»Was soll das dumme Gerede? Ich will wissen, warum wir hier sind. Warum haben Sie ihn nicht bezahlt, und wir verschwinden wie der Teufel von hier?«
»Man ...!« sagte der Chinese und zog das Wort in die Länge, so daß es ganz amerikanisch klang. »Der Typ ist vielleicht sauer! Was juckt ihn denn?«
»Mich juckt, daß ich zu dem Boot zurück will. Ich hab jetzt wirklich keine Zeit zum Teetrinken!«
»Wie wäre es mit Scotch?« sagte der Offizier der Volksrepublik, griff hinter sich, und die Hand brachte eine Flasche höchst akzeptablen Whiskys zum Vorschein. »Wir müssen aus der Flasche trinken, aber ich glaube nicht, daß wir Chinesen ansteckende Krankheiten haben. Wir baden, putzen uns die Zähne und schlafen mit sauberen Huren - zumindest sorgt meine Regierung dafür, daß sie sauber sind.«
»Wer, zum Teufel, sind Sie?« fragte Jason Borowski.
»Gamma genügt, davon hat Echo mich überzeugt. Und was ich bin - das überlasse ich Ihrer Phantasie. USC wäre nicht schlecht geraten - das ist die Universität von Südkalifornien -mit anschließenden Studien in Berkeley -, während der Studentenunruhen in den sechziger Jahren, daran erinnern Sie sich sicher.«
»Zu diesem Klüngel haben Sie also gehört!«
»Im Gegenteil! Ich war ein aufrechter Konservativer, Mitglied der John-Birch-Gesellschaft, und wenn es nach uns gegangen wäre, hätte man die alle erschossen! Grölende Krawallmacher, denen die moralischen Ziele ihrer Nation scheißegal waren.«
»Wir reden hier wirklich Quatsch.«
»Mein Freund Gamma«, unterbrach d'Anjou, »ist der perfekte Mittelsmann. Er ist ein gebildeter Doppel- oder Dreifach- oder möglicherweise Vierfachagent, der für alle Seiten zum Nutzen seiner eigenen Interessen tätig ist. Er ist ein total amoralischer Mensch, und dafür respektiere ich ihn.«
»Sie sind nach China zurückgegangen? In die Volksrepublik?«
»Ja, weil dort das Geld war«, gab der Offizier zu. »Jede repressive Gesellschaft bietet den Leuten ungeheure Chancen, die bereit sind, für die Unterdrückten gewisse kleinere Risiken auf sich zu nehmen. Fragen Sie doch die Kommissare in Moskau und im Ostblock. Natürlich muß man Kontakte im Westen haben und gewisse Talente besitzen, die auch den eigenen Vorgesetzten nützlich sind. Zum Glück bin ich ein ausgezeichneter Segler, das habe ich Freunden in San Francisco zu verdanken, die Jachten und kleine Motorboote hatten. Eines Tages werde ich dorthin zurückkehren. Ich mag San Francisco wirklich.«
»Versuchen Sie gar nicht erst, sich über seine Schweizer Konten den Kopf zu zerbrechen«, sagte d'Anjou. »Wir wollen uns doch lieber darauf konzentrieren, warum Gamma uns in diesem Sturm eine so angenehme Behausung vorbereitet hat.« Der Franzose griff nach der Flasche und trank.
»Das wird Sie eine Stange Geld kosten, Echo«, sagte der Chinese.
»Was wäre bei Ihnen schon gratis? Also?« D'Anjou reichte Jason die Flasche weiter.
»Darf ich vor Ihrem Begleiter sprechen?«
»Alles, was Sie wollen.«
»Sie wollen die Information haben. Ich garantiere dafür. Der Preis beträgt eintausend amerikanische Dollar.«
»Und das ist alles?«
»Das sollte reichen«, sagte der chinesische Offizier und nahm Borowski die Flasche weg. »Sie sind zu zweit, und mein Streifenboot liegt eine halbe Meile von hier entfernt in einer kleinen Bucht. Meine Mannschaft ist der Meinung, ich treffe mich mit einem unserer Agenten in der Kronkolonie.«
»Ich will also die Information haben, Sie garantieren mir das. Und dafür soll ich tausend Dollar rausrücken, wo es doch durchaus möglich ist, daß Sie ein Dutzend Zhongguo ren im Gebüsch versteckt haben.«
»Vertrauen ist gut.«
»Kontrolle ist besser«, konterte der Franzose. »Keinen Sou bekommen Sie, bis ich weiß, was Sie verkaufen.«
»Typisch französisch«, sagte Gamma und schüttelte den Kopf. »Also gut. Es betrifft Ihren Jünger, den, der seinem Herrn und Meister nicht mehr folgt, sondern sich lieber seine dreißig Silberlinge und noch eine ganze Menge mehr auszahlen läßt.«
»Den Meuchelmörder?«
»Bezahlen Sie ihn!« befahl Borowski und starrte den chinesischen Offizier an.
D'Anjou sah zuerst Jason an und dann den Mann, der sich Gamma nannte, dann zog er den Pullover hoch und öffnete die Gürtelschnalle der triefend nassen Hose. Er griff darunter und holte einen Geldgurt aus Öltuch heraus, zog den Reißverschluß der mittleren Tasche auf und entnahm dem Gürtel Geldscheine, die er dem chinesischen Offizier hinhielt. »Dreitausend für heute nacht und tausend für diese neue Information. Der Rest ist Falschgeld. Ich habe immer zusätzliche Tausend für irgendwelche Notfälle bei mir, aber nur tausend -«
»Die Information«, unterbrach Jason Borowski.
»Er hat dafür bezahlt«, erwiderte Gamma, »also ist er mein Gesprächspartner.«
»Mir ist scheißegal, wer Ihr Gesprächspartner ist, Hauptsache, Sie reden.«
»Unser gemeinsamer Freund in Guangzhou«, begann der Offizier, zu d'Anjou gewandt. »Der Funker im Hauptquartier eins.«
»Wir haben schon Geschäfte miteinander gemacht«, sagte der Franzose vorsichtig.
»Da ich wußte, daß ich Sie hier treffen würde, habe ich kurz nach halb elf in Zhuhai Shi aufgetankt. Dort erwartete mich eine Nachricht, ich solle mit ihm Verbindung aufnehmen - wir haben einen Mittelsmann, auf den wir uns verlassen können. Er hat mir gesagt, er habe einen Anruf mit einem nicht identifizierten Prioritätscode des Jadeturms nach Beijing zurückverfolgt. Das Gespräch war für Soo Jiang -«
D'Anjou fuhr hoch, stützte sich mit beiden Händen auf den Boden, als wolle er aufspringen. »Das Schwein!«
»Wer ist das?« fragte Borowski schnell.
»Nach außen hin der Geheimdienstchef«, erwiderte der Franzose, »aber der würde seine eigene Mutter an ein Bordell verkaufen, wenn der Preis stimmte. Im Augenblick ist er der Verbindungsmann zu meinem ehemaligen Jünger. Mein ]udas!«
»Und er ist plötzlich nach Beijing abberufen worden«, unterbrach ihn der Mann namens Gamma.
»Und das wissen Sie sicher?« wollte Jason wissen.
»Unser gemeinsamer Freund ist sicher«, antwortete der Chinese, der immer noch d'Anjou ansah. »Einer von Soos Mitarbeitern kam ins Hauptquartier eins und hat alle morgigen Flüge von Kai-tak nach Beijing überprüft. Auf Anweisung seiner Abteilung hat er auf jedem Flug einen Platz - einen einzigen - reserviert. In einigen Fällen bedeutete das, daß für diesen Flug gebuchte Passagiere auf Wartelisten zurückgestuft wurden. Als ein Beamter im Hauptquartier eine persönliche Bestätigung von Soo verlangte, sagte sein Mitarbeiter, er sei in wichtigen Geschäften nach Macao gefahren. Wer hat aber um Mitternacht in Macao Geschäfte? Alles ist dann geschlossen.«
»Nur die Casinos nicht«, warf Borowski ein. »Tisch fünf. Das Kam-Pek. Eine völlig kontrollierte Umgebung.«
»Was in Anbetracht der Platzreservierungen bedeutet«, sagte der Franzose, »daß Soo nicht sicher ist, wann er den Meuchelmörder erreichen wird.«
»Aber er ist sicher, daß er ihn erreichen wird. Er überbringt ihm also einen Befehl.« Jason sah den Offizier an. »Bringen Sie uns nach Beijing«, sagte er. »Zum Flughafen, zum ersten Flug. Sie werden ein reicher Mann, das garantiere ich.«
»Delta, Sie sind verrückt!« schrie d'Anjou. »Peking kommt nicht in Frage!«
»Warum? Niemand sucht uns, und die ganze Stadt wimmelt von Franzosen, Engländern, Italienern, Amerikanern - weiß Gott, was sonst noch für Nationalitäten. Wir haben beide Pässe, damit kommen wir durch.«
»Seien Sie doch vernünftig!« bat Echo. »Wir gehen ihnen ins Netz. Bei all dem, was wir wissen, wird man uns sofort umbringen, wenn man uns auch nur in verdächtiger Umgebung entdeckt! Er wird wieder hier unten auftauchen, höchstwahrscheinlich in wenigen Tagen.«