In der ersten Halle entstand Unruhe und störte das ehrfürchtige Schweigen der Menschen, aber das ging ebenso schnell vorbei, wie es angefangen hatte. Als letzter Tourist in der Reihe löste Borowski sich von der Gruppe, ohne daß die anderen das bemerkten. Er schlüpfte hinter eine Säule, suchte deren schützenden Schatten und spähte um den glitzernden weißen Marmor herum.
Was er sah, paralysierte ihn, während ein Dutzend Gedanken in seinem Schädel aufeinanderprallten und mehr als alles andere das eine Wort Falle! Es gab keine Gruppe hinter seiner eigenen! Sie war die letzte, die man eingelassen hatte - er war die letzte
Person, die man eingelassen hatte - ehe die schweren Torflügel sich geschlossen hatten. Das war das Geräusch, das er gehört hatte - das Schließen der Torflügel und das enttäuschte Aufstöhnen derer, die draußen darauf warteten, daß man ihnen den Zugang gestattete.
Etwas geht hier vor ... Die nächste Gruppe wird vielleicht warten müssen ... Ein freundlicher Wachmann auf den Stufen.
Mein Gott, das Ganze war von Anfang an eine Falle! jede Bewegung, jeder Anschein war kalkuliert gewesen! Von Anfang an! Die Information, für die er auf einer vom Regen gepeitschten Insel bezahlt hatte, die fast nicht zu beschaffenden Flugtickets, die erste Entdeckung des Killers auf dem Flughafen- ein professioneller Killer, der zu einer viel besseren Verkleidung fähig war, mit zu auffälligem Haar und mit Kleidern, die ihn nur unzureichend tarnten. Und dann die Komplikation mit einem alten Mann, einem pensionierten Brigadier der Royal Engineers - so unlogisch logisch! So richtig, die Witterung der Täuschung so genau, so unwiderstehlich! Ein Soldat im Fenster eines Lieferwagens, der nicht nach ihm Ausschau hielt, sondern nach ihnen! Die schwarze Soutane - ein dunkler Leuchtturm in der Sonne, bezahlt von dem, der den Killer geschaffen hatte -, so leicht zu entdecken, so leicht zu verfolgen. Herrgott, von Anfang an! Schließlich die Szenenfolge auf dem riesigen Platz, aus einem Drehbuch, das von Borowski selbst hätte stammen können - wieder für den Verfolger unwiderstehlich. Eine umgedrehte Falle: den Jäger fangen, während er seinem Opfer auflauert.
Verzweifelt sah Jason sich um. Vorne, in der Ferne, war ein Sonnenstrahl zu sehen. Die Ausgangstüren befanden sich am anderen Ende des Mausoleums; sie würden bewacht sein, jeden Touristen würde man unter die Lupe nehmen, wenn er hinausging.
Schritte. Hinter seiner rechten Schulter. Borowski wirbelte nach links herum, zog den Messingbrieföffner aus dem Gürtel.
Eine Gestalt in einem grauen Mao-Anzug von militärischem Schnitt ging vorsichtig im Schatten der Fichten an der mächtigen Säule vorbei. Er war nicht einmal zwei Meter von ihm entfernt. In der Hand hielt der Mann eine Waffe mit einem dicken Aufsatz auf dem Lauf als Garantie dafür, daß ein Schuß nicht lauter als ein Spucken klingen würde. Jason führte seine tödlichen Kalkulationen in einer Art und Weise durch, die David Webb nie verstehen würde. Die Klinge mußte ihr Ziel so finden, daß sie den sofortigen Tod garantierte. Aus dem Mund seines Feindes durfte kein Laut dringen, während er die Leiche in die Finsternis zurückzerrte.
Er sprang vor, und die zu Klauen gebogenen Finger seiner linken Hand klammerten sich wie ein Schraubstock um das Gesicht des Minnes, während er ihm den Brieföffner in den Hals trieb und die Klinge die Sehnen und zerbrechlichen Knorpel durch trennte und die Luftröhre durchschnitt. Mit einer einzigen fließenden Bewegung ließ Borowski die linke Hand sinken, packte die große Waffe, die sein Feind noch immer umkrampft hielt, und drehte die Leiche herum, ließ sich mit ihr unter die Zweige der Fichten fallen, die die rechte Mauer säumten. Er schob die Leiche in die dunklen Schatten zwischen zwei großen Keramiktöpfen. Dann kroch er über die Leiche, die Waffe vor dem Gesicht, und arbeitete sich an der Mauer entlang auf die erste Halle zu, wo er sehen konnte, ohne gesehen zu werden.
Ein zweiter uniformierter Mann durchquerte den Lichtstrahl, der die Dunkelheit des Eingangs zur zweiten Halle erleuchtete. Er stand jetzt vor Maos Kristallsarg, beleuchtet von den gespenstischen Strahlenbündeln, und sah sich um. Er hielt ein Funkgerät an den Mund und sprach, lauschte dann; fünf Sekunden später veränderte sich sein Gesichtsausdruck, wurde besorgt. Er ging schnell nach rechts, verfolgte den Weg, den man dem ersten Mann zugeteilt hatte. Jason huschte zu der Leiche zurück, arbeitete sich auf Händen und Knien lautlos über den Marmorboden und schob sich an den Rand der tiefhängenden Zweige.
Der Soldat kam jetzt näher, seine Schritte wurden langsamer, er musterte die letzten Leute in der Schlange vor sich. Jetzt! Borowski sprang auf, als der Mann an ihm vorüberging, drückte ihm den Arm von hinten um den Hals und erstickte jeden Laut, während er ihn unter die Zweige zog und ihm die Waffe in den Leib preßte. Er drückte ab; die gedämpfte Detonation klang höchstens wie ein Husten, nicht lauter. Der Mann stieß einen letzten heftigen Atemzug aus und erschlaffte.
Er mußte hier raus! Wenn er in dem ehrfürchtigen Schweigen des Mausoleums in die Falle ging und getötet wurde, dann hatte der Killer freie Bahn, und nichts würde dann mehr Maries Tod abwenden können.
Seine Feinde ließen die Falle jetzt zuschnappen. Er mußte irgendwie überleben! Die sauberste Flucht erfolgt in Etappen unter Ausnutzung herrschender Verwirrung, oder indem man selbst Verwirrung erzeugt.
Etappe eins und Etappe zwei waren erledigt. Eine gewisse Verwirrung existierte bereits, falls andere Männer in ihre Funkgeräte flüsterten.
Jetzt bedurfte es nur noch eines Brennpunkts, einer so heftigen und unerwarteten Störung, daß die, die ihn in den Schatten jagten, selbst Objekte einer plötzlichen hysterischen Suche wurden.
Und dazu gab es nur eine Möglichkeit, und Jason verspürte keinerlei obskure heroische Gefühle wie Ich könnte bei dem Versuch sterben. Er mußte es tun! Es mußte klappen! Alles hing von seinem Überleben ab, mehr als nur seine eigene Sicherheit. Er war jetzt ganz Profi, auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit, ruhig, entspannt und zielbewußt.
Borowski stand auf und schob sich quer durch das Astwerk, durchquerte den freien Raum, bis er die Säule vor sich erreicht hatte. Dann rannte er zur nächsten, und dann wieder zur nächsten, der ersten Säule in der zweiten Halle, zehn Meter von dem theatralisch angestrahlten Sarkophag entfernt. Er schob sich um das Marmorgebilde herum und wartete, beobachtete die Eingangstür.
Und dann geschah es. Der Offizier, der der »Gefangene« des Killers war, tauchte mit dem kleinen Zivilisten mit der Aktentasche auf. Der Soldat trug ein Funkgerät; jetzt hob er es an, um zu sprechen und zu lauschen, schüttelte dann den Kopf, steckte das Funkgerät in die rechte Jackettasche und zog die Pistole aus dem Halfter. Der Zivilist nickte, griff unter sein Jackett und holte einen kurzläufigen Revolver heraus. Die beiden gingen auf den gläsernen Sarg mit den sterblichen Überresten Mao Tse-tungs zu, sahen einander dann an und trennten sich; einer ging nach links, der andere nach rechts.
Jetzt! Jason hob die Waffe, zielte schnell und feuerte. Einmal! Eine Haaresbreite zu weit rechts. Zweimal! Die Schüsse klangen wie Husten im Schatten, als beide Männer gegen den Sarkophag stürzten. Borowski packte den heißen Zylinder auf dem Lauf der Pistole mit dem Rockschoß und drehte ihn herunter. Er hatte noch fünf Kugeln übrig. Er betätigte den Abzug schnell hintereinander. Die Explosionen füllten das Mausoleum, hallten von den Marmorwänden wider, ließen das Kristallglas des Sarges zersplittern, und die Kugeln bohrten sich in die krampfhaft zuckende Leiche Mao Tse-tungs, eine durchdrang die blutlose Stirn, eine andere fetzte ein Auge weg.