Sie hatte in den Kleidern herumgewühlt, die sie für sie gestern abend gekauft hatten, als sie Tuen Mun erreicht hatten, nachdem Staples sie zu einem Arzt gebracht hatte, der ihre Füße behandelt, sie verbunden und ihr Krankenhauspantoffeln verpaßt hatte und ihr empfohlen hatte, Schuhe mit dicken Sohlen zu tragen, falls sie in den nächsten Tagen ängere Wege zu Fuß zurücklegen mußte. Catherine hatte die Kleider ausgesucht, während Marie im Wagen wartete, und wenn man bedachte, unter welcher Anspannung Catherine stand, so war das, was sie gewählt hatte, sowohl attraktiv als auch zweckmäßig. Ein hellgrüner Baumwollrock und eine weiße Baumwollbluse, und dazu eine kleine, bestickte weiße Handtasche. Dann noch dunkelgrüne lange Hosen - Shorts waren unpassend - und eine zweite Bluse. Bei jedem einzelnen Stück handelte es sich um Imitationen bekannter Modeschöpfer, nur daß diesmal die Etiketten fehlerfrei waren.
»Das ist alles sehr hübsch, Catherine. Vielen Dank.«
»Es paßt zu deinem Haar«, hatte Staples gesagt. »Nicht daß irgend jemand in Tuen Mun das bemerken wird - ich möchte, daß du in der Wohnung bleibst -, aber irgendwann müssen wir hier ja weg. Außerdem habe ich dir etwas Geld in die Handtasche gesteckt, für den Fall, daß ich im Büro nicht wegkann und du etwas brauchst.«
»Ich hab gedacht, ich soll die Wohnung nicht verlassen und wir würden auf dem Markt noch ein paar Sachen einkaufen.«
»Ich habe keine Ahnung, was in Hongkong zur Zeit los ist, genausowenig wie du. Lin könnte so wütend sein, daß er irgendwelche alten Gesetze aus der Kolonialzeit ausgräbt und mich unter Hausarrest stellt ... An der Blossom Soon Street gibt es ein Schuhgeschäft. Die Slipper mußt du selbst anprobieren. Ich komme natürlich mit.«
Ein paar Augenblicke waren verstrichen, und dann meinte Marie: »Catherine, wie kommt es, daß du dich hier so gut auskennst? Bis jetzt habe ich auf der Straße nur lauter Chinesen gesehen. Wem gehört die Wohnung?«
»Einem Freund«, sagte Catherine, ohne näher auf die Frage einzugehen. »Sie wird kaum benutzt, also komme ich manchmal hierher, wenn ich mich etwas entspannen möchte.« Mehr hatte Catherine nicht gesagt; das Thema schien tabu zu sein. Selbst als sie den größten Teil der Nacht miteinander geredet hatten, war es nicht möglich gewesen, irgendwelche weiteren diesbezüglichen Informationen aus Catherine herauszuholen. Es war ein Thema, auf das sie einfach nicht einging.
Marie hatte die Hose und die Bluse angezogen und sich mit den ein paar Nummern zu großen Schuhen abgemüht. Vorsichtig war sie die Treppe hinuntergegangen und auf die belebte Straße hinausgetreten, wobei ihr sofort bewußt wurde, wieviel Neugierde sie erweckte. Einen Augenblick lang hatte sie überlegt, ob sie umkehren und wieder hineingehen sollte. Aber das konnte sie nicht - die paar Minuten Freiheit von der Enge der kleinen Wohnung wirkten wie ein Labsal auf sie. Langsam, unter Schmerzen, schlenderte sie die Straße entlang, von den Farben, den hektischen Bewegungen und dem endlosen Schnattern rings um sie wie hypnotisiert. Ebenso wie in Hongkong waren an den Gebäuden überall grellbunte Tafeln angebracht, und überall feilschten Leute miteinander vor Verkaufsständen und in den Türnischen der Geschäfte. Es war wirklich, als hätte man ein Stück der Kronkolonie entwurzelt und hier draußen eingepflanzt.
Am Ende einer Nebenstraße hatte sie ein Stück nicht fertiggestellter Straße entdeckt; offenbar hatte man die Arbeiten für eine Weile eingestellt, denn am Straßenrand standen noch Bagger - unbenutzt und rostend - herum. Zwei Tafeln in chinesischen Schriftzeichen standen daneben. Vorsichtig arbeitete sie sich den steilen Abhang hinunter zu dem verlassenen Stück Strand und setzte sich auf einen Felsbrocken; die Minuten der Freiheit verschafften ihr wertvolle Augenblicke des Friedens. Sie blickte hinaus und sah auf die Boote, die von den Docks von Tuen Mun hinaussegelten, und auf jene anderen, die aus der Volksrepublik hereinkamen. So weit sie sehen konnte, handelte es sich bei ersteren um Fischerboote mit Netzen am Bug, während die Boote vom chinesischen Festland hauptsächlich kleine Lastschiffe waren, deren Decks mit Ballen überhäuft waren - aber nicht alle. Man konnte auch schlanke, graue Streifenboote mit der Fahne der Volksrepublik sehen, Boote mit unheil drohenden schwarzen Kanonen und uniformierten Männern, die reglos danebenstanden und durch Feldstecher zum Land spähten. Hin und wieder ging ein solches Marineboot an einem Fischerboot längsseits, was jedesmal zu einem erregten Gestikulieren der Fischer führte. Doch die Reaktion der Soldaten darauf war stets stoisch und ruhig, und nach einer Weile lösten sich die Streifenboote wieder und glitten davon. Das alles war ein Spiel, dachte Marie. Der Norden bestätigte hier in aller Stille die totale Kontrolle, die er über alles ausübte, und dem Süden blieben nur Proteste über die Störung seiner Fischgründe. Ersterer besaß die Stärke von hartem Stahl und einer disziplinierten Kommandokette, letzterer weiche Netze und Hartnäckigkeit. Niemand war der Sieger, nur die ungleichen Schwestern, Langeweile und Angst.
»Jing-cha!« rief eine Männerstimme aus der Ferne, hinter ihr.
»Shai!« kreischte eine zweite. »M zai zher gan shemma?«
Marie wirbelte herum. Zwei Männer kamen von der Straße her auf sie zugerannt, ihre Schreie galten ihr, waren Befehle. Sie stand schwerfällig auf, stützte sich auf die Felsen, während die beiden auf sie zugerannt kamen. Die beiden Männer trugen eine Art paramilitärischer Kleidung, und als sie sie genauer ansah, erkannte sie, daß sie jung waren - fast noch Teenager, höchstens zwanzig.
»Bu xing!« bellte der größere Junge, blickte den Hügel hinauf und bedeutete seinem Begleiter mit Gesten, er solle sie festhalten. Was auch immer es war, es sollte schnell geschehen. Der zweite Junge preßte ihr die Arme von hinten zusammen.
»Lassen Sie das!« schrie Marie und wehrte sich. »Wer sind Sie?«
»Lady spricht englisch«, stellte der erste junge Mann fest. »Ich spreche englisch«, fügte er stolz, fast salbungsvoll hinzu. »Ich habe für einen Juwelier in Kowloon gearbeitet.« Wieder blickte er die halbfertige Straße hinauf.
»Dann sagen Sie Ihrem Freund, er soll mich loslassen!«
»Die Lady sagt mir nicht, was ich tun soll. Ich sage der Lady.« Der junge Mann kam näher, und seine Augen fixierten Maries Brüste unter der Bluse. »Das ist verbotene Straße, ein verbotenes Stück Ufer. Die Lady hat die Tafeln nicht gesehen?«
»Ich kann nicht Chinesisch lesen. Es tut mir leid, ich gehe schon. Sagen Sie ihm nur, er soll mich loslassen.«
Plötzlich spürte Marie, wie der Körper des jungen Mannes sich von hinten gegen sie preßte. »Aufhören!« schrie sie und hörte leises Gelächter an ihrem Ohr, spürte warmen Atem am Hals.