummings wütend mit einem Schreibstift auf ihr Pult klopfte. „Seid still", schnappte sie. Ihre Stimme wurde dann ein wenig sanfter. „Michael, wenn du nicht richtig funktionierst, dann gehe hinunter in die Psycho-klinik. Es hat keinen Sinn, daß du zu arbeiten versuchst, wenn dein Verhalten gestört ist. Miss Groves wird gerne bereit sein, dich zu optimieren."

„Nein", sagte Foster.

„Was hast du denn dann?"

Die Klasse wurde unruhig. Mehrere Stimmen antworteten für Foster; seine Zunge war vor Beschämung und Angst wie gelähmt. „Sein Vater ist ein Anti-Z", erklärten die Stimmen. „Sie besitzen keinen Bunker, und er ist auch nicht für den Zivilschutz registriert. Sein Vater hat nicht einmal seine Gebühr für die NATS entrichtet. Sie haben einfach nichts getan."

Mrs. Cummings starrte den sprachlosen Jungen entsetzt an. „Ihr habt keinen Bunker?"

Er schüttelte den Kopf.

Ein seltsames Gefühl überkam die Frau. „Aber..." Sie hatte sagen wollen: Aber ihr werdet da oben sterben. Doch rechtzeitig besann sie sich und fragte: „Aber wohin werdet ihr dann gehen?"

„Nirgendwo hin", antworteten die boshaften Stimmen für ihn. „Alle anderen werden unten in ihren Bunkern sein, und er wird oben bleiben. Er hat nicht einmal eine Karte für den Schulbunker."

Mrs. Cummings war schockiert. Auf ihre dumpfe, pedantische Art, die ihr Lehrerinnen-Dasein prägte, hatte sie es für selbstverständlich gehalten, daß jeder Schüler einen Berechtigungsschein für die ausgeklügelten unterirdischen Schutzräume des Schulgebäudes besaß. Aber natürlich war dem nicht so. Nur die Kinder, deren Eltern dem ZS angehörten und die dazu beitrugen, die Gemeinschaft zu verteidigen, kamen in den Genuß. Und wenn Fosters Vater ein Anti-Z war...

„Er hat Angst, hier zu sitzen", bemerkten die leisen Stimmen. „Er hat Angst, daß es losgeht, wenn er hier sitzt, während sich alle anderen in der Sicherheit der Bunker aufhalten."

Langsam wanderte er durch die Straßen, die Hände tief in die Taschen vergraben, und trat nach den dunklen Stein-chen, die auf dem Bürgersteig lagen. Die Sonne begann unterzugehen. Stumpfnasige Pendlerraketen spien müde Menschen aus, die froh waren, nach einem Arbeitstag in der über hundert Kilometer weiter westlich gelegenen Fabrikregion nach Hause zu kommen. Auf den fernen Bergen blitzte etwas auf; ein Radarturm drehte sich lautlos in der Abenddämmerung. Die kreisenden NATS hatten Verstärkung bekommen. Die Dämmerstunden waren am gefährlichsten; die auf visuellem Wege arbeitenden Beobachtungsposten konnten schnelle, tieffliegende Fernlenkraketen nicht mehr erkennen. Vorausgesetzt, die Geschosse kamen.

Er kam an einer Nachrichtenmaschine vorbei, die ihm aufgeregt etwas zubrüllte. Krieg, Tod, fantastische neue Waffen im In- und Ausland. Er zog die Schultern hoch und ging weiter, entlang der kleinen Betonkasten, die als Häuser dienten und alle vollkommen gleich aussahen, und deren robuste, verstärkte Bauweise ihren Bewohnern Schutz bei einem Angriff bieten sollte. Vor ihm erhellten strahlende Leuchtreklamen die zunehmende Dämmerung; das Geschäftsviertel, brausender Verkehr und hastende Menschen.

Einen halben Häuserblock von dem grellen Neonmeer entfernt blieb er stehen. Rechts von ihm lag ein öffentlicher Bunker, ein dunkler, tunnelartiger Eingang, in dem ein automatisches Drehkreuz schwach glitzerte. Der Einlaß kostete fünfzig Cents. Wenn er hier auf der Straße war und fünfzig Cents besaß, war alles in Ordnung. Schon oft hatte er sich während der Probealarme in den öffentlichen Bunkern aufgehalten. Aber an anderen Tagen, schrecklichen, alptraumhaften Tagen, die er nie vergessen konnte, da hatte er diese fünfzig Cents nicht besessen. Erstarrt und grauenerfüllt hatte er dagestanden, während die Menschen aufgeregt an ihm vorbeidrängten, und das schrille Jaulen der Sirenen war allgegenwärtig gewesen.

Langsam setzte er sich wieder in Bewegung, bis er das am hellsten erleuchtete Straßenstück erreicht hatte, die großen, glänzenden Schaufenster von General Electronics, zwei Blocks lang, von allen Seiten beleuchtet, ein gewaltiger Quader aus Licht und Farbenpracht. Er verharrte und betrachtete zum millionstenmal all die wundervollen Dinge, die Ausstellungsstücke, die ihn immer mit hypnotischer Kraft anzogen, wenn er daran vorbeikam.

In der Mitte der weitläufigen Ausstellungshalle befand sich ein einziges Objekt. Ein komplizierter, pulsierender Block aus Maschinerien und Versorgungseinrichtungen, Verstrebungen und dicken Mauern und luftdichten Schleusen. Alle

Scheinwerfer waren darauf gerichtet; riesige Plakate machten auf die zahllosen Vorteile des Bunkers aufmerksam - als hätte irgend jemand daran zweifeln können.

DER NEUE 1972 BOMBEN - UND STRAHLUNGSSICHERE UNTERGRUNDBUNKER IST EINGETROFFEN! ÜBERZEUGEN SIE SICH VON DEN VIELEN VERBESSERUNGEN:

*    automatischer Schleusenlift - funktionssicher, eigene Energieversorgung, Superversiegelung

*    Dreifach-Verschalung - widersteht garantiert einer Belastung von 5 g, ohne sich zu verformen

*    A-Energie versorgtes Heiz- und Kühlsystem - wartungsfreies Luftreinigungssystem

*    drei Dekontaminationsstufen für Nahrungsmittel und Wasser

*    vier Hygienephasen bei Strahlenverbrennungen

*    komplette antibiotische Rezirkulationsanlage

*    bequeme Ratenzahlung möglich

Lange Zeit starrte er den Bunker an. Hauptsächlich handelte es sich dabei um einen großen Tank mit einem Stutzen an dem einen Ende, dem Liftschacht, und einem Notausgang am anderen Ende. Der Bunker war vollkommen unabhängig von der Umgebung; eine Miniaturwelt, die Licht, Wärme, Luft, Wasser, Medikamente und fast unerschöpfliche Nahrungsmittelvorräte enthielt. Die volle Ausstattung umfaßte Video- und Tonbänder, Unterhaltungsstoff, Betten, Stühle, Fernseher, alles, was zu einem oberirdischen Heim gehörte. Tatsächlich war es auch ein Heim, das unter der Erde lag. Nichts fehlte, was vielleicht irgendwann einmal gebraucht werden würde. In dem Bunker war eine Familie sicher, konnte sich sogar wohlfühlen, und das auch während der schwersten H-Bombenangriffe oder bei bakteriolo

gischer Verseuchung.

Er kostete zwanzigtausend Dollar.

Während er stumm das massive Ausstellungsstück anstarrte, trat einer der Verkäufer hinaus auf den dunklen Bürgersteig und wandte sich in Richtung Cafeteria. „He, Kleiner", sagte er automatisch, als er an Mike Foster vorbeikam. „Nicht übel, was?"

„Darf ich nur einmal in den Bunker hinein?"

Der Verkäufer hielt an, als er den Jungen erkannte. „Du bist dieser Bursche", sagte er bedächtig, „dieser verdammte Bursche, der uns immer damit belästigt."