Marie fuhr herum und hetzte die dunklen Treppen hinunter. Plötzlich stach ein gelber Strahl die Treppe hinauf und war ebenso plötzlich wieder verschwunden. Die Tür im Erdgeschoß, zwei Stockwerke tiefer, war aufgegangen; eine Gestalt in einem dunklen Anzug war eingetreten, ein Ledernacken, der Position bezog. Der Mann rannte die Treppen hinauf; Marie kauerte im zweiten Geschoß am Treppenabsatz. Der Ledernacken erreichte die oberste Stufe, wollte gerade abbiegen, hielt sich am Geländer fest: Marie warf sich nach vorne, und ihre Hand - die Hand, in der sie die Seidengewänder hielt - krachte in das Gesicht des verblüfften Soldaten, nahm ihm das Gleichgewicht; jetzt schmetterte sie dem Soldaten die Schulter gegen die Brust, so daß er rückwärts die Treppe hinuntertaumelte. Marie hetzte an ihm vorbei, als sie die Schreie von oben hörte. »Marie! Marie! Ich weiß, daß du das bist! Um Gottes willen, hör mir zu!«
Sie taumelte in die Gasse hinaus, und jetzt fing ein anderer Alptraum an, ein Alptraum mitten im grellen Sonnenlicht von Tuen Mun. Mit blutenden Füßen rannte sie, so schnell sie konnte, durch die Verbindungsstraße hinter den Appartementgebäuden, warf sich dabei das kimonoähnliche Kleidungsstück über den Kopf und blieb dann vor den Mülltonnen stehen, wo sie die grüne Hose herunterzog und in die nächste Tonne stopfte. Dann wand sie sich die breite Schärpe um den Kopf, bedeckte ihr Haar und rannte in die nächste Seitengasse hinaus, die zur Hauptstraße führte. Jetzt hatte sie sie erreicht. Sekunden später hatte die Menschenmasse, die wie ein Stück von Hongkong war, sie aufgenommen. Sie überquerte die Straße.
»Dort!« schrie eine Männerstimme. »Die Große!«
Die Jagd begann, aber dann war sie plötzlich, ohne jede Warnung, ganz anders. Ein Mann rannte hinter ihr her über das Pflaster, sah sich plötzlich einem mit Rädern versehenen Verkaufsstand gegenüber, der ihm den Weg versperrte; versuchte, ihn beiseitezuschieben, geriet dabei aber mit den Händen in einen Topf mit kochendem Fett. Er schrie, kippte den Karren um und sah sich jetzt dem kreischenden Besitzer gegenüber, der offenbar Geld verlangte, während er und die anderen den Ledernacken umringten und ihn auf den Boden zurückpreßten.
»Da ist das Miststück!«
Marie hörte die Worte; sie sah sich einer ganzen Phalanx von Chinesinnen gegenüber. Sie wirbelte nach rechts, rannte in die nächste Gasse, die von der Straße wegführte, um plötzlich zu entdecken, daß es sich um eine Sackgasse handelte, die an der Mauer eines chinesischen Tempels endete. Und da geschah es wieder! Fünf junge Männer - Teenager in paramilitärischer Kleidung - tauchten plötzlich aus einer Türnische auf und winkten sie mit Handbewegungen weiter.
»Yankee-Verbrecher! Yankee-Dieb!« Die jungen Männer hakten die Arme ein und hielten den Mann mit dem kurzgestutzten Haar auf, ohne dabei gewalttätig zu werden, preßten ihn gegen eine Mauer.
»Aus dem Weg, ihr Arschlöcher!« schrie der Ledernacken. »Geht mir aus dem Weg, oder es ergeht euch schlecht, ihr Flegel!«
»Wenn Sie die Arme heben ... oder eine Waffe -« rief eine Stimme im Hintergrund.
»Von einer Waffe habe ich nichts gesagt!« rief der Soldat vom Victoria Peak.
»Aber wenn Sie es tun«, fuhr die Stimme fort, »werden die die Arme lösen und fünf Di-di Jing Cha - von denen viele von unseren amerikanischen Freunden ausgebildet sind - werden ganz sicher einen Mann festhalten können.«
»Verdammt noch mal, Sir! Ich versuch doch nur, meine Arbeit zu tun! Sie geht das doch nichts an!«
»Ich fürchte doch, Sir. Aus Gründen, die Sie nicht kennen!«
»Scheiße!« Der Ledernacken lehnte sich atemlos gegen die Wand und musterte die lächelnden jungen Gesichter vor sich
»Lfli!« sagte eine Frau zu Marie und wies auf eine breite, seltsam geformte Tür ohne sichtbaren Griff in einer sonst scheinbar undurchdringlichen Mauer. »Xiao xin. Voh-sikt.«
»Vorsicht? Ich verstehe.«
Eine mit einer Schürze bekleidete Gestalt öffnete die Tür, und Marie rannte hinein, spürte im gleichen Augenblick einen Schwall eiskalter Luft. Sie stand in einem großen, begehbaren Kühlraum, in dem ganze Rinder- und Schweineseiten im Schein von drahtnetzummantelten Glühbirnen an Haken von der Decke hingen. Der Mann mit der Schürze wartete ab, das Ohr an der Tür. Marie schlang sich die breite Seidenschärpe um den Hals und preßte die Arme an sich, um sich vor der plötzlichen bitteren Kälte zu schützen, die der Kontrast zu der drückenden Hitze draußen noch schlimmer machte. Schließlich winkte ihr der Metzger zu, ihm zu folgen; das tat sie, schlängelte sich an den Fleischteilen vorbei, bis sie den Eingang des mächtigen Kühlgewölbes erreichte. Der Chinese zog einen Hebel aus Metall herunter, stieß die schwere Tür auf und bedeutete dabei der fröstelnden Marie mit einer Kopfbewegung, sie solle durchgehen. Jetzt fand sie sich in einem langen, schmalen, verlassenen Fleischerladen; Bambusjalousien an den Fenstern filterten die grelle Mittagssonne. Ein weißhaariger Mann stand hinter der Theke und spähte durch die Lamellen der Jalousie auf die Straße hinaus. Er winkte Marie zu, neben ihn zu treten.
Wieder tat sie, wie man ihr geheißen hatte, dabei fiel ihr ein seltsam geformter Blumenkranz hinter dem Glas der Eingangstür auf, die anscheinend versperrt war.
Der ältere Mann bedeutete Marie, daß sie zum Fenster hinaussehen sollte. Sie schob zwei Bambuslamellen auseinander und hielt den Atem an, verblüfft über die Szene, die sich ihr draußen darbot. Die Suchaktion war auf ihrem Höhepunkt angelangt. Der Ledernacken mit den verbrühten Händen fuchtelte damit immer noch in der Luft herum, während er auf der anderen Straßenseite von Laden zu Laden ging. Sie sah Catherine Staples und McAllister im hitzigen Gespräch mit einer Anzahl Chinesen, die offenbar nicht damit einverstanden waren, daß die Ausländer das hektische und doch friedliche Leben in Tuen Mun störten.
McAllister hatte allem Anschein nach in seiner Erregung irgend etwas Anstößiges gerufen und wurde jetzt von einem Mann beschimpft, der doppelt so alt war wie er, ein uralter Chinese in einem langen Umhang, den jetzt jüngere, kühlere Köpfe zurückhalten mußten. Der Staatssekretär war mit erhobenen Händen auf dem Rückzug und beteuerte immer wieder seine Unschuld, während Catherine sich rufend und schreiend Mühe gab, sie beide aus dem zornigen Mob herauszulösen.
Plötzlich kam der Ledernacken mit den verwundeten Händen aus einer Tür auf der anderen Straßenseite herausgeflogen; Glassplitter spritzten nach allen Seiten davon, während er über das Pflaster rollte und vor Schmerz aufschrie, als seine Hände den Beton berührten. Ein junger Chinese in der weißen Tunika, den knielangen Hosen und der Schärpe eines Lehrers der Kriegskunst verfolgte ihn. Jetzt sprang der junge Amerikaner auf, und als sein asiatischer Widersacher ihn angriff, hieb er dem jungen Mann einen kurzen linken Haken in die Nieren und setzte mit einem wohlgezielten rechten Schwinger nach, der den Asiaten ins Gesicht traf, trieb seinen Gegner in den Laden zurück, dabei die ganze Zeit vor Schmerz schreiend, weil er mit den verbrühten Händen zugeschlagen hatte.
Ein letzter Ledernacken vom Victoria Peak kam jetzt die Straße heruntergerannt- auf einem Bein humpelnd, die Schultern nach vorne gezogen, als hätte er sie sich bei einem Sturz verletzt; einem Sturz über eine Treppe, dachte Marie, während sie erstaunt nach draußen blickte. Jetzt kam er seinem schreienden Kameraden zu Hilfe und erwies sich als sehr kampfstark. Die amateurhaften Nahkampfversuche der Studenten des bewußtlosen Kriegskunstlehrers sahen sich jetzt einem Wirbel von Beinen und Handkantenschlägen eines Karateexperten gegenüber.