Jason nahm das alles schnell und ohne Anteilnahme in sich auf. Er bezahlte dem Fahrer, was der Taxameter anzeigte, und verlagerte seine Konzentration auf die Probleme, die ihn und d'Anjou jetzt erwarteten. Aus welchem Grund auch immer, ob ihn nun ein Telefonanruf erreicht hatte, oder ob er sich für Instruktionen entschieden hatte, die man ihm schon vorab erteilt hatte, jedenfalls war der Killer zum Tian-An-Men-Platz unterwegs. Die Pavane würde mit seiner Ankunft beginnen, die langsamen Schritte des vorsichtigen Tanzes würden den Killer näher und näher zum Vertreter seines Klienten tragen, wobei der Klient selbst sich nicht blicken lassen würde. Aber ein Kontakt würde erst dann hergestellt werden, wenn der falsche Borowski davon überzeugt war, daß das Rendezvous sauber war. Aus diesem Grunde würde der »Priester« die Zielposition selbst erforschen, die Koordinaten des Treffpunkts umkreisen und sich vergewissern, ob etwa bewaffnete Häscher ihm auflauerten. Er würde einen, vielleicht auch zwei in seine Gewalt bringen und sie zwingen, mit seiner Messerspitze, oder indem er ihnen eine schallgedämpfte Pistole in die Rippen drückte, ihm die Information zu liefern, die er benötigte; ein einziger Blick würde ihm verraten, daß das Treffen ein Vorspiel zu seiner Exekution war. Am Ende schließlich, wenn ihm das Umfeld sauber vorkam, würde er einen seiner Gefangenen zum Vertreter seines Klienten schicken und sein Ultimatum stellen: Der Klient selbst mußte sich zeigen und in das von dem Killer ausgespannte Netz gehen. Alles andere war nicht akzeptabel; die Zentralfigur, der Klient, mußte das tödliche Gleichgewicht herstellen. Dann würde ein zweiter Treffpunkt vereinbart werden. Der Klient würde als erster eintreffen und würde beim ersten Anzeichen von Verrat sterben. So wäre Jason Borowski vorgegangen. Und so würde auch der Killer vorgehen, wenn er auch nur einen Funken Verstand hatte.
Bus Nummer 7421 rollte ans Ende der Busschlange und spuckte die Touristen aus. Der Killer im Priestergewand stieg aus, war einer älteren Frau beim Aussteigen behilflich und strich ihr über den Kopf, als er ihr ein sanftes Lebewohl zunickte. Er drehte sich um, ging schnell um den Bus herum und verschwand dahinter.
»Bleiben Sie gute zehn Meter hinter mir und behalten Sie mich im Auge«, sagte Jason. »Tun Sie, was ich tue. Wenn ich anhalte, bleiben Sie auch stehen, wenn ich abbiege, biegen Sie ab. Bleiben Sie in der Menge; gehen Sie von einer Gruppe zur nächsten, aber vergewissern Sie sich, daß Sie immer von Leuten umgeben sind.«
»Seien Sie vorsichtig, Delta. Er ist kein Amateur.«
»Das bin ich auch nicht.« Borowski rannte zum Bus, blieb stehen und schob sich vorsichtig um den heißen, übelriechenden Auspuff des Heckmotors herum. Der Priester war etwa fünfzig Meter vor ihm, und seine schwarze Soutane wirkte in dem diffusen Licht wie ein dunkler Leuchtturm. Mit oder ohne Menschenmenge, es fiel nicht schwer, ihm zu folgen. Die Tarnung des Killers war akzeptabel, und die Art und Weise, wie er seine Rolle spielte, ebenfalls. Aber wie das bei einer Tarnung meistens der Fall ist, war sie zugleich auch auffällig, und dadurch ein Handicap. Solche Handicaps klein zu halten, war der Unterschied zwischen Spitze und gutem Durchschnitt. Der Profi in Jason billigte den Status des Geistlichen, aber nicht das priesterliche Schwarz. Eine Priestersoutane war nun einmal schwarz, aber ein anglikanischer Pfarrer hätte auch einen grauen Anzug tragen können. Grau verschwamm im Sonnenlicht, Schwarz nicht.
Plötzlich löste sich der Killer aus der Menge und trat hinter einen chinesischen Soldaten, der Aufnahmen machte, die Kamera in Augenhöhe hielt und den Kopf dauernd bewegte. Borowski begriff. Das war kein harmloser Rekrut, der in Beijing Urlaub machte; dazu war er zu profiliert, seine Uniform zu gut geschnitten - so wie d'Anjou das bezüglich des Offiziers in dem Wagen des Vogelreservats festgestellt hatte. Die Kamera war ein raffiniertes Hilfsmittel, um sich die Menschenmenge genauer anzusehen - der erste Treffpunkt war nicht weit entfernt. Jetzt legte der Killer dem Soldaten väterlich die rechte Hand auf die linke Schulter. Seine Linke blieb unsichtbar, versteckt hinter der schwarzen Soutane - ohne Zweifel hatte er dem Offizier eine Pistole in die Rippen gepreßt. Der Uniformierte erstarrte, aber sein Ausdruck blieb selbst in seiner Panik stoisch. Er bewegte sich mit dem Killer, der jetzt seinen Arm fest gepackt hielt und Befehle erteilte. Plötzlich knickte der Soldat in der Mitte ab, hielt sich die linke - - Seite, erholte sich aber schnell wieder und schüttelte den Kopf; der »Priester« hatte ihm wieder die Waffe in die Seite gebohrt. Er würde jetzt die Befehle befolgen, die man ihm erteilte, oder auf dem Tian-An-Men-Platz sterben. Einen Kompromiß gab es nicht.
Borowski wirbelte herum, bückte sich, band sich den Schnürsenkel und entschuldigte sich bei den Menschen hinter sich. Der Killer hatte seine hintere Flanke überprüft; das Ausweichmanöver war notwendig. Jason richtete sich auf. Wo war er? Wo war der Mann in seiner Maske? Dort; der Killer -. hatte den Soldaten gehenlassen. Warum? Der Armeeoffizier rannte quer durch die Menge, schrie, gestikulierte wild und brach dann plötzlich zusammen, und die Leute sammelten sich erregt schnatternd um seinen reglosen Körper.
Ablenkungsmanöver! Vorsicht. Jason rannte weiter, er hatte das Gefühl, daß der Zeitpunkt stimmte. Das war also keine Pistole gewesen, sondern eine Nadel - kein Pistolenlauf, den man dem Mann in die Seite gepreßt hatte, sondern eine Nadel, die seine Haut nur angeritzt hatte. Der Killer hatte einen Bewacher erledigt; jetzt würde er den nächsten suchen, vielleicht dann noch einen. Das Drehbuch, das Borowski vorhergesagt hatte, war in Gang gekommen. Und da der Killer sich jetzt einzig und allein auf die Suche nach seinem nächsten Opfer konzentrieren würde, war jetzt der richtige Zeitpunkt! Jetzt! Jason wußte, daß er jeden Menschen auf der Erde mit einem lähmenden Schlag in die Nieren kampfunfähig machen konnte, ganz besonders einen Mann, der jetzt am allerwenigsten daran dachte, man könne ihn selbst angreifen - wo er doch seinerseits angriff und sich darauf konzentrierte. Borowski verringerte den Abstand zwischen sich und dem Killer. Fünfzehn Meter, zwölf, zehn ... Er arbeitete sich von einer Menschentraube in die nächste ... der schwarz gekleidete »Priester« war in Reichweite. Jetzt würde er zuschlagen! Marie!
Ein Soldat. Noch ein Soldat! Aber diesmal kam es nicht zu einem Angriff, sondern zur Kommunikation. Der Soldat nickte und deutete nach links. Jason sah verwirrt in die Richtung, die der Soldat gewiesen hatte. Ein kleiner Chinese in Zivilkleidung, mit einer Aktentasche mit dem Regierungssiegel, stand am Sockel einer breiten Steintreppe, die zum Eingang eines mächtigen Bauwerks mit Granitsäulen und zwei Pagodendächern hinaufführte. Der Bau stand unmittelbar hinter dem Heldendenkmal, und die kalligraphischen Zeichen über den mächtigen Türflügeln verkündeten, daß es sich um die Gedächtnishalle des Vorsitzenden Mao handelte. In zwei Reihen schoben sich die Menschen die Stufen hinauf, wobei Wachen damit beschäftigt waren, die einzelnen Gruppen voneinander getrennt zu halten. Der Zivilist stand zwischen den beiden Reihen, seine Aktentasche war ein Symbol seiner Autorität; deshalb ließ man ihn in Frieden. Plötzlich und ohne jede Vorwarnung packte der hochgewachsene Killer den Arm des Soldaten und stieß den kleineren Mann vor sich her. Jetzt krümmte sich der Rücken des Mannes, seine Schultern zuckten nach oben; man hatte ihm eine Waffe gegen die Wirbelsäule gedrückt und ganz spezifische Befehle erteilt.