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Das tat Catherine, erzählte, was ihre Beobachtungen und ihr Instinkt ihr vermittelt hatten, und ein Aspekt führte zum nächsten, zu neuen Fragen. Die Zeit verstrich; und alle paar Minuten kamen wieder Telefonanrufe, die Havilland über das Geschehen auf dem Kai-tak-Flughafen informierten. Die Sonne versank hinter den Gartenmauern. Ein leichtes Abendessen wurde gereicht.

»Würden Sie Mr. McAllister fragen, ob er mit uns essen möchte?« sagte Havilland zu einem Steward.

»Ich habe Mr. McAllister gefragt, ob ich ihm etwas bringen dürfte, Sir, und er hat mich abgekanzelt. Er hat mir erklärt, ich solle ihn gefälligst in Ruhe lassen.«

»Schon gut, vielen Dank.«

Weitere Telefonanrufe kamen; jetzt war das Thema Marie St. Jacques erschöpft, und das Gespräch wandte sich ganz dem Geschehen in Kai-tak zu. Catherine Staples beobachtete den Diplomaten voll Verwunderung, denn je mehr sich die Krise zuspitzte, desto langsamer und beherrschter wurde seine Sprache.

»Erzählen Sie mir von sich, Mrs. Staples. Natürlich nur, was Sie wollen, und nur berufliche Dinge.«

Catherine musterte Raymond Havilland und begann dann ruhig: »Ich entstamme einem Maiskolben aus Ontario ...«

»Ja, natürlich«, sagte der Botschafter völlig ernsthaft und sah das Telefon an.

Jetzt begriff Catherine Staples. Dieser gefeierte Staatsmann führte ein belangloses Gespräch, während seine Gedanken bei einem völlig anderen Thema weilten. Kai-tak. Immer wieder schweiften seine Augen zum Telefon hinüber; alle paar Augenblicke drehte er das Handgelenk herum, um auf die Uhr sehen zu können, und doch entging ihm keine Lücke in ihrem Dialog, wenn eine Antwort von ihm erwartet wurde.

»Mein ehemaliger Mann verkauft Schuhe -«

Havillands Kopf ruckte von der Uhr hoch. Man hätte ihm ein verlegenes Lächeln nicht zugetraut, aber jetzt huschte eines um seine Lippen. »Sie haben mich erwischt«, sagte er.

»Schon vor langer Zeit«, sagte Catherine.

»Das hat einen Grund. Ich kenne Owen Staples recht gut.«

»Das kann ich mir denken. Ich kann mir vorstellen, daß Sie in denselben Kreisen verkehren.«

»Ich habe ihn letztes Jahr beim Queens-Rennen in Toronto gesehen. Ich glaube, eines seiner Pferde ist recht gut gelaufen. Er hat in seinem Cutaway großartig ausgesehen, aber schließlich war er auch einer der Begleiter der Königinmutter.«

»Als wir noch verheiratet waren, konnte er sich nicht einmal einen Anzug von der Stange leisten.«

»Wissen Sie«, sagte Havilland, »als ich über Sie nachlas und von Owen erfuhr, war ich einen Augenblick lang versucht, ihn anzurufen. Selbstverständlich nicht, um ihm irgend etwas zu sagen, aber um mich bei ihm nach Ihnen zu erkundigen. Und dann dachte ich, mein Gott, in diesem Zeitalter höflicher Umgangsformen zwischen Geschiedenen - am Ende reden die beiden noch miteinander. Dann hätte ich mir die Pfoten verbrannt.«

»Wir reden noch miteinander. Und Sie haben sich die Pfoten verbrannt, als Sie nach Hongkong kamen.«

»In Ihren Augen vielleicht. Aber erst nachdem Webbs Frau an Sie herangetreten war. Sagen Sie mir, was dachten Sie, als Sie hörten, daß ich hier sei?«

»Daß die Engländer Sie zu Konsultationen bezüglich der Verträge hergebeten hatten.«

»Sie schmeicheln mir -«

Das Telefon klingelte, und Havilland griff nach dem Hörer. Es war Lin, der über die Fortschritte in Kai-tak berichtete, oder genauer gesagt, wie sich gleich erwies, darüber, daß sie überhaupt keine Fortschritte machten.

»Warum blasen die nicht einfach die ganze verdammte Geschichte ab?« fragte der Botschafter zornig. »Die sollen sie in ihre Limousinen stopfen und verschwinden!« Die Antwort des Majors machte Havilland nur noch wütender. »Das ist doch lächerlich! Hier geht es nicht ums Gesicht, mir geht es um ein mögliches Attentat! Unter diesen Umständen gibt es keinen Platz für Imagepflege oder Ehre, und glauben Sie mir, die Welt hat Wichtigeres zu tun, als sich um diese verdammte Pressekonferenz zu kümmern. Der größte Teil schläft sogar, Herrgott noch mal!« Wieder hörte der Diplomat zu. Lins Bemerkungen verblüfften ihn nicht nur, sondern sie machten ihn wütend. »Der Chinese hat das gesagt? Das ist doch absurd! Peking hat kein Recht, solche Forderungen zu stellen! Das ist -« Havilland sah Catherine Staples an. »Das ist barbarisch! Jemand sollte denen sagen, daß es nicht darum geht, ihre asiatischen Gesichter zu retten, sondern das des englischen Krongouverneurs, und zwar wörtlich, weil es nicht nur um sein Gesicht geht, sondern um seinen Kopf!« Schweigen; die Augen des Botschafters blinzelten resigniert und zornig. »Ich weiß, ich weiß. Der rote Stern muß strahlen, und wenn die Nacht noch so zappenduster ist. Sie können nichts tun, also tun Sie Ihr Bestes, Major. Rufen Sie mich weiter an. Wie eines meiner Enkelkinder das formuliert, >ich glaub, mich streift ein Bus<, was auch immer das bedeuten mag.« Havilland legte auf und sah zu Catherine hinüber. »Anweisung aus Peking. Die Delegationen sollen angesichts westlicher Terrorakte nicht weglaufen. Sie sind zu schützen, aber die Schau muß weitergehen.«

»London würde da vermutlich auch zustimmen. >Die Schau muß weitergehen< klingt vertraut.«

»Anweisung aus Peking ...«, sagte der Diplomat leise, ohne auf Catherine zu hören. »Anweisung von Sheng!«

»Sind Sie ganz sicher?«

»Er gibt doch den Ton an. Mein Gott, er ist bereit!«

Die Spannung wuchs jede Viertelstunde, bis die Luft förmlich mit Elektrizität erfüllt war. Jetzt fing es zu regnen an, und dann ging ein Wolkenbruch nieder und prasselte gegen die Fensterscheiben. Ein Fernsehgerät wurde hereingerollt und eingeschaltet, und der Amerikaner und die Kanadierin blickten schweigend und voller Angst auf den Bildschirm. Der riesige Jet rollte im strömenden Regen auf den Landeplatz zu, wo die Reporter und die Kameraleute warteten. Zuerst kamen die englischen und die chinesischen Ehrengarden gleichzeitig aus der offenen Tür. Aber statt gemessenen Schritts die Treppe herunterzugehen, wie man das von solchen Militäreskorten erwartete, bezogen die Soldaten blitzschnell flankierende Positionen an der Metalltreppe. Die Ellbogen zum Himmel gerichtet, die Waffen fest in der Hand und schußbereit. Dann traten die Politiker selbst heraus, winkten den Zuschauern zu und kamen, ihren verlegen grinsenden Hofstaat im Schlepptau, die Treppe herunter. Die seltsame >Pressekonferenz< begann, und Staatssekretär Edward McAllister stürmte ins Zimmer und ließ die schwere Tür gegen die Wand krachen, so schwungvoll riß er sie auf.

»Ich hab's!« rief er mit einem Blatt Papier in der Hand. »Ich bin ganz sicher, daß ich's hab!«

»Beruhigen Sie sich, Edward! Reden Sie vernünftig.«

»Die chinesische Delegation!« schrie McAllister atemlos, rannte auf den Diplomaten zu und hielt ihm das Papier hin. »Sie wird von einem Mann namens Lao Sing angeführt! Als zweiter steht ein General namens Yunshen auf der Liste! Beides mächtige Leute, die sich jahrelang gegen Sheng Chou Yang gestellt haben und im Zentralkomitee ganz offen gegen seine

Politik opponiert haben! Daß sie in die Verhandlungskommission aufgenommen wurden, war ein symbolischer Akt Shengs, um das Gleichgewicht herzustellen -was ihn in den Augen der alten Garde natürlich aufgewertet hat.«

»Um Himmels willen, was wollen Sie damit sagen?« »Es geht nicht um den Krongouverneur! Nicht nur um ihn! Es geht um sie alle! Er wird mit einem Schlag seine zwei stärksten Widersacher in Peking los und macht sich selbst den Weg frei. Dann setzt er, wie Sie das formuliert haben, seine Clearingstelle ein - seine Taipans -, und zwar zu einem Zeitpunkt, wo beide Regierungen geschwächt sind!«

Havilland riß den Hörer vom Telefon. »Ich brauche Lin in Kai-tak«, befahl er der Vermittlung. »Schnell! ... Major Lin bitte. Sofort!... Was soll das heißen, er ist nicht da? Wo ist er? ... Wer ist das? ... Ja, ich weiß, wer Sie sind. Hören Sie mir zu, und zwar gut! Der Anschlag gilt nicht nur dem Krongouverneur. Es ist viel schlimmer. Zwei Angehörige der chinesischen Delegation gehören auch dazu. Trennen Sie alle Gruppen - das wissen Sie? ... Ein Mann vom Mossad? Was, zum Teufel ...? Eine solche Vereinbarung gibt es nicht, die kann es gar nicht geben! ... Ja, selbstverständlich, ich gehe aus der Leitung.« Mit bleichem Gesicht und heftig atmend sah der Diplomat die Wand an und sagte dann mit kaum hörbarer Stimme: »Die haben das herausgefunden, Gott weiß, wie, und haben sofort Gegenmaßnahmen eingeleitet ... wer? Um Gottes willen, wer war das?«