»Und was hilft das, wenn das Schlimmste geschieht?«
»Es hilft zumindest im psychologischen Sinne. Es könnte den Anschein, wenn nicht gar die Tatsache der Instabilität abwenden, weil die Katastrophe schon von vorneherein als ein isolierter Gewaltakt abgestempelt ist, und nicht etwa ein Symptom ist für irgendwelche Unruhen in der Kronkolonie. Und was das Wichtigste ist, sie betrifft beide Teile. Beide Delegationen haben ihre Militäreskorten, und die wird man einsetzen.«
»Das heißt, man kann mit ausgefeilten Protokollformalitäten eine Krise unter Kontrolle halten?«
»Nach allem, was ich gehört habe, kann man Ihnen in bezug auf Krisen und wie man sie unter Kontrolle hält, nichts beibringen, auch nicht, wie man sie auslöst. Außerdem kann es immer zu Entwicklungen kommen, die solche Formalitäten auf den Müll kehren können. Und trotz allem, was ich gesagt habe, habe ich Todesangst. So viel kann schiefgehen, falsch eingeschätzt werden - und darin liegt die wahre Gefahr, Mrs. Staples. Wir können nichts anderes tun als warten, und Warten ist das Allerschwerste, es kostet die meiste Energie.«
»Ich habe noch Fragen«, sagte Catherine.
»Fragen Sie, soviel Sie wollen. Bringen Sie mich zum Nachdenken, zum Schwitzen, wenn Sie das können. Das hilft uns vielleicht beiden und lenkt uns vom Warten ab!«
»Sie sagten gerade etwas in bezug auf meine fragwürdige Fähigkeit im Eindämmen von Krisen; aber dann haben Sie noch hinzugefügt - ich glaube, eher vertraulich -, daß ich sie auch auslösen könnte.«
»Es tut mir leid, ich konnte einfach nicht widerstehen. Das ist eine schlimme Angewohnheit.«
»Ich nehme an, Sie haben damit den Attache gemeint, John Nelson.«
»Wen? ... O ja, den jungen Mann aus dem Konsulat. Was ihm an Urteilsvermögen fehlt, ersetzt er durch Courage.«
»Sie irren sich.«
»In bezug auf sein Urteilsvermögen?« fragte Havilland, und seine dichten Augenbrauen schoben sich in mildem Erstaunen zusammen. »Wirklich?«
»Ich will seine Schwächen nicht entschuldigen, aber er ist einer der besten Leute, die Sie haben. Sein Urteilsvermögen in beruflichen Dingen ist dem der meisten Ihrer erfahreneren Leute überlegen. Fragen Sie, wen Sie wollen, der mit ihm zu tun hatte. Außerdem ist er einer der wenigen, die verdammt gut Kantonesisch sprechen.«
»Und außerdem hat er eine Operation kompromittiert, von der er wußte, daß sie unter die höchste Geheimhaltungsstufe fiel«, sagte der Diplomat knapp.
»Wenn er das nicht getan hätte, hätten Sie mich nicht gefunden. Sie wären nicht auf Armeslänge an Marie St. Jacques herangekommen.«
»Armeslänge ...« Havilland beugte sich vor und seine Augen blickten zornig und zugleich fragend. »Sie werden sie doch auf keinen Fall weiterhin verstecken?«
»Wahrscheinlich nicht. Ich habe mich noch nicht entschieden.«
»Mein Gott, Frau, nach allem, was man Ihnen gesagt hat! Sie muß hierher kommen! Ohne sie haben wir verloren, haben wir alle verloren! Wenn Webb herausfinden würde, daß sie nicht bei uns ist, daß sie verschwunden ist, würde er den Verstand verlieren! Sie müssen sie ausliefern!«
»Das ist es ja, worauf ich hinausmöchte. Ich kann sie jederzeit ausliefern. Es braucht nicht dann zu sein, wenn Sie es sagen.«
»Nein!« donnerte der Botschafter. »Wenn und falls unser Jason Borowski seinen Auftrag erledigt hat, wird es zu einer Anzahl von Telefonaten kommen, in denen direkter Kontakt zwischen ihm und seiner Frau hergestellt wird!«
»Ich werde Ihnen keine Telefonnummer geben«, sagte Catherine ruhig. »Ebensogut könnte ich Ihnen gleich eine Adresse geben.«
»Sie wissen nicht, was Sie tun! Was muß ich denn noch sagen, um Sie zu überzeugen!«
»Ganz einfach. Erteilen Sie John Nelson einen mündlichen Verweis. Sorgen Sie dafür, daß nichts in die Akten kommt, und behalten Sie ihn hier in Hongkong, wo die Chance am größten ist, daß man seine Fähigkeiten anerkennt.«
»Herrgott!« explodierte Havilland. »Er ist drogensüchtig!«
»Das ist lächerlich, aber typisch für die primitive Reaktion eines amerikanischen Moralapostels, wenn man ihm nur die richtigen Stichwörter nennt.«
»Bitte, Mrs. Staples -«
»Man hat ihn unter Drogen gesetzt; er nimmt keine Drogen. Seine Grenze sind drei Wodka Martini, und er mag Mädchen. Ich weiß natürlich, daß einige Ihrer männlichen Attaches Knaben vorziehen und eine Grenze haben, die eher bei sechs Martinis liegt, aber wer zählt schon nach? Offen gestanden, mir ist es verdammt gleichgültig, was Erwachsene innerhalb der vier Wände eines Schlafzimmers tun - ich glaube einfach nicht, daß es Einfluß auf das hat, was sie außerhalb des Schlafzimmers tun -, aber Washington kann sich einfach nicht von der fixen Idee lösen, daß -«
»Also gut, Mrs. Staples! Nelson bekommt einen Verweis von mir -, der Generalkonsul wird nicht verständigt und nichts kommt in seine Akten. Sind Sie jetzt zufrieden?»
»Wir kommen einander näher. Rufen Sie ihn heute nachmittag an und sagen Sie ihm das. Und sagen Sie ihm auch, daß er Ordnung in seine Angelegenheiten bringen soll, wenn er weiß, was gut für ihn ist.«
»Es wird mir ein Vergnügen sein. Noch etwas?«
»Ja, und ich fürchte, ich weiß nicht, wie ich das formulieren muß, um Sie nicht zu beleidigen.«
»Bis jetzt haben Sie ja auch keine Hemmungen gehabt.«
»Jetzt habe ich aber Hemmungen, weil ich viel mehr weiß als vor drei Stunden.«
»Dann beleidigen Sie mich eben, Verehrteste.«
Catherine hielt inne, und als sie dann den Mund aufmachte, war ihre Stimme ein einziger Schrei, ein Flehen um Verständnis. Sie war hohl und füllte doch den ganzen Raum.
»Warum? Warum haben Sie das getan? Gab es denn gar keinen anderen Weg?«
»Ich nehme an, Sie meinen Mrs. Webb.«
»Natürlich meine ich Mrs. Webb, und genauso ihren Mann! Ich habe Sie das schon einmal gefragt: Haben Sie eigentlich eine Ahnung, was Sie denen angetan haben? Das ist barbarisch, und das meine ich im ganzen häßlichen Sinn des Wortes. Sie haben die beiden auf eine Art mittelalterliches Folterinstrument geschnallt und buchstäblich ihren Verstand und ihren Körper auseinandergezerrt und sie dazu gezwungen, mit dem Wissen zu leben, daß sie einander vielleicht nie wieder sehen werden. Jeder von beiden glaubt, daß eine einzige falsche Entscheidung, die er trifft, zum Tod des anderen führen wird. Ein amerikanischer Anwalt hat bei einer Senatsanhörung einmal eine Frage gestellt, und ich fürchte, ich muß diese Frage jetzt Ihnen stellen ... haben Sie kein Gefühl für Anstand, Herr Botschafter?«
Havilland sah Catherine Staples müde an. »Ich habe ein Gefühl für Pflicht«, sagte er, und seine Stimme klang müde und sein Gesicht wirkte dabei abgehärmt. »Ich mußte schnell eine Situation schaffen, die eine sofortige Reaktion auslösen würde, den Zwang, sofort zu handeln. Das Ganze beruhte auf einem Ereignis in Webbs Vergangenheit, etwas Schrecklichem, das einen zivilisierten jungen Gelehrten in einen hochkarätigen Guerilla< verwandelte, wie man es öfter ausgedrückt hat. Ich habe diesen Mann gebraucht, diesen Jäger, aus all den Gründen, die Sie gehört haben. Er ist hier und er hat die Jagd aufgenommen. Und ich nehme an, seine Frau ist unverletzt, und es liegt wohl auf der Hand, daß wir nie etwas anderes mit ihr vorhatten.«