»Dieses Ereignis in Webbs Vergangenheit. Das war seine erste Frau? In Kambodscha?«
»Das wissen Sie also?«
»Marie hat es mir gesagt. Seine Frau und seine beiden Kinder wurden von einem Tiefflieger getötet, der auf einen Fluß herunterstieß und das Wasser, in dem sie spielten, beschoß.«
»Und er wurde ein anderer Mensch«, sagte Havilland und nickte. »Sein Verstand setzte aus, und dieser Krieg wurde sein Krieg, obwohl Saigon ihn überhaupt nicht interessierte. Er ließ seiner Empörung auf die einzige Art, die er kannte, freien Lauf, kämpfte gegen einen Feind, der ihm sein Leben gestohlen hatte. Gewöhnlich übernahm er nur die kompliziertesten und gefährlichsten Aufträge, wo es um größere Ziele ging, Ziele, wie sie gewöhnlich nur auf höchster Ebene diskutiert wurden. Ein Arzt sagte einmal, Webb tötete in seinem verwirrten Geisteszustand die Killer, die andere geistesgestörte Killer ausschickten. Ich kann mir vorstellen, daß das einen Sinn ergibt.«
»Und indem Sie ihm seine zweite Frau in Maine wegnahmen, haben Sie seinen gespenstischen ersten Verlust wieder in ihm wachgerufen. Das Erlebnis, das aus ihm diesen hochkarätigen Guerilla< machte und später Jason Borowski, den Jäger von Carlos, dem Schakal.«
»Ja, Mrs. Staples, den Jäger«, warf der Diplomat leise ein. »Ich wollte diesen Jäger sofort hier haben. Ich konnte keine Zeit vergeuden - keine Minute -, und ich sah keine andere Möglichkeit.«
»Er ist ein Wissenschaftler, ein Orientalist!« schrie Catherine. »Er begreift die Dynamik Asiens wesentlich besser als irgend jemand von uns, die wir uns als Experten bezeichnen. Hätten Sie nicht an ihn appellieren können, an seinen Sinn für Geschichte appellieren und ihm die Konsequenzen dessen, was geschehen könnte, vor Augen halten?«
»Er mag Wissenschaftler sein, aber in erster Linie ist er ein Mann, der - mit gewissem Recht - glaubt, daß seine eigene Regierung ihn verraten hat. Er hat um Hilfe gebeten, und man hat ihm eine Falle gestellt, in der er sterben sollte. Das ist eine Barriere, die ich mit keinem Appell hätte überwinden können.«
»Aber Sie hätten es doch versuchen können!«
»Und eine Verzögerung riskieren, wo doch jede Stunde zählte? In gewisser Hinsicht tut es mir leid, daß Sie nie in meiner Lage waren. Dann würden Sie mich vielleicht wirklich verstehen.«
»Frage«, sagte Catherine und hob die Hand. »Was bringt Sie eigentlich auf den Gedanken, daß David Webb nach China gehen und dort Jagd auf Sheng machen wird, wenn er den Mann, der in seine Rolle geschlüpft ist, wirklich finden und erledigen sollte? So wie ich es verstehe, lautet die Abmachung doch, daß er den Mann ausliefern soll, der sich Jason Borowski nennt. Anschließend soll er Marie zurückbekommen.«
»An dem Punkt ist es, wenn es wirklich dazu kommt, nicht mehr wichtig. Dann sagen wir ihm, warum wir das alles getan haben. Dann werden wir an seine Erfahrung appellieren und die weltweiten Konsequenzen aufzeigen, die Shengs Machenschaften haben könnten. Wenn er dann aussteigt, haben wir ein paar erfahrene Agenten, die seine Stelle einnehmen können. Das sind nicht gerade Männer, die Sie Ihrer Mutter vorstellen würden, aber sie stehen zur Verfügung und können den Auftrag übernehmen.«
»Wie?«
»Codes, Mrs. Staples. Zu den Methoden des echten Jason Borowski gehörten immer Codes, die er mit seinen Klienten verabredete. Das ist ein Teil der Legende, die er bewußt aufgebaut hat, und der andere Jason Borowski hat jede
Einzelheit des Originals studiert. Sobald wir diesen neuen Borowski in der Hand haben, werden wir, so oder so, die Information aus ihm herausholen, die wir brauchen. Wir werden wissen, wie man an Sheng herankommt, und mehr brauchen wir nicht zu wissen. Ein einziges Zusammentreffen am Jadeturmberg. Ein Mann wird umgebracht, und die Welt dreht sich weiter. Eine andere Lösung fällt mir nicht ein. Hätten Sie eine?«
»Nein«, sagte Catherine leise und schüttelte langsam den Kopf. »Das ist ein Kampf mit harten Bandagen.«
»Geben Sie uns Mrs. Webb.«
»Ja, natürlich, aber nicht heute. Sie muß noch dort bleiben. Und Sie haben mit Kai-tak schon genug Sorgen. Ich habe sie in eine Wohnung in Tuen Mun in den New Territories gebracht. Sie gehört einem Freund von mir. Außerdem habe ich sie zu einem Arzt gebracht, der ihr die Füße verbunden hat - sie hat sie sich auf der Flucht vor Lin verletzt -, und der Arzt hat ihr ein Beruhigungsmittel gegeben. Mein Gott, die Frau ist ein Wrack; sie hat seit Tagen nicht mehr geschlafen, und auch die Tabletten haben ihr letzte Nacht nicht geholfen; sie war zu angespannt, hatte immer noch zuviel Angst. Ich bin bei ihr geblieben, und sie hat bis zum frühen Morgen geredet. Lassen Sie sie ausruhen. Ich hole sie morgen früh ab.«
»Wie werden Sie das anstellen? Was werden Sie sagen?«
»Das weiß ich noch nicht. Ich werde sie nachher anrufen und versuchen, sie zu beruhigen. Ich werde ihr sagen, daß ich Fortschritte mache - und zwar größere, als ich gedacht hatte. Ich will ihr nur Hoffnung einflößen, damit die Anspannung nachläßt. Ich werde ihr sagen, sie soll sich in der Nähe des Telefons aufhalten und sich so gut wie möglich ausruhen, und daß ich am Morgen zu ihr komme, wahrscheinlich mit guten Nachrichten.«
»Ich würde Ihnen gerne jemanden mitschicken«, sagte Havilland. »Ein paar Leute, darunter McAllister. Er kennt sie, und ich glaube ehrlich, seine moralische Überzeugungskraft müßte auf sie wirken. Das wäre eine Bestätigung Ihrer Geschichte.«
»Ja, das ist möglich«, nickte Catherine. »Wie Sie schon gesagt haben, McAllister hat auf mich auch so gewirkt. Also gut, aber Ihre Leute sollen sie in Ruhe lassen, bis ich mit ihr gesprochen habe, und das könnte ein paar Stunden dauern. Sie mißtraut Washington zutiefst, und es wird einige Mühe kosten, sie zu überzeugen. Es geht um ihren Mann, und sie liebt ihn sehr. Ich kann und werde ihr nicht sagen, daß ich angesichts der außergewöhnlichen Umstände - unter anderem auch des möglichen wirtschaftlichen Zusammenbruchs von Hongkong-die Gründe Ihres Handelns verstehe. Sie muß vor allem begreifen, daß sie ihrem Mann näher ist, wenn sie bei Ihnen ist, als wenn sie vor Ihnen davonläuft. Es könnte natürlich sein, daß sie versucht, Sie umzubringen. Aber das ist Ihr Problem. Sie ist eine sehr feminine, gut aussehende Frau, mehr als attraktiv, wirklich eine Schönheit. Aber Sie dürfen auch nicht vergessen, daß sie von einer Ranch in Calgary kommt. Ich würde Ihnen nicht raten, sich alleine in einem Zimmer mit ihr aufzuhalten. Ich bin sicher, daß sie Kälber zu Boden gerungen hat, die viel stärker sind als Sie.«
»Ich hole einen Trupp Ledernacken herein.«
»Ja nicht. Sie ist imstande, die Ledernacken auf Sie zu hetzen. Ich habe selten einen Menschen mit so viel Überzeugungskraft kennengelernt.«
»Das muß wohl stimmen«, erwiderte der Botschafter und lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Sie hat einen Mann ohne Identität, einen Mann voll übermächtiger Schuldgefühle dazu gebracht, in sich hineinzuschauen und aus den Irrgängen seines verwirrten Bewußtseins herauszufinden. Keine leichte
Aufgabe... Erzählen Sie mir von ihr - nicht die trockenen Fakten in einer Akte, sondern etwas über die Person, den Menschen.«