»In einem Land, wo schon zehn Leute, die mit der Parteilinie nicht einverstanden sind, Angst haben, zusammen gesehen zu werden - gibt es da einen besseren Ort als einen Naturpark, der sich normalerweise über Meilen erstreckt? Keine Büros oder Häuser oder Wohnungen, die man beobachten kann, keine angezapften Telefonleitungen und keine elektronische Überwachung. Bloß unschuldige Menschen, die Vögel beobachten, in einer Nation von Vogelliebhabern, und jeder mit einem offiziellen Passierschein, der ihm den Zugang auch dann erlaubt, wenn das Reservat offiziell geschlossen ist - bei Tag und bei Nacht.«
»Von Shenzen bis Peking? Das wäre viel großflächiger, als wir angenommen hatten.«
»Was auch immer es ist«, sagte Jason und sah sich um. »Uns betrifft es nicht. Nur er betrifft uns ... Wir müssen uns trennen, aber in Sichtweite bleiben. Ich werde hinübergehen -«
»Nicht nötig!« unterbrach ihn der Franzose. »Dort ist er!«
»Wo?«
»Gehen Sie zurück! Näher an den Lieferwagen von der Post. In seinem Schatten.«
»Welcher ist es?«
»Der Priester, der gerade das kleine Kind streichelt, das Mädchen«, antwortete d'Anjou, der den Rücken dem Wagen zuwandte und zu den Menschen vor dem Hoteleingang hinüberstarrte. »Ein Mann im Priesterrock«, fuhr der Franzose dann bitter fort. »Das ist einer der Tricks, die ich ihn gelehrt habe. Er hatte sich in Hongkong eine schwarze Soutane schneidern lassen, eine mit allem Drum und Dran und einem Etikett aus der Savile Row. An der Soutane habe ich ihn erkannt. Ich habe sie bezahlt.«
»Sie kommen aus einer wohlhabenden Diözese«, sagte Borowski und musterte den Mann, zu dem er jetzt am liebsten hinübergerannt wäre, den er packen wollte und ins Hotel zerren. Die Tarnung des Killers war gut - mehr als gut -, und Jason versuchte, dieses Urteil zu analysieren. Graue Koteletten ragten unter dem schwarzen Hut hervor; eine dünne Nickelbrille saß tief auf der Nase seines bleichen, farblosen Gesichts. Mit geweiteten Augen und hochgeschobenen Brauen ließ er Freude und Staunen erkennen über das, was er an diesem fremden Ort erlebte. Alles waren Gottes Werke und Gottes Kinder, und so war es ganz natürlich, daß er einem kleinen Chinesenmädchen liebevoll den Kopf tätschelte und der Mutter zulächelte und ihr freundlich zunickte. Das war es, dachte Jason voll widerstrebenden Respekts. Dieser Scheißkerl verströmte Liebe. In jeder Geste, jedem Blick der sanften Augen war Liebe zu spüren. Er war tatsächlich ein mitfühlender Priester, ein Hirte seiner Herde. Und als solchen würde man ihn in einer Menge ansehen, aber gleich wieder aus den Augen verlieren, wenn man einen Killer suchte.
Borowski erinnerte sich. Carlos! Der Schakal hatte Priesterkleidung getragen, er sah ganz deutlich seine dunklen südländischen Züge über dem gestärkten weißen Kragen, wie er aus der Kirche in Neuilly-sur-Seine in Paris kam. Jason hatte ihn gesehen! Sie hatten einander gesehen, ihre Blicke hatten sich gekreuzt, und jeder wußte, wer der andere war, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Hol dir Carlos. Locke Carlos in die Falle. Kain ist für Charlie und Carlos ist für Kain! Die Codes waren in seinem Schädel explodiert, als er in den Straßen von Paris hinter dem Schakal hergerannt war ... um ihn dann im Verkehr aus den Augen zu verlieren, während ein alter Bettler, der auf dem Pflaster kauerte, bösartig lächelte.
Dies war nicht Paris, dachte Borowski. Hier gab es keine Armee sterbender alter Männer, die diesen Meuchelmörder schützten. Diesen Schakal würde er in Peking fangen.
»Seien Sie bereit!« sagte d'Anjou und riß Jason aus seinen Erinnerungen. »Er nähert sich dem Bus.«
»Der ist voll.«
»Das ist es ja. Er wird als letzter zusteigen. Wer weist schon einen Priester ab, der es eilig hat? Auch das ist natürlich eine meiner Lektionen.«
Wieder hatte der Franzose recht. Die Tür des kleinen, vollgestopften, schäbigen Busses ging zu, und dann schob der Priester den Arm durch und hielt die Türe an, zwängte die Schulter hinein und bat offensichtlich darum, daß man ihn befreie. Die Tür schob sich wieder auf, der Killer quetschte sich hinein, und die Tür ging zu.
»Das ist der Schnellbus zum Tian-An-Men-Platz«, sagte d'Anjou. »Ich habe die Nummer.«
»Wir müssen ein Taxi finden. Kommen Sie!«
»Das wird nicht einfach sein, Delta.«
»Dafür habe ich eine besondere Technik«, erwiderte Borowski und verließ den Schatten des Lieferwagens vom Fernmeldeamt, als der Bus vorüberfuhr. Er bahnte sich, den Franzosen im Schlepptau, einen Weg durch die Menge vor dem Hotel, dann gingen sie an der Taxischlange entlang, bis sie deren Ende erreicht hatten. Gerade bog ein letztes Taxi in die Zufahrt ein und wollte sich in die Schlange einreihen, als Jason auf die Straße hinausrannte und die Hand hob. Das Taxi hielt an, und der Fahrer schob den Kopf durchs Fenster.
»Shemma?«
»Wei!« rief Borowski, rannte auf den Fahrer zu und hielt ihm ein Bündel Yuan-Scheine im Wert von wenigstens fünfzig amerikanischen Dollar hin. »Bi yao bang shu«, sagte er, was bedeutete, daß er dringend Hilfe brauche und bereit sei, dafür zu zahlen.
»Hao!« rief der Fahrer aus und griff nach dem Geld. »Bingli ba!« fügte er hinzu und rechtfertigte sein Verhalten mit einem plötzlich krank gewordenen Touristen.
Jason und d'Anjou stiegen ein, und der Fahrer maulte über den zweiten Fahrgast. Borowski ließ weitere zwanzig Yuan auf den Vordersitz fallen, was den Mann besänftigte. Er wendete, löste sich aus der Taxischlange und verließ den Flughafenkomplex.
»Dort vorne ist ein Bus«, sagte d'Anjou, im Sitz nach vorne gebeugt, in etwas schwerfälligem Mandarin, zu dem Fahrer. »Können Sie mich verstehen?«
»Ihre Sprache ist Guanzhou, aber ich verstehe.«
»Er fährt zum Tian-An-Men-Platz.«
»Welches Tor?« fragte der Fahrer. »Welche Brücke?«
»Das weiß ich nicht. Ich habe nur die Nummer vorne auf dem Bus gesehen. Sie lautet sieben-vier-zwei-eins.«
»Die letzte Ziffer ist eine Eins«, sagte der Fahrer. »Tian-Tor, zweite Brücke. Eingang zur Kaiserstadt.«
»Gibt es einen Parkplatz für die Busse?«
»Es wird viele Busse geben. Alle sind voll. Sie sind sehr überfüllt. Der Tian-An-Men-Platz ist bei diesem Stand der Sonne überlaufen.«
»Wir sollten den Bus, von dem ich spreche, auf der Straße überholen, was für uns günstig ist, weil wir vor seiner Ankunft am Tian-An-Men-Platz sein wollen. Schaffen Sie das?«
»Ohne Schwierigkeit«, antwortete der Fahrer und grinste. »Die Busse sind alt und haben oft eine Panne. Vielleicht kommen wir viele Tage, bevor er das Nordtor erreicht, dort an.«
»Ich hoffe, das ist nicht Ihr Ernst«, unterbrach ihn Borowski.
»O nein, großzügiger Herr Tourist. Alle Fahrer sind ausgezeichnete Mechaniker - wenn sie das Glück haben, ihre Motoren zu finden.« Der Fahrer lachte verächtlich und trat auf das Gaspedal.
Drei Minuten später überholten sie den Bus, in dem der Killer fuhr. Sechsundvierzig Minuten darauf erreichten sie die weiße Marmorbrücke über einen von Menschenhand geschaffenen Burggraben vor dem Tor des Himmlischen Friedens - von dem aus die Führer Chinas Paraden von Vernichtungswerkzeugen, von tödlichen Waffen abnahmen. Hinter dem Tor mit dem so wenig zutreffenden Namen liegt eine der außergewöhnlichsten menschlichen Leistungen auf der ganzen Erde. Der Tian-An-Men-Platz. Der elektrisierende Knotenpunkt Beijings.
Die Majestät seiner Weite nimmt als erstes das Auge des Besuchers gefangen, und dann die architektonische Gewalt der großen Halle des Volkes zur Rechten, mit einer Banketthalle, in der mehr als fünftausend Menschen Platz finden, und einem »Konferenzsaal« für zehntausend. Gegenüber dem Tor steht ein Obelisk, der bis in die Wolken reicht und auf einer zweistöckigen Terrasse aus Marmor in die Höhe ragt und im Sonnenlicht glitzert, während im Schatten darunter in die mächtige Basis die Kämpfe und Triumphe der Revolution Maos eingegraben sind. Dies ist das Denkmal für die Helden des Volkes, wobei Mao in diesem Pantheon der Erste ist. Und dann all die anderen Gebäude, Denkmäler, Museen, Tore, Bibliotheken - soweit das Auge reicht. Aber mehr als alles andere beeindruckt das Auge die grenzenlose Weite offenen Raums. Raum und Menschen... und für das Ohr noch etwas anderes, etwas völlig Unerwartetes. Man könnte ein Dutzend der großen Stadien der Welt, größer als das Colosseum Roms, in den Tian-An-Men-Platz hineinpacken, ohne Enge zu leiden; Hunderttausende von Menschen können über diesen Platz gehen, und doch wäre noch für weitere Hunderttausende Raum. Und dennoch fehlt hier ein Element, das man in der blutigen Arena Roms nie vermißt hätte, geschweige denn in den großen Stadien der modernen Welt. Der Lärm fehlt - der Geräuschpegel liegt nur wenige Dezibel über der absoluten Stille, nur unterbrochen von leisem Fahrradgeklingel. Erst wirkt die Stille friedlich, dann bedrohlich. Sie ist unnatürlich, wie von einer unhörbaren Stimme befohlen, gegen die keiner aufbegehrt, der man sich fügt - und das ist beängstigend. Besonders, wenn sogar die Kinder still sind.