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»Ja«, sagte der Franzose, stellte den kleinen Koffer ab und zog den Brieföffner aus dem Gürtel. Er hielt die Klinge mit gespreizten Fingern in der Hand und suchte ihren Schwerpunkt.

Borowski ließ die Flugtasche zu Boden gleiten und bezog vor Zimmer 325 Position. Er sah zu d'Anjou hinüber. Echo nickte, und Jason sprang auf die Tür zu, den linken Fuß wie eine Ramme vorgestreckt. Die Tür flog nach innen, Holz splitterte, Angeln wurden aus ihren Verankerungen gerissen. Borowski stürzte sich hinein, rollte auf dem Boden aus, und seine Augen huschten gleichzeitig nach allen Richtungen.

»Arretez!« brüllte d'Anjou.

Eine Gestalt kam durch eine innere Tür - der grauhaarige Mann, der Killer! Jason sprang auf, stürzte sich auf seinen Feind, packte den Mann am Haar, riß ihn nach links, dann nach rechts, schmetterte ihn gegen den Türstock. Plötzlich schrie der Franzose auf, als die Messingklinge des Brieföffners durch die Luft blitzte uid sich mit zitterndem Griff in die Wand bohrte. Eine Warnung. »Delta! Nicht!«

Borowski erstarrte in der Bewegung, sein Opfer war völlig hilflos, von seinem eisernen Handgriff festgehalten.

»Schauen Sie doch!« rief d'Anjou.

Jason trat langsam zurück, die Arme so starr, daß sie den Mann wie ein Schraubstock umklammerten. Er starrte in das ausgemergelte, hagere Gesicht eines sehr alten Mannes mit schütterem grauem Haar.

Kapitel 22

Marie lag auf dem schmalen Bett und starrte zur Decke. Die Strahlen der Nachmittagssonne fielen durch die vorhanglosen Fenster und erfüllten den kleinen Raum mit blendendem Licht und zuviel Hitze. Schweiß stand ihr auf dem Gesicht, und die zerfetzte Bluse klebte an ihrer feuchten Haut. Ihre Füße schmerzten von dem morgendlichen Wahnsinn, von dem Spaziergang auf einer halb fertiggestellten Küstenstraße zu einem steinigen Streifen Strand - eigentlich eine Dummheit, aber im Augenblick das einzige, was sie hatte tun können - sie war im Begriff gewesen, den Verstand zu verlieren.

Die Straßengeräusche drangen zu ihr herauf, eine fremdartige Kakophonie aus schrillen Stimmen, Fahrradklingeln und den Hupen von Bussen und Lkws. Es war, als hätte man ein überfülltes, hektisches Stück Hongkong aus der Insel herausgerissen und an einen weit entfernten Ort verpflanzt, wo ein breiter Fluß, endlose Felder und dahinter ferne Berge die Stelle von Victoria Harbor und den zahllosen Reihen hoher Bauten aus Glas und Stein einnahmen. In gewissem Sinne hatte sogar eine solche Verpflanzung stattgefunden, überlegte sie. Die Miniaturstadt Tuen Mun war auch ein aus zu wenig Platz entstandenes Phänomen, wie sie nördlich von Kowloon in den New Territories in die Höhe geschossen waren. Vor einem Jahr war es noch eine trockene Flußebene gewesen, im nächsten eine sich schnell entwickelnde Metropole aus gepflasterten Straßen, Fabriken, Einkaufszentren und sich ausdehnenden Wohnbauten, alles Verlockungen für die Menschen aus dem Süden, ein Versprechen von Wohnung und Arbeit für Tausende, und diejenigen, die dem Ruf folgten, brachten die unverkennbare Hysterie des Lebens von Hongkong mit sich.

Marie war beim ersten Morgenschimmer erwacht, nach einem Schlaf voller quälender Alpträume - und hatte gewußt, daß sie jetzt warten mußte, so, als gäbe es keine Zeit, bis Catherine sie anrief. Catherine Staples hatte sie gestern abend angerufen, sie aus einem Schlaf gerissen, in den sie völlig erschöpft gesunken war, nur um ihr höchst geheimnisvoll mitzuteilen, daß einige ungewöhnliche Dinge geschehen seien, die zu günstigen Nachrichten führen könnten. Sie würde sich mit einem Mann treffen, der Interesse gezeigt hatte, einem bemerkenswerten Mann, der helfen konnte. Marie sollte in der Wohnung bleiben, beim Telefon, falls sich irgend etwas Neues entwickelte. Da Catherine ihr eingeschärft hatte, am Telefon keinen Namen zu gebrauchen, hatte Marie keine Fragen gestellt und war auch nicht auf die Kürze des Anrufs eingegangen. »Ich rufe dich morgen früh gleich an, meine Liebe.« Mit diesen Worten hatte Catherine Staples abrupt aufgelegt.

Sie hatte weder um halb neun noch um neun angerufen. Und jetzt war es halb zehn, und Marie konnte es nicht länger ertragen. Sie überlegte, daß Namen unnötig waren, wo doch jede die Stimme der anderen kannte, und Catherine mußte verstehen, daß David Webbs Frau ein Recht darauf hatte, irgend etwas zu erfahren. Marie hatte in Catherines Wohnung angerufen; niemand hatte sich gemeldet, und so hatte sie noch einmal gewählt, um auch ganz sicher zu sein, daß sie nicht die falsche Nummer gewählt hatte. Nichts. In ihrer Enttäuschung und ohne viel nachzudenken, hatte sie das Konsulat angerufen.

»Catherine Staples, bitte. Ich bin mit ihr befreundet, noch aus Ottawa her. Ich würde sie gern überraschen.«

»Die Verbindung ist aber sehr gut.«

»Ich bin nicht in Ottawa, ich bin hier«, sagte Marie und sah das Bild der gesprächigen Empfangssekretärin nur zu deutlich vor sich.

»Tut mit leid, meine Liebe, Mrs. Staples ist nicht im Hause und hat keine Anweisungen hinterlassen. Ehrlich gesagt, ihr Chef sucht sie auch. Wollen Sie mir nicht Ihre Nummer geben -«

Marie ließ den Hörer auf die Gabel fallen und war plötzlich von Panik erfüllt. Es war inzwischen fast zehn Uhr geworden, und Catherine stand immer früh auf. >Gleich morgen früh< konnte zwischen halb acht und halb zehn bedeuten, wahrscheinlich irgendwo in der Mitte, aber nicht zehn Uhr, nicht bei diesem Stand der Dinge. Und dann hatte zwölf Minuten später das Telefon geklingelt. Und damit war die Panik noch schlimmer geworden.

»Marie?«

»Catherine! Ist bei dir alles in Ordnung?«

»Ja, natürlich.«

»Warum hast du nicht schon früher angerufen? Ich war dabei, den Verstand zu verlieren! Kannst du reden?«

»Ja, ich bin in einer öffentlichen Telefonzelle -«

»Was ist passiert? Was passiert jetzt? Wer ist der Mann, mit dem du dich getroffen hast?«

Catherine hatte eine kurze Pause gemacht, und einen Augenblick lang war das Schweigen irgendwie peinlich, ohne daß Marie hätte sagen können, warum. »Bleib bitte ganz ruhig, meine Liebe«, sagte Catherine. »Ich habe nicht früher angerufen, weil du Ruhe gebraucht hast, soviel Ruhe wie irgend möglich. Es könnte sein, daß ich die Antworten habe, die du willst, die du brauchst. Es ist nicht so schrecklich wie du glaubst, und du mußt ruhig bleiben.«

»Verdammt, ich bin ruhig. Zumindest bin ich einigermaßen vernünftig! Wovon, zum Teufel, redest du?«

»Ich kann dir sagen, daß dein Mann am Leben ist.«

»Und ich kann dir sagen, daß er in dem, was er tut, sehr gut ist

- in dem, was er früher getan hat. Aber damit sagst du mir überhaupt nichts!«

»Ich fahre jetzt in ein paar Minuten zu dir. Der Verkehr ist natürlich schrecklich, wie immer, und all die

Sicherheitsvorkehrungen für die chinesisch-britischen Delegationen machen das noch schlimmer, weil sämtliche Straßen und der Tunnel verstopft sind. Aber es sollte nicht länger als eineinhalb Stunden, allerhöchstens zwei dauern.«

»Catherine, ich will Antworten hören!«

»Die gebe ich dir auch, wenigstens einige. Ruh dich aus, Marie, versuche dich zu entspannen. Alles wird wieder in Ordnung kommen. Ich bin bald bei dir.«

»Dieser Mann«, bettelte David Webbs Frau. »Kommt er , mit?«

»Nein, ich komme alleine. Niemand wird bei mir sein. Ich möchte mit dir reden. Du wirst ihn später sehen.«

»Also gut.«

War es nun Catherines Tonfall gewesen? Das hatte sich Marie gefragt, nachdem sie aufgelegt hatte. Oder lag es daran, daß Catherine ihr buchstäblich nichts gesagt hatte, obwohl sie erklärt hatte, sie spreche von einer öffentlichen Telefonzelle aus und könne reden? Die Catherine Staples, die sie kannte, würde versuchen, die Ängste einer verstörten Freundin zu lindern, wenn sie wirklich über konkrete Fakten verfügte, und wäre es nur ein winziges Stückchen wichtiger Information, falls das ganze Gewebe zu kompliziert war. Irgend etwas. David Webbs Frau hatte Anspruch auf irgend etwas! Statt dessen hatte sie nur Diplomatengeschwätz gehört, die Andeutung von Realität, aber keine Substanz. Irgend etwas stimmte hier nicht, aber sie konnte es nicht greifen. Catherine hatte sie beschützt und war für sie enorme Risiken eingegangen, sowohl in beruflicher Hinsicht, indem sie ihr Konsulat nicht verständigte, als auch persönlich, indem sie sich körperlicher Gefahr aussetzte. Marie wußte, daß sie eigentlich Dankbarkeit empfinden sollte, überwältigende Dankbarkeit, und doch empfand sie statt dessen nur wachsende Zweifel. Sag es noch einmal, Catherine, hatte sie lautlos hinausgeschrien, sag, daß alles in Ordnung sein wird! Ich kann nicht mehr denken. Ich muß hinaus ... ich brauche Luft!