Die Türglocke läutete.
Chien erhob sich, ging zur Tür und öffnete sie, schon im voraus wissend, wen er dort antreffen würde. Richtig, dort stand auch schon Mou Kuei, der Hauswart, so schmal und hartäugig und pflichtbewußt wie immer; er trug seine Armbinde und den Metallhelm und verriet somit, daß er dienstlich hier war. „Mr. Chien, Genosse Parteiarbeiter. Ich habe einen Anruf von der Fernsehbehörde bekommen. Statt sich auf den Bildschirm zu konzentrieren, beschäftigten Sie sich mit einem Päckchen zweifelhaften Inhalts." Er hatte einen
Notizblock mitgebracht. „Zwei Rotvermerke, und weiterhin werden Sie hiermit angewiesen, sich in behaglicher, entspannter Haltung vor den Bildschirm zu setzen und dem Führer Ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu schenken. An diesem Abend sind seine Worte direkt an Sie gerichtet, Sir; an Sie."
„Das bezweifle ich", hörte Chien sich selbst sagen.
Kuei zwinkerte verblüfft und fragte: „Wie meinen Sie das?"
„Der Führer regiert über acht Milliarden Genossen. Da hat er mich bestimmt nicht unter all diesen Menschen als einzigen ausgesucht." Er war wütend; die Pedanterie, mit der ihn der Hauswart ermahnt hatte, ärgerte ihn.
„Aber ich habe es mit eigenen Ohren gehört", versicherte Kuei. „Er hat Sie gemeint."
Chien ging zum Fernsehgerät und drehte den Lautspecher auf. „Aber jetzt spricht er über Mißstande in Volksindien; das betrifft mich absolut nicht."
„Was auch immer der Führer sagt, ist relevant." Mou Kuei machte einen Vermerk in seinem Notizblock, verbeugte sich höflich und wandte sich ab. „Der Anruf, der mich dazu ver-anlaßte, zu Ihnen heraufzukommen und Sie wegen Ihrer Schlaffheit zu ermahnen, kam aus der Zentrale. Offenbar erachtet man Ihre Aufmerksamkeit als sehr wichtig; ich muß Sie anweisen, Ihr automatisches Aufzeichnungsgerät einzuschalten und die ersten Teile der Ansprache des Führers noch einmal anzuhören."
Chien rülpste. Und schloß die Tür.
Zurück zum Fernseher, sagte er zu sich. Vor dem wir unsere freien Stunden verbringen. Und dort lagen auch die beiden Prüfungsarbeiten der Studenten; auch mit ihnen mußte er sich noch beschäftigen. Und alles während meiner Mußestunden, dachte er verdrossen. Zur Hölle mit allem. Vor allem mit den Bonzen. Er trat an den Fernseher und wollte ihn abschalten; mit einem Mal blitzte ein rotes Warn licht auf und teilte ihm mit, daß er nicht die Erlaubnis besaß, das Gerät abzuschalten - er konnte das Geschwätz nicht einmal beenden, indem er den Stecker herauszog. Dieses endlose Gerede, kam es ihm in den Sinn, wird uns alle noch einmal töten und ins Grab bringen; wenn ich mich doch nur von diesem Sermon befreien könnte, von diesem Lärm, mit dem uns die Partei berieselt und die Menschheit verfolgt...
Aber es existierte zumindest keine Vorschrift, die es ihm verbot, Schnupftabak zu sich zu nehmen, während er dem Führer zusah. Also öffnete er das kleine graue Päckchen und schüttete ein kleines Häufchen der schwarzen Körner auf seinen linken Handrücken. Kunstfertig hob er dann seine Hand an die Nase und atmete tief ein, zog den Schnupftabak hoch hinauf bis in seine Stirnhöhle. Er erinnerte sich an den alten Aberglauben, nach dem die Stirnhöhle mit dem Gehirn in Verbindung stehen sollte, so daß durch das Inhalieren der Schnupftabak direkt auf das Gehirngewebe einwirken konnte. Er lächelte, setzte sich erneut hin, richtete seine Augen auf den Bildschirm und auf die gestikulierende Gestalt, die allen Menschen so vertraut war.
Das Gesicht schrumpfte zusammen und verschwand. Die Stimme verklang. Er sah sich Leere, einem Vakuum gegenüber. Der Bildschirm, weiß und leer wie er war, starrte ihn an und aus dem Lautsprecher drang ein leises Zischen.
Dieser verfluchte Schnupftabak, dachte er. Und inhalierte sorgfältig die letzten Reste des Puders, die noch auf seinem Handrücken verblieben waren, zog sie hinauf in seine Nase, seine Stirnhöhle und - so schien es ihm zumindest - direkt in sein Gehirn; er sog das Zeug ein und absorbierte es begeistert.
Der Bildschirm blieb leer, bis sich nach und nach ein neues Bild formte und verfestigte. Es war nicht der Führer. Nicht der Absolute Wohltäter des Volkes, und um genau zu sein, es war nicht einmal ein menschliches Gesicht.
Er sah sich einer toten mechanischen Konstruktion gegenüber, die aus soliden Schaltungen, beweglichen Teleskoparmen, Linsen und einem Sprechapparat bestand. Und der Sprechapparat begann, mit dröhnender Stimme, ihm Vorwürfe zu machen.
Wie gebannt starrte er es an und fragte sich: Was ist das? Die Wirklichkeit? Halluzinationen, entschied er. Der Hausierer muß an einige dieser psychedelischen Drogen herangekommen sein, die während des Befreiungskrieges eingesetzt wurden - er verkauft das Zeug und ich habe etwas, nein, eine ganze Menge davon genommen!
Unsicher näherte er sich dem Videofon und wählte die Nummer des nächstgelegenen Gepolreviers. „Ich möchte einen Pusher anzeigen, der mit halluzinogenen Drogen handelt", sagte er in das Mikrofon.
„Ihr Name, Sir, und Ihre Konap-Adresse." Der Polizeibeamte reagierte sachlich, brüsk und unpersönlich.
Er teilte ihm die gewünschten Informationen mit und taumelte dann zurück in seinen Kunstledersessel, um die Erscheinung auf dem Bildschirm erneut anzustarren. Die Droge wirkt bestimmt tödlich, sagte er sich. Sie muß eines von diesen Mitteln sein, die man in Washington D. C. oder in London entwickelt hat - stärker und seltsamer als das LSD-25, das so verdammt wirksam war, als man damit unsere Trinkwasservorräte verseuchte. Und ich habe geglaubt, es würde es mir erleichtern, die Rede des Führers zu ertragen... aber dies ist weit schlimmer, dieses elektronische, wirbelnde Monstrum aus Metall und Plastik, das immerfort daherredet - es ist einfach entsetzlich.
Wenn er sich vorstellte, dies für den Rest seines Lebens sehen zu müssen...
Das zweiköpfige Gepol-Team benötigte zehn Minuten, um sein Kondominium-Apartment zu erreichen und an die Tür zu klopfen. Und in der Zwischenzeit hatte das vertraute Ge sicht des Führers Stück für Stück die schreckliche künstliche Grimasse auf dem Bildschirm verdrängt, die mit ihren Tentakelarmen wedelte und immerfort schwätzte. An allen Gliedern bebend ließ er die beiden Polizisten ein und führte sie zu dem Tisch, wo er das restliche Zeug mitsamt der Verpackung hingelegt hatte.
„Ein psychedelisches Gift", erklärte er heiser. „Es wirkt nur kurze Zeit. Wird sofort durch die Nasenschleimhäute absorbiert und gelangt in den Blutkreislauf. Ich sage Ihnen gleich, von wem und wo ich es gekauft habe." Er holte tief Atem; die Anwesenheit der beiden Polizisten übte eine beruhigende Wirkung auf ihn aus.
Mit gezückten Kugelschreibern warteten die beiden Beamten.
Und die ganze Zeit über murmelte der Führer im Hintergrund seine Rede. So wie er es an Tausenden Abenden zuvor in Tung Chiens Leben getan hatte. Aber, dachte er, ich werde ihn niemals wieder wie früher sehen. Nicht mehr, seitdem ich dieses giftige Zeug inhaliert habe.
Ist es das, was sie beabsichtigt haben? fragte er sich.
Es erschien ihm merkwürdig, daß er sofort an sie als eine Gruppe dachte. Eigenartig - aber auf irgendeine Weise erschien ihm dieser Gedanke zutreffend zu sein. Einen Moment lang zögerte er, Einzelheiten zu nennen und den Polizisten alles zu erzählen, damit sie den Mann finden konnten. Ein Hausierer, wollte er sagen. Ich weiß nicht mehr, wo ich ihn traf, kann mich nicht mehr erinnern. Aber er erinnerte sich, kannte noch die Straßenkreuzung. Und so, trotz seines rätselhaften Widerwillens, erzählte er es ihnen.
„Danke, Genosse Chien." Vorsichtig griff der ranghöchste der beiden Beamten nach dem restlichen schnupftabakähnlichen Mittel - Chien hatte nicht viel davon genommen - und schob das Päckchen in eine Uniformtasche. Die Uniform wirkte stattlich, ordentlich. „Wir werden das Zeug so rasch wie möglich analysieren", erklärte der Polizist, „und Sie umgehend informieren, welches Gegenmittel in Ihrem Falle angebracht ist. Wie Sie zweifelsohne gelesen haben, haben einige dieser im Krieg eingesetzten psychedelischen Drogen eine ausgesprochen fatale Wirkung."