»Wenn davon auch nur ein Teil zutrifft, dann ist Sheng schon viel weiter, als wir gedacht hatten.«
»Nehmen Sie Ihre Papiere. Sie können von unseren Abwehrleuten und MI-6 anfordern, was Sie wollen. Studieren Sie alles, aber sehen Sie zu, daß Sie ein Schema finden, Edward. Wenn wir heute nacht einen Krongouverneur verlieren, dann könnte es sein, daß wir auf dem besten Wege sind, in ein paar Tagen ganz Hongkong zu verlieren. Und aus ganz falschen Gründen.«
»Man wird ihn schützen«, murmelte McAllister und ging mit besorgter Miene zur Tür.
»Darauf verlasse ich mich«, sagte der Botschafter, als der Staatssekretär das Zimmer verließ. Dann wandte er sich Catherine Staples zu. »Und Sie beginnen wirklich, mich zu verstehen?« fragte er.
»Das, was Sie sagen, und die Schlüsse, die Sie daraus ziehen, ja. Aber einige Einzelheiten sind mir noch völlig unklar«, erwiderte Catherine und sah mit einem eigenartigen Blick auf die Tür, die sich gerade geschlossen hatte. »Das ist ein seltsamer Mann, nicht wahr?«
»McAllister?«
»Ja.«
»Stört er Sie?«
»Im Gegenteil. Er verleiht allem, was man mir gesagt hat, eine gewisse Glaubwürdigkeit. Dem, was Sie gesagt haben, dieser Reilly - ich muß leider sagen, selbst Ihr Präsident.« Sie wandte sich wieder dem Botschafter zu. »Ich bin ganz ehrlich.«
»Das sollen Sie auch sein. Und ich begreife auch, auf welcher Wellenlänge Sie liegen. McAllister hat so ziemlich den besten analytischen Verstand im ganzen Außenministerium. Er ist ein brillanter Bürokrat, der es nie so weit bringen wird, wie er es verdient hätte.«
»Warum nicht?«
»Ich glaube, das wissen Sie, und wenn nicht, dann fühlen Sie es zumindest. Er ist ein durch und durch moralischer Mann, und diese Moral steht seinem Fortkommen im Wege. Wäre ich mit seinen moralischen Skrupeln geschlagen, dann wäre ich nicht der Mann geworden, der ich bin - und ich kann zu meiner Verteidigung nur hinzufügen, daß ich dann auch nie das geleistet hätte, was ich geleistet habe. Aber ich glaube, das wissen Sie auch. Das sagten Sie ja in etwa, als Sie hereinkamen.«
»Jetzt sind Sie ehrlich. Ich weiß das zu schätzen.«
»Das freut mich. Ich möchte, daß zwischen uns keine Unklarheiten bestehen bleiben, weil ich Ihre Hilfe brauche.«
»Marie?«
»Ja, und noch mehr«, sagte Havilland. »Was für Einzelheiten stören Sie? Was kann ich klären?«
»Diese Clearingstelle, diese Kommission aus Bankiers und Taipans, die Sheng zur Überwachung der Finanzpolitik der Kronkolonie vorschlagen will ...«
»Ich will es versuchen«, unterbrach der Diplomat. »Von außen betrachtet, werden sie nach Charakter und Position höchst unterschiedlich sein, aber in hohem Maße akzeptabel. Wie ich schon zu McAllister sagte, als wir uns das erstemal begegneten -wenn wir der Ansicht wären, daß dieser ganze verrückte Plan auch nur einen Hauch von Chance hätte, dann würden wir die Augen schließen und ihnen viel Erfolg wünschen. Aber er hat keine Chance. Alle mächtigen Männer haben Feinde; es wird hier in Hongkong und in Peking Skeptiker geben - neidische, süchtige Splittergruppen, die man ausgeschlossen hat -, und die werden tiefer bohren, als Sheng das erwartet. Ich nehme an, Sie wissen, was sie finden werden.«
»Daß alle Straßen, über und unter der Erde, nach Rom führen, wobei Rom in unserem Falle dieser Taipan ist, Shengs Vater, dessen Name in Ihren sorgfältig redigierten Dokumenten nie erwähnt wird. Er ist die Spinne, deren Netz zu jedem einzelnen Mitglied dieser Clearingstelle reicht. Er kontrolliert und lenkt sie alle. Sagen Sie mir, um Himmels willen, wer ist dieser Mann?«
»Wenn wir das nur wüßten«, sagte Havilland mit ausdrucksloser Stimme.
»Das wissen Sie wirklich nicht?« fragte Catherine Staples erstaunt.
»Wenn wir es wüßten, wäre das Leben viel einfacher, und ich hätte es Ihnen gesagt. Ich mache Ihnen hier nichts vor. Wir haben nie erfahren, wer er ist. Wie viele Taipans gibt es in Hongkong? Wie viele Eiferer, die sich im Sinne der Kuomintang an Peking rächen wollen? Ihrer Ansicht nach hat man ihnen China gestohlen. Ihr Mutterland, die Gräber ihrer Vorfahren, ihren Besitz - alles. Viele davon waren anständige Leute, Mrs. Staples, aber viele andere waren das nicht. Die politischen Führer, die Kriegsherren, die Großgrundbesitzer, die ungeheuer Reichen - sie waren eine privilegierte Schicht, die sich am Schweiß und an der Unterdrückung von Millionen bereichert hatte. Und wenn das wie kommunistische Propaganda klingt, so kann ich nur sagen, daß das der klassische Fall von Provokation war, der die Kommunisten überhaupt an die Macht gebracht hat. Wir haben es hier mit einer Handvoll besessener Verbannter zu tun, die das zurück haben wollen, was ihren Vorfahren einmal gehört hat. Die Korruption, die zu ihrem Sturz geführt hat, haben sie verdrängt.«
»Haben Sie einmal daran gedacht, sich persönlich mit Sheng zu treffen? Unter vier Augen?«
»Selbstverständlich, aber seine Reaktion ist leider vorhersehbar. Er würde sich empört geben und uns erklären, wenn wir uns solche schändlichen Hirngespinste ausdächten, um ihn damit in Mißkredit zu bringen, würde er die Chinaverträge zerreißen, uns der Doppelzüngigkeit bezichtigen und Hongkong sofort unter Pekings wirtschaftliches Protektorat stellen. Er würde behaupten, daß viele der alten Marxisten im Zentralkomitee einen solchen Schritt begrüßen würden, und damit hätte er sogar recht. Dann würde er uns ansehen und wahrscheinlich nur sagen: >Gentlemen, die Wahl liegt jetzt bei Ihnen. Guten Tag.<«
»Und wenn Sie die Verschwörung Shengs an die Öffentlichkeit bringen würden, würde dasselbe passieren, und er weiß, daß Sie das wissen«, sagte Catherine Staples und runzelte die Stirn. »Peking würde die Verträge für ungültig erklären und die Schuld dafür Taiwan und dem Westen geben - und Sie würden nicht einmal eine Wahl haben. Und daraus würde der wirtschaftliche Zusammenbruch folgen.«
»So sehen wir es auch«, pflichtete Havilland ihr bei.
»Und die Lösung?«
»Es gibt nur eine. Sheng.«
Catherine Staples nickte. »Harte Bandagen«, sagte sie.
»Der extremste Akt, wenn Sie das damit meinen.«
»Das meine ich allerdings«, sagte Catherine. »Und Maries Mann, dieser Webb, ist ein wesentlicher Teil dieser Lösung?«
»Jason Borowski ist ein wesentlicher Teil, ja.«
»Weil dieser Mann in seiner Maske, dieser Meuchelmörder, der sich Borowski nennt, von dem unglücklichen Mann, in dessen Maske er steckt, in die Falle gelockt werden kann, wie McAllister es formuliert hat, wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Er nimmt seine Stelle ein, kommt an Sheng heran und greift zu harten Bandagen ... zum Teufel, er bringt ihn um.«
»Ja. Natürlich irgendwo in China.«
»In China ... natürlich?«
»Ja, damit das Ganze wie eine innere Angelegenheit aussieht, ein Brudermord, ohne Verbindung nach außen. Peking kann die Schuld niemand anderem geben, nur unbekannten Feinden Shengs in der eigenen Hierarchie. Aber wenn es an diesem Punkt geschieht, ist das wahrscheinlich ohnehin belanglos. Die Welt wird offiziell wochenlang nichts von Shengs Tod hören, und wenn dann eine Verlautbarung erfolgt, dann wird man sein >plötzliches Hinscheiden< ohne Zweifel einem Herzinfarkt oder einer Gehirnblutung zuschreiben. Von Mord wird ganz sicher keine Rede sein. Der Riese führt seine Verwirrung nicht vor, er verbirgt sie.«
»Und genau das ist es, was Sie wollen.«
»Natürlich. Die Welt dreht sich weiter, und die Taipans werden von ihrem Ursprung abgeschnitten. Shengs Clearingstelle bricht zusammen wie ein Kartenhaus, und vernünftige Männer fahren fort, zum Nutzen aller, die Verträge zu respektieren ... Aber davon sind wir noch weit entfernt, Mrs. Staples. Zunächst einmal wäre da heute, heute nacht. Kai-tak. Das könnte der Anfang vom Ende sein, da uns keine Gegenmaßnahmen zur Verfügung stehen. Wenn ich ruhig wirke, dann täuscht das, ich habe über viele Jahre hinweg gelernt, meine Anspannung zu verbergen. Es gibt im Augenblick nur zwei Dinge, die mich trösten, nämlich, daß die Sicherheitskräfte der Kronkolonie zu den besten der Welt zählen, und zweitens, daß Peking von der Situation informiert ist. Hongkong verbirgt nichts und will das auch gar nicht. Und so wird es in gewissem Sinne sowohl ein gemeinsames Risiko als auch ein gemeinsames Anliegen, den Krongouverneur zu schützen.«