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Während die Erregung wuchs und sich immer mehr Menschen um den zusammengebrochenen ersten Soldaten sammelten und ein paar Polizeibeamte sich einen Weg durch die Menge bahnten, gingen der Meuchelmörder und sein Gefangener mit gleichmäßigen Schritten auf den Zivilisten auf der Treppe des Mao-Monuments zu. Der Mann hatte Angst, sich zu bewegen; und wieder begriff Borowski. Diese Männer waren dem Killer bekannt; sie gehörten dem innersten Kreis dieser Elite an, die zum Klienten des Meuchelmörders führte, und der Klient befand sich ganz in der Nähe. Das waren keine kleinen Handlanger. Das Ablenkungsmanöver, das jetzt nur mehr eine kleine Störung war, weil die Polizei inzwischen die Menge zerstreut und den reglosen Körper weggetragen hatte, hatte dem Killer die Sekunden verschafft, die er brauchte, um die Kette unter Kontrolle zu bekommen, die zu seinem Klienten führte. Der Soldat, den er mit eisernem Griff festhielt, war ein toter Mann, wenn er nicht gehorchte, und jeder einigermaßen gute Schütze konnte den Mann auf der Treppe mit einem einzigen Schuß töten. Die Zusammenkunft hatte zwei Stufen, und solange der Killer die zweite Stufe unter Kontrolle hatte, war er durchaus bereit, weiterzugehen. Der Klient befand sich ganz offenkundig irgendwo im Inneren des riesigen Mausoleums und konnte nicht wissen, was draußen geschah, noch würde einer seiner Helfer es wagen, seinem Vorgesetzten nach innen in die Konferenzzone zu folgen. Jetzt war keine Zeit mehr für Analysen, das wußte Jason. Er mußte handeln. Schnell. Er mußte sich Zutritt zu Mao Tse-tungs Monument verschaffen, mußte beobachten, mußte warten, bis die Zusammenkunft so oder so endete - und dabei kam ihm plötzlich in den Sinn, daß er den Killer vielleicht würde beschützen müssen. Eine widerwärtige, aber realistische Vorstellung. Sein einziges Plus war, daß der Mann in seiner Maske nach einem Drehbuch agiert hatte, das von ihm selbst hätte stammen können. Und wenn die Konferenz friedlich verlief, dann kam es einfach darauf an, dem Killer zu folgen, den dann ohne Zweifel der Erfolg seiner Taktik ebenso in Hochstimmung versetzt haben würde wie das, was sein Klient ihm gab - und dann einen arglosen Egozentriker der schlimmsten Sorte auf dem Tian-An-Men-Platz in seine Gewalt zu bekommen.

Borowski drehte sich um und hielt Ausschau nach d'Anjou. Der Franzose stand am Rande einer kontrollierten

Touristengruppe; er nickte, als hätte er Deltas Gedanken gelesen, wies neben sich auf den Boden und beschrieb mit dem Zeigefinger einen Kreis. Das war ein stummes Signal aus ihrer gemeinsamen Zeit bei Medusa. Das bedeutete, daß er bleiben würde, wo er war, sich aber, wenn er sich bewegen mußte, in Sichtweite jenes ganz bestimmten Ortes halten würde. Das war genug. Jason trat hinter den Killer und seinen Gefangenen und ging schräg durch die Menge, durchquerte schnell den freien Raum zu der Schlange auf der rechten Hälfte der Treppe und ging dort auf den Posten zu. In höflichem, fast devotem Mandarin sagte er: »Hoher Offizier, mir ist das äußerst peinlich! Die Kalligraphie auf dem Volksmonument hat mich so beeindruckt, daß ich meine Gruppe verloren habe, die erst vor wenigen Minuten hier durchgekommen ist.«

»Sie sprechen unsere Sprache sehr gut«, sagte der erstaunte Uniformierte, offenbar verblüfft, daß ein Nichtchinese ihn ansprach. »Sie sind sehr höflich.«

»Ich bin einfach ein unterbezahlter Lehrer aus dem Westen, der voll der Liebe für Ihre große Nation ist, hoher Offizier.«

Der Wachmann lachte. »Ich stehe zwar nicht so weit oben, aber unsere Nation ist groß. Meine Tochter trägt auf der Straße Bluejeans.«

»Wie bitte?«

»Nichts. Wo haben Sie Ihre Gruppenidentifikation?«

»Meine was?«

»Das Namensschild, das an der Kleidung zu tragen ist.«

»Es ist immer wieder heruntergefallen«, sagte Borowski und schüttelte hilflos den Kopf. »Es wollte einfach nicht steckenbleiben. Ich muß es verloren haben.«

»Wenn Sie Ihre Gruppe eingeholt haben, gehen Sie zu Ihrem Führer und beschaffen Sie sich ein neues. Gehen Sie nur. Stellen Sie sich auf der Treppe an. Hier ist irgend etwas nicht in

Ordnung. Die nächste Gruppe wird vielleicht warten müssen. Sie werden Ihre Tour verpassen.«

»Oh? Gibt es ein Problem?«

»Ich weiß nicht. Der Beamte mit der Aktentasche mit dem Regierungssiegel gibt uns unsere Anweisungen. Ich glaube, er zählt die Yuan, die man hier machen könnte, und meint, daß dieser heilige Ort so voll wie die Untergrundbahn von Beijing sein müßte.«

»Sie waren sehr liebenswürdig.«

»Beeilen Sie sich, Sir.«

Borowski hetzte die Stufen hinauf, bückte sich hinter der Menge, um erneut unnötigerweise einen Schnürsenkel festzuknoten, und hielt dabei den Kopf zur Seite gedreht, um den Killer zu beobachten. Jetzt redete der Mann, der immer noch den Soldaten festhielt, leise auf den Zivilisten ein - aber irgend etwas kam ihm seltsam vor. Der kleine Chinese in dem dunklen Anzug nickte, aber seine Augen waren nicht auf den Killer gerichtet, sondern an ihm vorbei. Aber stimmte das? Jasons Blickwinkel war nicht der beste. Doch wie auch immer, das Drehbuch lief unbehindert weiter ab, der Killer würde auf seine Weise mit seinem Klienten Verbindung aufnehmen.

Er trat durch die Tür ins Halbdunkel, ebenso wie alle anderen vor ihm, vom plötzlichen Auftauchen der gigantischen Marmorskulptur des sitzenden Mao beeindruckt, einem Bildwerk, das so hoch und majestätisch aufragte, daß man in seiner Anwesenheit am liebsten den Atem angehalten hätte. Und man hatte auch keineswegs auf theatralische Effekte verzichtet. Die Lichtbündel, die die exquisite, scheinbar durchsichtige Marmorskulptur beleuchteten, erzeugten eine ätherische Wirkung, die die gigantische sitzende Gestalt von dem Samtteppich dahinter abhob und von der Finsternis, die sie umgab. Die massive Statue mit den suchenden Augen schien in sich zu leben und sich ihrer Umgebung bewußt zu sein.

Jason zwang sich, die Augen abzuwenden und nach Türen und Korridoren zu suchen. Es gab keine. Es war ein Mausoleum, das ganz dem Heiligen einer Nation gewidmet war. Aber es gab Säulen, mächtige, hohe Marmorsäulen, die einem die Möglichkeit boten, sich abzusondern. Der Ort der Zusammenkunft konnte im Schatten einer jener Säulen liegen. Er würde warten, würde sich ebenfalls im Schatten halten und aufpassen.

Seine Gruppe betrat die zweite große Halle, die, falls das überhaupt möglich war, noch elektrisierender als die erste war. Sie sahen sich einem Sarg aus Kristallglas gegenüber, der den Leichnam des Vorsitzenden Mao Tse-tung umgab, eingehüllt in die rote Fahne, eine wächserne Leiche in friedlicher Ruhestellung - und doch schien es, als würden sich die geschlossenen Augen jeden Augenblick weit öffnen und sie in feuriger Mißbilligung anstarren. Rings um den erhaben aufgestellten Sarkophag waren Blumen angeordnet, und zwei Reihen dunkelgrüner Fichten in riesigen Keramiktöpfen säumten die gegenüberliegenden Wände. Wieder spielten die Lichtstrahlen eine dramatische Farbsymphonie, durchstießen sich miteinander schneidende Strahlenbündel die Dunkelheit und tauchten das leuchtende Gelb und Rot und Blau der Blumen in gleißendes Licht.