Und dann schwoll plötzlich auf der Straße ohne jede Warnung asiatische Musik an; der Klang der Zimbeln und der primitiven Holzinstrumente hallte von den Wänden und wurde mit jedem Schritt der zusammengewürfelten Musikantenschar lauter, die jetzt die Straße heruntermarschierte, hinter ihnen Menschen, die blumenumkränzte Spruchbänder trugen. Der Kampf hörte auf, und Schweigen legte sich über die Hauptstraße von Tuen Mun. Die Amerikaner waren verwirrt; Catherine Staples schluckte ihre Enttäuschung hinunter und Edward McAllister rang verzweifelt die Hände.
Marie sah zu, von der Veränderung, die sich draußen vollzog, buchstäblich hypnotisiert. Alles kam zum Stillstand, als hätte irgendein höheres Wesen Einhalt geboten. Sie trat etwas zur Seite, um besser durch die Bambusjalousie sehen zu können, und musterte die sich nähernde Gruppe. Sie wurde von dem Bankangestellten Jitai angeführt und sie kam auf den Fleischerladen zu!
Jetzt sah Marie, wie Catherine Staples und McAllister an der seltsamen Versammlung vor dem Laden vorbeirannten. Dann nahmen auf der anderen Straßenseite die beiden Ledernacken die Verfolgung wieder auf. Alle verschwanden im blendenden Sonnenlicht.
Ein Klopfen ertönte an der vorderen Tür des Fleischerladens. Der alte weißhaarige Mann entfernte den Kranz und öffnete.
Jitai trat ein und verbeugte sich vor Marie.
»Hat Ihnen die Parade gefallen, Madame?« fragte er.
»Ich weiß nicht, was das war.«
»Ein Begräbnismarsch für die Toten. In diesem Fall ohne Zweifel für die toten Tiere in Mr. Wus Eiskammer.«
»Sie ...? Das war alles geplant?«
»In Bereitschaft, könnte man sagen«, erklärte Jitai. »Unsere Vettern aus dem Norden schaffen es oft, über die Grenze zu gelangen - nicht die Diebe, sondern Familienangehörige, die zu den ihren wollen -, und die Soldaten wollen sie nur einfangen und sie zurückschicken. Wir müssen darauf vorbereitet sein, die Unseren zu schützen.«
»Aber ich ...? Sie wußten -«
»Wir haben beobachtet; wir haben gewartet. Sie hatten sich versteckt, waren vor jemandem auf der Flucht. Soviel wußten wir. Das haben Sie uns klargemacht, als Sie sagten, Sie wollten nicht zum Magistrat gehen, um Anklage zu erheben. Man hat Sie in die Gasse draußen gewiesen.«
»Die Frauen mit den Einkaufstaschen -«
»Ja. Sie haben die Straße mit Ihnen überquert. Wir müssen Ihnen helfen.«
Marie blickte auf die besorgten Gesichter der Menschenschar vor der Bambusjalousie hinaus und sah dann den Bankier an. »Woher wissen Sie denn, daß ich keine Kriminelle bin?«
»Das ist unwichtig. Wichtig ist die empörende Untat von unseren Leuten an Ihnen. Außerdem, Madame, Sie sehen weder aus noch sprechen Sie wie jemand, der vor der Gerechtigkeit flieht.«
»Das tue ich auch nicht. Und ich brauche wirklich Hilfe. Ich muß nach Hongkong zurück, in ein Hotel, wo man mich nicht finden kann, wo es ein Telefon gibt, das ich benutzen kann. Ich muß Leute erreichen, die mir helfen können ... uns helfen können, ich weiß nur nicht, wen.« Marie hielt inne, und ihre Augen bohrten sich in die Jitais. »Der Mann namens David ist mein Mann.«
»Das kann ich verstehen«, sagte der Bankier. »Aber zuerst müssen Sie zu einem Arzt.«
»Was?«
»Ihre Füße bluten.«
Marie sah an sich herab. Blut war durch den Verband gequollen und hatte den Segeltuchstoff ihrer Schuhe rot gefärbt. Bei dem Anblick wurde ihr übel. »Wahrscheinlich haben Sie recht«, pflichtete sie ihm bei.
»Und dann Kleider, Transportmittel - ich werde mich selbst um ein Hotel für Sie kümmern, unter jedem Namen, den Sie wollen. Und dann ist da noch die Frage von Geld. Haben Sie welches?«
»Ich weiß nicht«, sagte Marie und legte die seidene Schärpe auf die Theke und klappte ihre Handtasche auf. »Das heißt, ich habe nicht nachgesehen. Eine Freundin - jemand, den ich für eine Freundin hielt - hat mir Geld dagelassen.« Sie zog die Scheine heraus, die Catherine in die Handtasche gelegt hatte.
»Wir sind hier in Tuen Mun nicht wohlhabend, aber vielleicht können wir helfen. Es war davon die Rede, für Sie zu sammeln.«
»Ich bin keine arme Frau, Mr. Jitai«, unterbrach Marie. »Falls das nötig ist, und offen gestanden, wenn ich dann noch am Leben bin, zahle ich jeden Cent zurück, mit Zinsen weit über dem Satz.«
»Wie Sie wünschen. Ich bin Bankier. Wie kommt es, daß eine so reizende Dame wie Sie etwas von Zinssätzen weiß?« Jitai lächelte.
»Sie sind Bankier und ich bin Volkswirtin. Was wissen Bankiers schon von schwankenden Wechselkursen und dem Einfluß überhöhter Zinssätze.« Marie lächelte zum erstenmal seit langer Zeit wieder.
Sie hatte mehr als eine Stunde Zeit zum Nachdenken, als das Taxi sie über Land nach Kowloon brachte. Sie hatte noch weitere fünfundvierzig Minuten der Stille vor sich, bis sie die weniger ruhigen Vorstädte erreichten, insbesondere den überfüllten Distrikt, der sich Mongkok nannte. Die Leute von Tuen Mun waren nicht nur großzügig und hilfsbereit, sondern auch erfinderisch gewesen. Der Bankangestellte Jitai hatte offenbar bestätigt, daß das Opfer der zwei Halbstarken tatsächlich eine weiße Frau war, die sich auf der Flucht befand und um ihr Leben rannte, und deshalb würde es vielleicht zweckmäßig sein, ihr Aussehen zu verändern, solange sie dabei war, Leute zu suchen, die ihr vielleicht helfen würden. Man brachte westliche Kleider aus einigen Läden, Kleider, die Marie seltsam vorkamen; sie schienen ihr fad und zweckmäßig, sauber, aber langweilig. Nicht billig, aber die Art von Kleidern, wie sie eine Frau auswählen würde, die entweder keinen Sinn für Eleganz oder das Gefühl hatte, darüberzustehen. Und dann, nachdem sie eine Stunde im Hinterzimmer eines Kosmetiksalons verbracht hatte, begriff sie, weshalb man gerade solche Kleidung für sie gewählt hatte. Die Frauen machten sich an ihr zu schaffen; ihr Haar wurde gewaschen und trockengefönt, und als der ganze Vorgang vorbei war, hatte sie in den Spiegel gesehen und dabei kaum zu atmen gewagt. Ihr Gesicht - blaß, müde und abgehärmt - war von einem Haarkranz umrahmt, der nicht länger von auffälligem Kastanienbraun war, sondern mausgrau, mit ein paar weißen Strähnen. Sie war um mehr als ein Jahrzehnt gealtert; das war die Weiterführung dessen, was sie nach ihrer Flucht aus dem Krankenhaus versucht hatte, aber viel, viel perfekter. Sie entsprach der chinesischen
Vorstellung von der oberen Mittelschicht, seriös, keine leichtsinnige Touristin - vielleicht eine Witwe, die selbstbewußt Anweisungen erteilte, ihr Geld zählte und nirgends ohne ihren kleinen, ledergebundenen Reiseführer hinging, in dem sie beständig jede Sehenswürdigkeit auf ihrem gut organisierten Reiseplan abhakte. Die Leute von Tuen Mun kannten solche Touristen gut, und das Abbild, das sie in ihr von einer solchen Touristin geschaffen hatten, war perfekt.
Da waren aber auch noch andere Gedanken, die sie auf der Fahrt nach Kowloon beschäftigten, verzweifelte Gedanken, die sie unter Kontrolle und im Gleichgewicht zu halten versuchte, indem sie die Panik von sich schob, die sie so leicht überwältigen und sie dazu veranlassen konnte, das Falsche zu tun, einen falschen Schritt zu tun, der David Schaden zufügen könnte - David töten. O Gott, wo bist du? Wie kann ich dich finden. Wie?
Sie suchte ihr Gedächtnis nach Leuten ab, die ihr helfen konnten, lehnte aber jeden Namen und jedes Gesicht ab, die aus ihrer Erinnerung auftauchten, weil jeder auf die eine oder andere Weise Teil jener schrecklichen Strategie gewesen war, die sich auf so unheilverkündende Weise Abschußliste nannte -eine Strategie, bei der der Tod eines Individuums die einzig akzeptable Lösung war. Ausgenommen natürlich Morris Panov, aber Mo war in den Augen der Regierung ein Paria; er hatte die amtlichen Killer mit dem richtigen Namen bezeichnet: inkompetente Mörder. Er hatte keine Chance.