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Abschußliste ... Ein Gesicht tauchte vor ihr auf, ein Gesicht, dem Tränen über die Wange rannen, mit zitternder Stimme, die stumm um Barmherzigkeit bat, ein Mann, der einmal enger Freund eines jungen Beamten im Auswärtigen Dienst und seiner Frau und seiner Kinder gewesen war, damals in einem fernen Außenposten, der Phnom Penh hieß. Conklin! Sein Name war Alexander Conklin! Während Davids langer Genesungszeit hatte er wiederholt versucht, ihren Mann zu besuchen, aber David wollte das nicht zulassen und hatte gesagt, er werde den CIA-Mann umbringen, wenn er den Fuß auf seine Schwelle setze. Der verkrüppelte Conklin hatte irrigerweise und dumm Anklagen gegen David vorgebracht, hatte nicht auf die flehentlichen Bitten eines Mannes gehört, der das Gedächtnis verloren hatte, und statt dessen angenommen, er sei ein Verräter, sei umgedreht worden, und hatte schließlich sogar selbst versucht, David außerhalb von Paris zu töten. Und am Ende hatte er in der 71. Straße von New York in einem abgeschotteten Haus, das Treadstone 71 genannt wurde, einen letzten Versuch unternommen, der beinahe Erfolg gehabt hätte. Als dann die Wahrheit über David bekannt wurde, war Conklin von Schuldgefühlen aufgefressen worden; er war zerbrochen an dem, was er getan hatte. Ihr hatte er tatsächlich leid getan; seine Besorgnis war so echt, seine Schuld für ihn so vernichtend. Sie hatte mit Alex beim Kaffee auf der Veranda geredet, aber David war nie bereit gewesen, ihn zu empfangen. Von all den Leuten, an die sie dachte, war er der einzige, der einen Sinn ergab -überhaupt einen Sinn!

Das Hotel hieß The Empress und lag an der Chatham Road in Kowloon. Es war ein kleines Hotel im überfüllten Tsim Sha Tsui und wurde von einem Gemisch von Kulturen besucht, weder reich noch arm, im großen und ganzen Handelsvertreter aus Ost und West, die in Kowloon etwas zu erledigen hatten, aber nicht über die Spesenkonten der höheren Ränge verfügten. Mr. Jitai hatte das Seine getan; ein Einzelzimmer war dort für eine Mrs. Austin, Penelope Austin, reserviert worden. >Penelope< war Jitais Idee gewesen, er hatte viele englische Romane gelesen, und >Penelope< schien ihm einfach passend. Gut so, wie Jason Borowski gesagt hätte, dachte Marie.

Jetzt saß sie auf dem Bettrand, griff nach dem Telefon, wußte noch nicht, was sie sagen sollte, wußte aber, daß sie es sagen mußte. »Ich brauche eine Nummer in Washington, D. C., in den

Vereinigten Staaten«, sagte sie zu der Vermittlung. »Es ist sehr wichtig.«

»Übersee-Auskünfte kosten Gebühren -«

»Setzen Sie es auf die Zimmerrechnung«, unterbrach Marie. »Es ist dringend. Ich bleibe in der Leitung.«

»Ja?« sagte die schläfrige Stimme. »Hella?«

»Alex, hier spricht Marie Webb.«

»Verdammt, wo sind Sie? Wo sind Sie beide? Er hat Sie gefunden?«

»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Ich habe ihn nicht gefunden und er hat mich nicht gefunden. Sie wissen über all das Bescheid?«

»Wer, zum Teufel, glauben Sie wohl, hat mir letzte Woche beinahe das Genick gebrochen, als er nach Washington kam. David! Wo sind Sie?«

»In Hongkong - in Kowloon. Im Empress-Hotel, unter dem Namen Austin. David hat Sie erreicht?«

»Und Mo! Er und ich haben jeden Trick ausprobiert, den wir kannten, um herauszufinden, was, zum Teufel, hier los ist, aber man blockiert uns! Nein, das nehme ich zurück - blockieren ist das falsche Wort. Sonst weiß auch keiner, was vorgeht! Und wenn sie es wüßten, wüßte ich das auch! Du großer Gott, Marie, ich hab seit dem letzten Donnerstag keinen Schluck mehr getrunken!«

»Ich wußte gar nicht, daß Ihnen das etwas ausmacht.«

»Und ob es mir etwas ausmacht! Was ist los?«

Marie sagte es ihm und versäumte auch nicht, den unverkennbaren Stempel »Bürokratie« zu erwähnen, der denen anhaftete, die sie entführt hatten, berichtete von ihrer Flucht und der Hilfe, die Catherine Staples ihr geleistet hatte, und die sich in eine Falle verwandelt hatte, aufgestellt von einem Mann namens McAllister, den sie mit Catherine Staples auf der Straße gesehen hatte.

»McAllister? Sie haben ihn gesehen?«

»Er ist hier, Alex. Er will mich zurückholen. Mit mir kontrolliert er David, und er wird ihn umbringen! Das haben sie schon einmal versucht!«

Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille, eine Stille, die von Seelenqual erfüllt war. »Wir haben das schon einmal versucht«, sagte Conklin leise. »Aber das war damals, nicht jetzt.«

»Was kann ich tun?«

»Bleiben Sie, wo Sie sind«, befahl Alex. »Ich nehme die nächste Maschine nach Hongkong. Verlassen Sie Ihr Zimmer nicht. Führen Sie keine weiteren Gespräche. Die suchen Sie, das müssen sie.«

»Aber David ist dort draußen, Alex! Die haben ihn meinetwegen gezwungen, irgend etwas zu tun, und ich weiß nicht, was. Ich habe schreckliche Angst!«

»Delta war der beste Mann, den Medusa je hatte. Es hat nie einen besseren als ihn gegeben. Das weiß ich. Ich habe es selbst gesehen.«

»Das ist ein Aspekt, und ich habe mir beigebracht, damit zu leben. Aber nicht der andere, Alex! Sein Verstand, sein Bewußtsein! Was wird daraus werden?«

Wieder machte Conklin eine Pause, und als er dann sprach, klang seine Stimme nachdenklich. »Ich bringe einen Freund mit, einen, der für uns alle ein Freund ist. Mo wird nicht nein sagen. Bleiben Sie, wo Sie sind, Marie. Die Zeit für die Abrechnung ist gekommen. Und bei Gott, es wird eine Abrechnung geben!«

Kapitel 23

»Wer sind Sie?« schrie Borowski, vor Zorn halb von Sinnen, packte den alten Mann an der Kehle und preßte ihn gegen die Wand.

»Delta, hören Sie auf!« befahl d'Anjou. »Ihre Stimme! Min wird Sie hören. Die werden meinen, Sie bringen ihn um. Und dann werden die den Empfang verständigen.«

»Daß ich ihn umbringe, kann durchaus sein, und die Telefone funktionieren ohnehin nicht!« Jason ließ den Nachahmer seines Nachahmers los, ließ seinen Hals los, schleuderte ihn in einen Sessel.

»Die Tür«, fuhr d'Anjou zornig fort. »Sie müssen sie wieder anlehnen, so gut Sie können, um Himmels willen. Ich will lebend aus Beijing heraus, und jede Sekunde mit Ihnen verringert meine Chancen. Die Tor!«

Borowski fuhr wütend herum, packte die eingetretene Tür und schob sie in den Türrahmen zurück, rückte die Teile zurecht und trat danach. Der alte Mann massierte sich den Hals und versuchte plötzlich aufzuspringen.

»Non, man ami!« sagte der Franzose und versperrte ihm den Weg. »Bleiben Sie, wo Sie sind. Auf mich brauchen Sie nicht zu achten, nur auf ihn. Sehen Sie, er könnte Sie wirklich töten. In seiner Wut hat er keinen Respekt für die goldenen Jahre, und da ich schon beinahe so weit bin, habe ich diesen Respekt.«

»Wut? Empörend ist das!« stieß der alte Mann hervor. »Ich habe bei El Alamein gekämpft, und bei Gott, ich werde jetzt kämpfen!« Wieder versuchte der alte Mann aufzustehen, und wieder stieß d'Anjou ihn zurück.

»Oh, die heldenhaften Briten«, meinte der Franzose. »Wenigstens waren Sie so anständig, nicht Agincourt zu sagen.«

»Lassen Sie den Blödsinn!« schrie Borowski, stieß d'Anjou beiseite und beugte sich über den Sessel, stützte sich auf die beiden Armlehnen und drängte den alten Mann zurück. »Sie sagen mir jetzt, wo er ist, und zwar schnell, oder Sie werden sich wünschen, daß Sie El Alamein nie überlebt hätten!«