»Kommen Sie, Madame«, sagte der Bankangestellte und berührte sie am Ellbogen. »Ich werde Sie begleiten.« Sie traten in das Stoffgeschäft hinaus, und Marie nickte und versuchte, den zahlreichen chinesischen Männern und Frauen zuzulächeln, die sich vor ihr verbeugten, die dunklen Augen von Trauer erfüllt.
Sie war in das kleine Appartement zurückgekehrt, hatte die schöne Schärpe und den Kimono abgelegt und sich auf das Bett gelegt und versucht, dieser Sinnlosigkeit Sinn abzugewinnen. Sie vergrub das Gesicht im Kissen und bemühte sich, die schrecklichen Bilder des Morgens aus ihrem Kopf zu verdrängen, aber all das Häßliche ließ sich nicht einfach wegschieben. Statt dessen quoll jetzt der Schweiß aus ihr heraus, und je fester sie die Augen zusammenpreßte, desto gewalttätiger wurden die Bilder und mischten sich in die schrecklichen Erinnerungen an Zürich, den Guisan-Kai, wo ihr ein Mann namens Jason Borowski das Leben gerettet hatte.
Sie unterdrückte einen Schrei und sprang vom Bett auf, stand zitternd da. Dann ging sie in die winzige Küche und drehte den Wasserhahn auf, griff nach einem Glas. Der Wasserstrahl war so schwach und dünn, und sie sah wie benommen zu, wie das Glas sich füllte. Ihre Gedanken waren anderswo.
Es gibt Zeiten, wo die Leute ihren Kopf auf >Warten< stellen sollten - ich tue das weiß Gott öfter, als das ein einigermaßen angesehener Psychiater tun sollte ... Die Dinge überwältigen uns dann ... und wir müssen uns orientieren. Morris Panov, Freund von Jason Borowski.
Sie drehte den Hahn ab, trank das lauwarme Wasser und ging in den beengenden Raum zurück. Sie stand im Türrahmen und sah sich um und wußte plötzlich, was ihr an ihrer Zuflucht so grotesk erschien. Es war eine Zelle, ebenso, als wenn sie sich irgendwo in einem fernen Gefängnis befunden hätte. Und schlimmer noch, es war eine sehr reale Form von Einzelhaft. Sie war wieder mit ihren Gedanken, mit ihren Ängsten isoliert. Sie ging ans Fenster, wie ein Gefangener das vielleicht tun würde, und spähte auf die Welt draußen hinaus. Was sie sah, war eine Verlängerung ihrer Zelle; in dieser wimmelnden Straße unten war sie ebenfalls nicht frei. Das war nicht eine Welt, die sie kannte, und diese Welt hieß sie nicht willkommen. Ganz abgesehen von dem obszönen Wahnsinn heute morgen am Strand war sie ein Eindringling, der weder verstehen noch verstanden werden konnte. Sie war allein, und die Einsamkeit trieb sie in den Wahnsinn.
Benommen starrte Marie auf die Straße hinunter. Die Straße? Dort war sie! Catherine! Sie stand mit einem Mann neben einem grauen Wagen, und beide hatten den Kopf herumgedreht und beobachteten drei weitere Männer, die zehn Meter hinter ihnen an einem zweiten Wagen standen. Alle fünf waren schreiend auffällig, weil sie anders als die anderen Leute auf der Straße waren. Sie waren Okzidentale in einem Meer von Chinesen, Fremde an einem fremden Ort. Sie waren sichtlich erregt, und irgend etwas beunruhigte sie, denn sie blickten die ganze Zeit um sich, besonders über die Straße. Auf das Appartementhaus. Köpfe? Haar! Drei der Männer hatten kurzgeschorenes Haar -militärischer Haarschnitt ... Ledernacken. Amerikanische Ledernacken!
Catherines Begleiter, dem Haarschnitt nach ein Zivilist, redete schnell auf sie ein und stach dabei die ganze Zeit mit dem Zeigefinger in die Luft ... Marie kannte ihn! Das war der Mann aus dem Außenministerium, der, der sie in Maine aufgesucht hatte! Der Staatssekretär mit den toten Augen, der sich die ganze
Zeit die Schläfen rieb und kaum protestierte, als David ihm sagte, daß er ihm nicht vertraute. Es war McAllister! Das war der Mann, von dem Catherine gesagt hatte, daß sie ihn treffen solle.
Plötzlich fügten sich einige abstrakte, schreckliche Stücke des grausigen Puzzlespiels in das Bild, während Marie die Szene unter sich betrachtete. Die zwei Ledernacken am zweiten Wagen überquerten die Straße und trennten sich. Der, der neben Catherine stand, redete kurz mit McAllister und wies dann nach rechts, zog ein kleines Funkgerät aus der Tasche. Catherine sagte etwas zu dem Staatssekretär und wies auf das Appartementhaus. Marie wirbelte vom Fenster zurück.
Ich komme allein. Niemand wird bei mir sein.
Also gut.
Es war eine Falle! Man hatte Verbindung zu Catherine Staples aufgenommen. Sie war nicht ihre Freundin, sie war der Feind! Marie wußte, daß sie fliehen mußte. Um Himmels willen, verschwinde hier! Sie griff nach der weißen Handtasche mit dem Geld und starrte den Bruchteil einer Sekunde lang die seidenen Gewänder aus dem Laden an. Sie packte sie und rannte aus der Wohnung.
Es gab zwei Korridore, einen, der vorne an dem Gebäude entlang verlief mit einer Treppe zur Rechten, die zur Straße hinunterführte, und einen zweiten Korridor, der den ersten in zwei Teile teilte und zu einer Tür im hinteren Teil des Gebäudes führte. Dort gab es eine zweite Treppe, über die man Abfälle zu den Tonnen in der hinteren Gasse trug. Catherine hatte ihr das gezeigt, als sie angekommen waren, und hatte dabei erklärt, es gebe eine Verordnung, die das Ablagern von Unrat auf der Straße verbot, weil es sich dabei um die Hauptstraße von Tuen Mun handle. Marie rannte jetzt den Korridor hinunter zu der hinteren Tür und öffnete sie. Sie stöhnte auf, als sie sich plötzlich einer gebeugten Gestalt eines alten Mannes mit einem
Strohbesen in der Hand gegenübersah. Er sah sie einen Augenblick lang aus zusammengekniffenen Augen an, schüttelte dann den Kopf und musterte sie neugierig. Sie trat auf den dunklen Treppensims hinaus, während der Chinese nach innen ging; sie hielt die Tür einen Spalt offen und wartete darauf, daß Catherine auf der Vordertreppe auftauchte. Wenn Catherine, sobald sie festgestellt hatte, daß die Wohnung leer war, schnell zur Treppe zurückeilte, um auf die Straße hinunterzurennen, zu McAllister und den Ledernacken, würde Marie in die Wohnung zurückschlüpfen und die Kleider holen, die Catherine für sie gekauft hatte. In ihrer Panik hatte sie nur flüchtig an sie gedacht und sich statt dessen die zwei seidenen Kleidungsstücke gegriffen, um nur ja keinen wertvollen Augenblick damit zu vergeuden, im Kleiderschrank, wo auch andere Kleidungsstücke hingen, nach ihnen zu suchen. Jetzt dachte sie daran. Sie konnte nicht in der zerfetzten Bluse und mit schmutzigen Hosen durch die Straßen gehen, geschweige denn laufen. Doch etwas stimmte nicht. Es war der alte Mann! Er stand einfach da und starrte den offenen Spalt in der Tür an.
»Gehen Sie weg\« flüsterte Marie.
Schritte. Das Klicken von Schuhen mit hohen Absätzen, die schnell die Stahltreppe im vorderen Teil des Gebäudes heraufkamen. Wenn es Catherine war, würde sie auf ihrem Weg zur Wohnung vorne am Ende des Korridors vorbeikommen.
»Deng yi deng!« kreischte der alte Chinese, der immer noch reglos mit seinem Besen dastand und sie anstarrte. Marie zog die Tür weiter zu und hatte jetzt höchstens noch einen zentimeterbreiten Spalt, durch den sie den Korridor beobachten konnte.
Jetzt tauchte Catherine auf, warf einen kurzen, neugierigen Blick auf den alten Mann, nachdem sie offenbar seine scharfe schrille, zornige Stimme gehört hatte. Ohne innezuhalten, setzte sie ihren Weg den Korridor hinunter fort, nur darauf bedacht, die Wohnung zu erreichen. Marie wartete; das Pochen in ihrer
Brust schien durch das ganze Haus zu hallen. Und dann kamen die Worte hysterisch.
»Nein! Marie! Marie, wo bist du?« Jetzt hämmerten die Absätze, rasten über den Beton. Catherine bog um die Ecke und rannte auf den alten Chinesen und die Tür zu - auf sie zu. »Marie, es ist nicht, was du glaubst! Um Gottes willen, halt!«